Die Ausstellung „Europa auf Kur“ im Germanischen Nationalmuseum

Davos mal anders

Gabriel Bauer

Als Leserin oder Leser einer sozialistischen Zeitung kennen Sie natürlich Davos. Der kleine Ort in den Schweizer Alpen ist Ihnen ein Begriff. Für wenige Tage im Jahr blickt neben UZ die ganze Welt auf das 12.000-Einwohner-Idyll. Jahr für Jahr bringt das Weltwirtschaftsforum Davos in die Schlagzeilen. Selten sind es gute. In der restlichen Zeit gilt es als Residenz der Reichen und Schönen. Sie würden dem Örtchen aber Unrecht tun, es darauf zu reduzieren. Denn einst war Davos kulturell, nun ja, fast eine Metropole. Das weiß allerdings nur ein kleiner Expertenkreis. Dies zu ändern hat sich das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg mit der Sonderausstellung „Europa auf Kur“ auf seine Fahnen geschrieben.

Ihr erster Eindruck wird gleich ein richtig guter sein. Mit Betreten des Saales eröffnet sich Ihnen ein Bergpanorama. Wie Gipfel gruppieren sich die einzelnen Stationen sanft hinter den Textpassagen im Jugendstil. Die alpine Zeitenwende zum 20. Jahrhundert können Sie hier regelrecht atmen.

Nun aber zur Ausstellung. Was ist denn geboten? Postkarten und Plakate zeigen den Ort als Arbeitsplatz in den Bergen. Sozialgeschichtlich kommen Sie hier auf ihre Kosten, Weltgeschichte sieht anders aus. Daneben wird Ihnen der dortige Wintersport angepriesen und falls Sie es noch nicht wussten: Der als „Davoser Schlitten“ bekannte Holzschlitten erblickte eben dort das Licht der Welt. Müssen Sie nicht wissen, aber immerhin.

Sie nähern sich anschließend der Medizin. Pionierhaft wurde hier die Klimabehandlung eingeführt: Gut eingepackt liegt der Kurgast draußen im Kalten. Das klingt zwar unspektakulär, hatte aber viele Fans: Albert Einstein, Thomas Mann, Robert Louis Stevenson, Martin Heidegger und auch den Maler Ernst Ludwig Kirchner. Apropos Thomas Mann: Sein „Zauberberg“ spielt auf einem wundervollen Gipfel – Sie dürfen raten, welcher Ort hier verewigt wurde.

Zurück zu seiner Bedeutung als Kurort: Cholera, Tuberkulose und schließlich die Langzeitschäden der Soldaten des 1. Weltkriegs bringen Kundschaft und Erfindungen. Eine davon sehen Sie in Form kleiner blauer Fläschchen in den Ausstellungsvitrinen. Das sollten dereinst die Pandemiestopper gegen die Tuberkulose sein. Der hochinfektiöse Auswurf des Erkrankten landete mit der Erfindung der „Taschenspuckflasche“ eben nicht mehr auf den Fußböden, sondern fein säuberlich in der eigenen Tasche. Mit der Entdeckung des Antibiotikums verliert Davos allerdings seinen besonderen Glanz als Stadt der Sanatorien.

Eine kleine Randnotiz wird Sie als antifaschistisch gesinnten Museumsbesucher natürlich besonders interessieren: Kennen Sie das 1945 untergegangene KdF-Kreuzfahrtschiff „Wilhelm Gustloff“? 1937 wurde es auf den Namen des Faschisten Wilhelm Gustloff getauft. Dieser wurde ein Jahr zuvor als Landesleiter der NSDAP in der Schweiz in jener berühmten Alpenidylle von einem jüdischen Studenten erschossen.

Der Ausstellungsbereich „Friedensinsel und Kriegsdämmerung“ könnte Ihre Neugierde besonders wecken. Ab 1916 kommen auf Initiative des Roten Kreuzes Kriegsgefangene auf Kosten der Heimatstaaten zur Erholung in die Schweiz. Aus den Material- und Menschenschlachten mit Giftgas hinein in die romantische Bergkulisse. Diese Erfahrungen verbinden sich mit den pazifistischen Positionen vieler künstlerischer Kurgäste zu einer spürbaren Antikriegsstimmung.

Das Zentrum der Ausstellung bildet das Leben und Werk des „Brücke“-Malers Ernst Ludwig Kirchner. Seine auffälligen Gemälde in starken Farben leuchten Ihnen aus allen Ecken der Ausstellung entgegen. Der Kriegsgegner siedelte nach mehreren Aufenthalten dauerhaft nach Davos um seinen schlechten Gesundheitszustand zu stabilisieren. Dabei entstanden die Bilder von Brücken, Landschaften und Bauern. Kirchners Bilder sprechen eine so starke Sprache, dass Sie von Kunst nichts zu wissen brauchen, um sich an seinen Eindrücken erfreuen zu können. Die Ausstellung endet mit der Tatwaffe seines Suizids, oder stammen die zwei Einschusslöcher in seiner Brust gar nicht von ihm selbst? Logen die Bauern, die den Tathergang anschließend so genau beschrieben? Unterhaltsam und kriminologisch hat das Urs Wilmers in seinem Artikel „Wie starb Kirchner“ jüngst in der „Zeit“ beschrieben.

Nach rund 90 Minuten verlassen Sie die Ausstellung etwas klüger und künstlerisch beeindruckt und überlegen sich, ob es den Ausstellungskatalog noch braucht.


Ausstellung im Germanischen
Nationalmuseum Nürnberg,
bis 3. Oktober 2021;
ab 28. November im Kirchner
Museum Davos
Ausstellungskatalog: Europa auf Kur – Ernst Ludwig Kirchner, Thomas Mann und der Mythos Davos
45,50 Euro


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"Davos mal anders", UZ vom 27. August 2021



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