Die Geschichte einer Bergarbeiterfamilie aus dem Ruhrgebiet

Ein Jahrhundertbuch

Elvira Högemann

Man könnte es ein Jahrhundertbuch nennen – obwohl nur ein schmales Bändchen, knapp unter 100 Seiten. Es beginnt am Anfang des vorigen Jahrhunderts und endet am Vorabend des Jahrtausendwechsels.
Die Autorin Inge Krämer erzählt in einer losen Szenenfolge das Leben ihrer Familie. Vater und Onkel (so ihre künftige Stellung in Inges Leben) brechen als Halbwüchsige vom schlesischen Dorf auf in die Stadt, arbeiten bei der Eisenbahn und in der Fabrik; der Erste Weltkrieg macht sie zu Soldaten, am Ende zu Kriegsgefangenen. Danach ziehen sie nach Westen, ins Ruhrgebiet, wo Arbeiter für den Kohlebergbau gesucht werden – die geradezu klassische Karriere des Grundstocks der heute „eingesessenen“ Leute im Pott. Jedenfalls was die Tradition von Kohle und Stahl – mithin die Arbeiterklasse – angeht.

Beide Brüder werden Bergleute. Der eine – Hans, der künftige Vater – geht in die KPD, der andere, Jupp, bleibt katholisch, was der engen Verbundenheit aber offenbar keinen Abbruch tut. Beide greifen nach den Bildungsmöglichkeiten, die sich nun in Verwirklichung der Ideen der alten Sozialdemokratie auch in ihrer Ruhrgebietsstadt auftun. All das wird wunderbar konkret erzählt – von Hansens Liebe zu Heines Poesie, voran das „Wintermärchen“, bis zu Jupps Begeisterung für den Sternenhimmel und ferne Galaxien. Ebenso genau und anschaulich die Bilder aus dem schwierigen Alltag der Erwerbslosen – samt deren Erfindungsgabe, die eigenen Fähigkeiten zur Verbesserung des Lebens der Familie einzusetzen. Die Autorin lässt die Personen sprechen: Die Dialoge leben vom klug eingesetzten Ruhrgebiets-Slang, nicht übertrieben, aber glaubwürdig und authentisch.

Meine Lieblingsszene ist das Auftauchen von Inges künftiger Mutter Emma – das ist so detailreich, farbig und in allen Facetten lebendig erzählt, ein echtes Lesevergnügen. Der Vorgang selbst ist eine „denkwürdige Begebenheit“ – man kann sich vorstellen, dass sie immer wieder gern erzählt worden ist und sich auch dem Kind, das erst Jahre später geboren wird, tief eingeprägt hat.

Das Kind wird 1937 geboren. Also handeln seine frühen Erinnerungen hauptsächlich vom Krieg, von Naziherrschaft. Unverständliche Wörter kommen vor, nach denen das Kind selbstredend fragt, aber keine Antwort bekommt: „Goebbelsschnauze“ (fürs Radio) zum Beispiel überliefert solch eine zeittypische Kostbarkeit. Nazirituale werden umgangen, der Vater jedoch fällt auf und wird verhaftet, weil er den Zwangsarbeitern Brote mit in den Schacht bringt. Der Besuch im Knast an der Hand der Mutter, mit dem Geburtstagskuchen – wieder so eine Szene, die sich eingprägt hat und sich einprägen musste.
Auch wenn Herne von Bomben weitgehend verschont blieb, was ihm nach dem Krieg den Beinamen „goldene Stadt“ einbrachte, obwohl es doch eher grau war – die Angst in den Kellern, im Bunker unter dem Dröhnen der Bombenflugzeuge teilten Erwachsene wie Kinder. Unmittelbar am Ende des Krieges, als die Amerikaner den Rhein-Herne-Kanal überqueren, wird auch der Stadtteil Herne-Horsthausen beschossen. Die tagelang zugespitzte Situation löst sich auf in dem einzigen Satz der Eltern: „Der Krieg ist aus!“

Die Szenen der Nachkriegsjahre schildern zwei Nachbarschaftsfeste – festlich in all ihrer Bescheidenheit –, die der Vater mit organisiert hat: eines mit einer Tombola, das andere mit einem Märchenspiel für die Kinder. Sie handeln von der überfüllten Schulklasse und den Freizeitvergnügen der Familie im Schrebergarten und der selbst hergerichteten Holzhütte im Sauerland. Mahnend bleibt der Krieg gegenwärtig in der Geschichte von „Cojote“, dem Jungen, den Inge in ihrer Jugendgruppe kennenlernt. Er hinkt, hat viele Narben – als Kind, unmittelbar nach dem Krieg, hat er beim Herumklettern in den Trümmern eine Detonation ausgelöst, die ihn gezeichnet hat.

Das Schlusskapitel des Buches ist ein Traum. Inge Krämer lässt ihre Eltern und den Onkel auftreten. Sie lauschen dem Gespräch der Enkel und versuchen, sich in deren Lebenswelt mit Handy und Computer zurechtzufinden. Die Tochter und ihre Familie genießen einen Urlaub in Andalusien, den die Eltern nie haben konnten – ein Generationengespräch an der Schwelle des neuen Jahrtausends.

Inge Krämer
Ich wohnte in Herne, der goldenen Stadt – Streiflichter aus einer Bergarbeiter-Familie
Hrsg.: Marx-Engels-Stiftung e. V., Wuppertal 2022, 95 Seiten, Spende 5,00 EUR
Das Buch kann direkt im UZ-Shop bestellt werden

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"Ein Jahrhundertbuch", UZ vom 13. Mai 2022



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