Warum man heute Arbeiterlieder singt

Berührende Momente

Von Christoph Hentschel

Achim Bigus an der Gitarre, ein volles Zelt und stundenlang gemeinsam Lieder aus 150 Jahren Arbeiterbewegung singen, das gehört zum Festival, wie Cuba Libre und Hamburger Fünfkampf.

Achim Bigus an der Gitarre, ein volles Zelt und stundenlang gemeinsam Lieder aus 150 Jahren Arbeiterbewegung singen, das gehört zum Festival, wie Cuba Libre und Hamburger Fünfkampf.

( Tom Brenner)

Ein Festival der Jugend ohne Arbeiterliederabend wäre undenkbar. Achim Bigus an der Gitarre, ein volles Zelt und stundenlang gemeinsam Lieder aus 150 Jahren Arbeiterbewegung singen, das gehört zum Festival, wie Cuba Libre und Hamburger Fünfkampf. Aber warum eigentlich? Kurios erscheint es einem schon, wenn in Zeiten von genormter Kultur und industrieller Medienproduktion junge Menschen lieber Freiheits- und Kampflieder singen. „Leck mich fett, ist das geil“, sagt der 29-jährige Wissenschaftliche Mitarbeiter Adrian auf die Frage, warum er am Liederabend teilnimmt. Aber wieso ist das so? „Es macht gute Laune und gibt Kraft“, meint die 41-jährige Pädagogin Burgi. „Gemeinsames Singen verbindet, egal woher man kommt. Das ist ein berührender Moment, den man sich nicht entgehen lassen sollte“, ergänzt die 25-jährige Physikstudentin Sonja.

Zusammen singen verbindet also. Aber würden da nicht die Popsongs reichen, die in den letzten Jahren den Massengeschmack befriedigt haben? „Arbeiterlieder sind ein wichtiges Kulturgut, die zeigen, wo unsere Kämpfe waren und heute noch liegen“, sagt der 25-jährige Student Fabian und der 23-jährige Nikos fügt hinzu: „Das ist proletarische Kultur und die sollte man erhalten.“ Denn sie vermitteln nicht nur Freude und Mut, sondern auch Erfahrungen aus Kämpfen vergangener Tage, die einem nach dem Festival hilfreich sein können. „Ich finde, das ist eine gute Sache. Ich kenne noch sehr wenige Lieder, aber freue mich, mehr kennenzulernen“, sagt die 27-jährige Sozialpädagogin Tamara.

Gibt Kraft, Mut und Wissen über vergangene Kämpfe: Gemeinsam singen beim Arbeiterliederabend.

Gibt Kraft, Mut und Wissen über vergangene Kämpfe: Gemeinsam singen beim Arbeiterliederabend.

( Tom Brenner)

Dass der Arbeiterliederabend den Festivalteilnehmern wichtig ist, merkt man auch in diesem Jahr. Die „Internationale“ ist zu Ende gesungen, das Publikum lässt den Werkzeugmacher und VW-Vertrauenskörperleiter Achim Bigus aber nicht seine Gitarre wegräumen. Seit der Liedermacher Hannes Wader auf dem UZ-Pressefest 1977 Arbeiterlieder sang und seinen Auftritt mit der „Internationale“ beendete, hat sich die Tradition gebildet, Liederabende so abzuschließen. „Auch wenn das ein Traditionsbruch ist, den Feierabend bestimmen wir“, sagt der 28-jährige Angestellte Tom. Etliche Lieder folgen und Achim Bigus wird nicht müde, seinem Publikum das zu geben, was es will – denn „Es gibt nur einen Achim Bigus“, wie es die 17-jährige Schülerin Lena ausdrückt.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Berührende Momente", UZ vom 14. Juni 2019



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