In Hochwassergebieten fehlt vielen das Nötigste, Politiker beginnen über Aufbaufonds zu diskutieren

Betroffene haben die Nase voll

„Es läuft, wie es eben läuft, wenn man in einem kriegsähnlichen Umfeld lebt“, sagt eine Anwohnerin aus Bad Neuenahr gegenüber UZ. Erst seit wenigen Tagen hat sie wieder Strom und Wasser, das sie jedoch immer erst abkochen muss. Die Corona-Inzidenzzahl ist auf 45 gestiegen, während sie (bei Redaktionsschluss) im Bundesdurchschnitt bei 17,9 liegt. „Vorher habe ich mich penibel an alles gehalten, aber jetzt braucht man die Nähe“, sagt sie. Im Kreis Bad Neuenahr-Ahrweiler sind nach ersten Schätzungen zwei Drittel der Häuser zerstört. Sie hatte Glück im Unglück, ihre Wohnung liegt auf einem Hügel. Die Aufräumarbeiten verlaufen schleppend. „Die Zerstörungen auf über 50 Kilometer sind einfach zu groß. Wir haben kaum noch Infrastruktur hier“, sagt sie.

Derweil prüft die Staatsanwaltschaft Koblenz, ob sie Ermittlungen einleiten soll. Es geht um den „Anfangsverdacht der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung infolge möglicherweise unterlassener oder verspäteter Warnungen oder Evakuierungen der Bevölkerung“. Der beschuldigte Landrat Jürgen Pföhler (CDU) weist mögliche Versäumnisse von sich. Diese, in Deutschland sehr beliebte, Einzeltäter-These dürfte jedoch den Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen gefallen.

NRW-Chef und CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet wurde erst kürzlich bei einem Besuch in Swisttal-Odendorf von Anwohnern angegangen. „Bei mir liegen die Nerven blank“, klagte eine Frau. Sie sei chronisch krank und sie fürchte, dass sie ihre Medikamente nicht bekommt. Ein anderer fragt nach der versprochenen Hilfe, die man nirgendwo sehe. „Ich verstehe Sie!“ ist Laschets Antwort. Wortgewaltiger wird er, als ihm ein junger Mann vorwirft, das sei doch für ihn nur Wahlkampf. „Die Leute wollen Hilfe und das ist mein Job. Das hat mit Wahlkampf Null Komma Null zu tun“, entgegnet der Wahlkämpfer dem Mann.

Am 10. August will die Ministerpräsidenten-Konferenz über einen Wiederaufbaufonds diskutieren. Eine Sondersitzung, wie von der FDP beantragt, soll es im Bundestag nicht geben. Laschet sagte im ebenfalls betroffenen Schleiden, dass er den Wiederaufbaufonds per Bundesgesetz regeln will. „Damit ist nämlich verlässlich für alle, die jetzt auf Geld warten, gesichert, dass dieses Geld auch kommt.“ Die Anwohnerin aus Bad Neuenahr weiß jedoch jetzt schon genau, was sie am dringendsten braucht: „Eine Trinkwasser-Aufbereitungsanlage.“

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Betroffene haben die Nase voll", UZ vom 6. August 2021



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