Falsche Pfifferlinge und echte Eiserne

Drei plus

Von Karl Rehnagel

U., dem Mann ohne Zähne, hatten sie in der Länderspielpause einen sozialen Betreuer an die Seite gestellt. Anscheinend kein Fußballfan, relativ sicher auch kein Bier-Fan, U.‘s Platz blieb jedenfalls leer. Kumpel A. war unterwegs, so blieb der schönen M., C. mit der Glatze, einer netten B. und mir der ganze Tisch. Immerhin ließ es sich mit der netten B. über Kinder, Fridays for Future, Beziehungen und ähnliches trefflich plaudern. Ich geb‘ dem Ganzen deshalb mal ne: Drei plus.

Das Spiel war … na ja. Ohne die Jungs vom Videobeweis, vom VAR, und übermotivierte Schieds- und Linienrichter auf dem Platz wäre das ein hübsches 3:1 oder 3:2 geworden, ein Fußballspiel. Aber so war es anders. 33. Minute: Hazard zieht ab, Sommer greift daneben, 1:0. Denkste. Denn der VAR meldet Abseits, und meint eine Szene, die gefühlt 5 Minuten vorbei ist. Absurd. In der 72. grätscht Hummels Herrmann ab, für mich klarer Elfer, aber diesmal bleiben Schiri und VAR stumm. In der 84. schießt Brandt dann ein Tor, der Schiri sieht Reus aber im passiven Abseits, der VAR sagt nix, kein Tor. So bleibt es beim 1:0 für den BVB durch Reus‘ Tor in der 58. Minute. Immerhin. Aber dieses ständige Zittern, ob der „Kölner Keller“ jetzt eingreift oder nicht, macht das Jubeln über Tore maximal noch halb so prickelig. Und wenn mir jetzt noch einer erklärt, warum der sicherlich hochtalentierte Julian Brandt ein Zweikampfverhalten an den Tag legt, dem ein altersschwaches Kastanienblatt im Herbststurm alle Ehre machen würde, wäre ich mit dem Sieg zufrieden. Also insgesamt so: Drei plus.

Und sonst? Bayern verliert zwei Punkte und Abwehrchef Süle (Kreuzbandriss) in Augsburg. Süle wünsche ich gute Besserung, den Bayern nicht. Die dürfen gerne weiter so vor sich hin dümpeln, bis die Birne von Uli Hoeneß ins Rotschwarze tendiert. Leipzig trennt sich im Konzernderby 1:1 von (VW) Wolfsburg. Passt. Frankfurt schlägt Leverkusen 3:0, da hätte ich keinen Pfifferling, noch nicht mal einen falschen, drauf gesetzt. Und die Eisernen von Union schlagen die bisher so starken Freiburger. Krass. Und Schalke? Kann man von letzter Woche kopieren: Wenn sie Erster werden könnten, werden sie nicht Erster (Nebenbei: Mir hat ihr 0:2 nicht gefallen. Ich hab die üble Befürchtung, die Knappen holen sich die drei Punkte wieder – nächste Woche im Derby). Die Liga aber ist spannend und unberechenbar. Wie damals mein Mathe-Abitur. Ich schwankte vorher lustig zwischen Zwei und Fünf minus. Wurde dann aber: Drei plus.

Die schöne M. verkündete noch lautstark in eine unbesetzte Richtung, dass sie jetzt noch eine Verabredung hätte. Ich musste schmunzeln und humpelte – mein rechtes Knie hatte sich wieder einmal, diesmal im Dänemark-Urlaub, verabschiedet – halbwegs gut gelaunt nach Hause. Das Pils war lecker, das Spiel ok, die nette B. nett und wir wieder punktgleich mit den Bayern. Ich würde sagen: mindestens Drei plus.

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"Drei plus", UZ vom 25. Oktober 2019



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