Die Kriegsertüchtiger im Bundestag, ihre Medien, Polizeiapparate und Geheimdienste haben es versucht. Bevor der dritte bundesweite Aktionstag des Schulstreiks gegen die Wehrpflicht begann, nahmen die Einschüchterungsversuche zu. Der Inlandsgeheimdienst „Verfassungsschutz“ versuchte, einen Schüler auf dem Weg zur Schule abzufangen. Eine Schülerin wurde während eines Praktikums vom Bundeskriminalamt angesprochen. Der „Bayerische Rundfunk“ warnte in einem ebenso umfangreichen wie inhaltsleeren Beitrag: „Verfassungsfeinde mobilisieren“. Doch genutzt hat es nichts.
Am 8. Mai bestreikten mehr als 45.000 Schülerinnen und Schüler in rund 150 Städten ihre Schulen. Das historische Datum war nicht zufällig gewählt. 81 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges und der Befreiung vom Faschismus werde ein neuer Krieg vorbereitet, hieß es im Aufruf „Nie wieder Wehrpflicht! Nie wieder Krieg“. Die Jugend denkt nicht daran, als Kanonenfutter für die Rüstungskonzerne und den Kriegskanzler herzuhalten.
Die empfindlichen Reaktionen der Zeitenwende-Akteure kommen nicht von Ungefähr. Alles deutet darauf hin, dass der in diesem Jahr eingeführte „Neue Wehrdienst“ nur auf wenig Begeisterung stößt. Längst ist ein Informationskrieg über die Antwortquote auf die seit diesem Jahr massenhaft verschickten Fragebögen zur Wehrerfassung entbrannt.
In der vergangenen Woche meldete das „RedaktionsNetzwerk Deutschland“ (RND) unter Berufung auf „Bundeswehrkreise“, dass bislang nur 72 Prozent der zur Antwort verpflichteten jungen Männer auf den Fragebogen reagiert hätten. Jeder Vierte hatte demnach keine Angaben zu seiner Wehrbereitschaft gemacht. Zahlreiche Medien zitierten den RND-Bericht, warnten vor Bußgeldern bis zu 250 Euro und verwiesen erfreut darauf, dass „rund die Hälfte der Antwortenden“ ein „Interesse signalisiert“ habe, den sechsmonatigen Wehrdienst zu leisten.
Doch ausgerechnet diese vermeintliche Erfolgsmeldung konnte das Bundesverteidigungsministerium auf UZ-Nachfrage nicht bestätigen. „Durch den sukzessiven Versand der Anschreiben und der geltenden Zeitlinien und Fristen für den Rücklauf können erste Erhebungen noch keine repräsentativen Ergebnisse oder Prognosen liefern“, so eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums am 7. Mai gegenüber UZ. „Erst im Laufe des Jahres gewinnen diese Genauigkeit sowie Aussagekraft und lassen valide Rückschlüsse zu.“
Einen Tag später hatte sich die Informationslage im Ministerium offenbar schlagartig geändert. In einer Pressemitteilung vom 8. Mai verkündete das Haus von Boris Pistorius (SPD), dass 86 Prozent der angeschriebenen Männer den Fragebogen innerhalb der vorgesehenen Frist ausgefüllt hätten. Nach Erinnerungsschreiben seien es sogar 90 Prozent gewesen. Woher diese erstaunlichen Zahlen kamen, die eigentlich erst „im Laufe des Jahres“ zur Verfügung stehen können, und auf welchen Zeitraum sich diese Aussage bezog, ließ das Ministerium offen. Manche Zahlen waren allerdings zu schlecht, um sie schönzutricksen. So musste das Ministerium zugeben: „Die Rücklaufquote bei Personen anderen Geschlechts, die den Fragebogen im Gegensatz zu Männern nicht ausfüllen müssen, liegt bei rund drei Prozent.“
Junge Frauen haben also wenig Lust, sich der „Truppe“ auszuliefern. Das angerichtete Statistik-Durcheinander kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das bei der großen Mehrheit der jungen Männer nicht anders aussieht.
Am vergangenen Donnerstag verkündete Pistorius die Standorte für den Aufbau von 24 Musterungszentren in ganz Deutschland. Damit soll die „flächendeckende Musterung ab Mitte 2027“ ermöglicht werden. Die Reaktivierung der Wehrpflicht rückt näher. Spätestens dann dürften auch die Zahlentricks beendet sein. Sobald der Zwang zum Mittel der Wahl wird, spielt das Wollen der jungen Generation keine Rolle mehr. Zehntausende Schülerinnen und Schüler sind nicht bereit, zu warten, bis es so weit ist. Sie haben in der vergangenen Woche trotz aller Repressionen gezeigt, dass Widerstand möglich ist. Dass er auch wirksam ist, zeigt die Nervosität der Gegenseite.









