Wie den Klassen die Technik gegenübertritt

Deus ex machina

Eva Niemeyer

Leider musste wegen der Pandemie-Beschränkungen ein weiteres Seminar der Marx-Engels-Stiftung zum Thema „Künstliche Intelligenz, Produktivkraft und Gesellschaft“ ausfallen. Geplant war eine marxistisch orientierte Diskussion über die Triebkräfte und Auswirkungen der sogenannten „Digitalen Transformation“ auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse.

In ihrem hier dokumentierten Beitrag setzt sich die marxistische Psychologin und Politikwissenschaftlerin Eva Niemeyer mit „Künstlicher und natürlicher Intelligenz“ auseinander. Stefan Kühner, Vorstandsmitglied der Marx-Engels-Stiftung und UZ-Autor, konzentriert sich auf den Aspekt „Neue Arbeit“ in einer zeitlichen Phase, in der das Kapital massive Angriffe auf die Normalarbeitsverhältnisse fährt und lang erkämpfte Rechte der Arbeiterklasse ausgehebelt. Dabei geht er auch auf Aspekte ein, die im Windschatten der Pandemie ablaufen. 

Beide Vorträge können von der Homepage der Marx-Engels-Stiftung heruntergeladen werden.


Die Angst vor Künstlicher Intelligenz ist die Unkenntnis und beschränkte Nutzung der natürlichen

Philosophen neigen derzeit dazu, Künstliche Intelligenz (KI) in ihrem (mittelfristigen) Entwicklungspotenzial entweder maßlos zu unter- oder zu überschätzen: Während etwa Hubert Dreyfus seit 1972 regelmäßig nachzuweisen versucht, was KI nicht kann beziehungsweise nie können wird, veranschlagt Ray Kurzweil die Überholung der menschlichen Intelligenz durch künstliche auf das Jahr 2029, und Nick Bostrom warnt vor der bevorstehenden Übernahme der Welt durch eine Superintelligenz. Derlei Visionen verweisen auf eine beinahe dramatische Unkenntnis der menschlichen Intelligenz und viel mehr noch – der menschlichen Gesellschaft.

Da werden KI-Leistungen mit menschlichen verglichen in einer Weise, die gänzlich ignoriert, dass bereits ein Hammer stärker ist als ein menschlicher Arm und jeder Taschenrechner besser rechnen kann als der beste Mathematiker. Auch die Unterscheidung von „schwacher“ und „starker“ Künstlicher Intelligenz suggeriert, dass maschinelle Funktions- und Lernfähigkeit mit menschlicher in ihren unterschiedlichen Abstufungen vergleichbar sei.

Produktivkraftentwicklung beinhaltet von jeher die Extension menschlicher (Einzel-)Fähigkeiten im Zuge wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Die Werkzeugentwicklung übergreift notwendig die Entwicklung „intelligenter“ Systeme („Denkzeuge“) und macht damit den Vergleich des menschlichen Gehirns als einzelnes „Ding“ mit einer KI-Maschine inadäquat und damit unbrauchbar:

Das menschliche Gehirn, so wenig man es bislang neurobiologisch erschlossen hat, ist in seiner Funktionalität und Entwicklungsfähigkeit nur verstehbar als integraler Bestandteil einer evolutionären und gesellschaftlichen Entwicklung, die „natürliche Intelligenz“ hervorgebracht hat. Sie vergegenständlicht sich bei der Gattung Sapiens in der „Geräteumwelt“ (Klaus Holzkamp), die sich der Mensch als Gattungswesen geschaffen hat, in der historisch entstandenen arbeitsteiligen Verfasstheit der gesellschaftlichen Reproduktion sowie in allen Institutionen, die diese sowie die sozialen Beziehungen zwischen den Menschen regeln.

Jeder Mensch muss zu jedem historischen Zeitpunkt in der Lage sein, diese vergegenständlichte Intelligenz in einem Umfang zu adaptieren, die es ihm ermöglicht, sich in die arbeitsteilige Gesellschaft einzugliedern und dabei neben den gesellschaftlich reproduktiven Tätigkeiten jene sozialen Techniken erwerben, die ihn befähigen, neben einem Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Reproduktion sein persönlich-soziales Leben darin einzurichten. Individuelle Intelligenz bemisst sich entsprechend demnach, inwiefern dieser Adaptionsprozess gelingt.

Menschen, die sich dazu als unfähig erweisen, und dazu zählen im Übrigen auch die „Savants“ (zu deutsch: Wissende, gemeint sind Inselbegabte), die es zu computerähnlichen Leistungen bezüglich Rechen- und Gedächtnisfähigkeit bringen, aber unter massiven sozialen Behinderungen (Autismus) leiden, benötigen entsprechende gesellschaftliche Hilfseinrichtungen.

Die klassengeteilte kapitalistische Gesellschaft ermöglicht neben dem unterschiedlichen und insbesondere für die Arbeiterklasse erheblich beschränkten Zugang zur vergegenständlichten „natürlichen Intelligenz“ keine gesamthafte und damit kollektiv gesteuerte beziehungsweise abgestimmte Nutzung institutionalisierter und individueller Intelligenz und beherrscht daher ihre eigenen Produktivkräfte und deren Entwicklung nur einseitig und ungenügend. Sie muss sich Sorgen machen, dass ihre – anarchische – Technik­entwicklung sich verselbständigt und schließlich unbeherrschbar wird. Diese Unbeherrschbarkeit ist nicht der Technik geschuldet, sondern ein Defizit gegenwärtiger Produktionsverhältnisse.

Hingegen würde in einer kollektiv handlungsfähigen, also einer sozialistischen Gesellschaft (die sich nicht in „lebensbedrohlicher“ Systemkonkurrenz befindet, muss man hinzufügen), die Technikentwicklung, also auch die der künstlichen Intelligenz, systematisch und unter Berücksichtigung und Beobachtung aller Folgewirkungen mit der gebotenen Vorsicht und Evaluierungszeit entwickelt, im Kommunismus wäre sogar die Entwicklung eines menschenähnlichen Androiden, einer künstlichen Intelligenz mit menschlichen Fähigkeiten, denkbar. Dieser müsste mit seinen Chips aber vor allem eines lernen: was Menschen sind („seinesgleichen“ in evolutionärer Variante) und wie sie sich gesellschaftlich organisieren.

Davon ist allerdings natürliche wie menschliche Intelligenz noch weit entfernt.

Revision des Intelligenzbegriffs nötig

Der individuelle Intelligenz adressierende Begriff ist entsprechend zu revidieren: Nicht irgendwelche Sudoku-ähnlichen Tests identifizieren individuelle Intelligenz, sondern die Fähigkeit des Lernens und der Problemlösung in komplexen Fragestellungen, die unter anderem folgende Elemente beinhalten:

  • Beschränktheit von Informationen;
  • Implizität (Indirektheit) von Informationen;
  • Ambiguität (Mehrdeutigkeit) von Informationen.

Intelligenter Umgang mit Informationen, die unvollständig, nicht ausdrücklich (implizit) und mehrdeutig sind, erfordert eine bewusste Reflexion einer Problemstellung im Hinblick auf die Informationslage („Framing“), zugleich aber auch die Reflexion der eigenen Methodik, mit einer solchen Informationslage umzugehen und zu begründeten Ergebnissen (Plural!) zu gelangen.

Bei der Bewertung von „intelligenten“ Lösungen ist immer auch die Intelligenz des/der Bewertenden mit zu reflektieren: Es handelt sich nicht um eine „neutrale“, all-intelligente Instanz, sondern eine Person/Institution, die Bestandteil sowie Teilhaberin der vergegenständlichten Intelligenz ist wie oben beschrieben. Daher ist und bleibt die Bewertung von individueller Intelligenz notwendig mehrdeutig, komplex und unabschließbar.

In einer Gesellschaft, die Menschen nach ihrer Verwertbarkeit sortiert, sind Verfahren nötig, die die Bestimmung und Vergleichbarkeit individueller Intelligenz mittels numerischer Methoden erlauben – wie umstritten diese auch immer sein mögen. Sie ermöglichen die Zuordnung von geeigneten Arbeitskräften im arbeitsteiligen Getriebe bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Klassenzugehörigkeit, sprich: Der „Dümmste“ aus der Bourgeoisie soll strukturell immer noch dem „Intelligentesten“ aus dem Proletariat vorgezogen werden können.

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"Deus ex machina", UZ vom 8. Mai 2020



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