Der nicht kapituliert hat

Anna Cordi

Krenz hat kapituliert! Mit diesen markigen Worten bewirbt der Eulenspiegel Verlag seine Neuerscheinung. Der Widerstand unseres Genossen gegen das Schreiben seiner Memoiren war wohl lang und hartnäckig. Zum Glück war der Verlag hartnäckiger. Nun liegt das Buch vor, aus dem UZ hier einen Auszug veröffentlicht. Zwei weitere Teile werden folgen. „Historiker werden ihre Entdeckungen machen und die nichtprofessionellen Leser sich sehr gut unterhalten fühlen“, so der Pressetext weiter. Ich zähle zweifelsohne zu Letzteren und ja, ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt. Egons Werdegang ist so beeindruckend, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Sein Wissen scheint unerschöpflich, seine Analysen stimmen nachdenklich. Mir gefällt die Unaufgeregtheit, mit der er seine Rolle in der Geschichte der DDR beschreibt. An vielen Stellen wünsche ich mir, mehr über die Hintergründe der historischen Ereignisse zu wissen. So wird es vielen nichtprofessionellen Lesern gehen, vielleicht sogar dem einen oder anderen Historiker. Dass Egon auch heute noch hochgeschätzt wird, liegt für mich nicht zuletzt an Episoden wie der folgenden: Meine Freunde rieten: ‚Fordere, dass die Badeanstalt wieder aufgebaut wird.‘ Das war ein Lieblingsthema von mir. Ich nutzte jede Gelegenheit, öffentlich daran zu erinnern, dass die existierende Badeanstalt an der Recknitz marode sei und wir dringend eine neue brauchten.“ Den historischen Wert der in dem Buch enthaltenen Analysen und die außergewöhnlichen Einblicke in das Innerste der DDR sollen andere Rezensenten einordnen. Ich danke Egon für diese wertvolle Lektüre und bin stolz darauf, ihn meinen Genossen nennen zu dürfen.

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Egon Krenz liest aus seinem Memoiren auf dem UZ-Pressefest in Berlin

Anfang 1952 schenkten mir zwei ältere SED-Genossinnen, die wegen ihres Widerstandes gegen den Faschismus eine Ehrenrente erhielten, ein Abonnement für die Zeitung „Neues Deutschland“. Sie zahlten es bis zum Abschluss meiner Schulzeit. Obwohl es monatlich nur 3,50 Mark kostete, war ich froh, dass die bescheidene Invalidenrente meiner Mutter nicht belastet wurde. Bestellen wollte ich mir das Blatt ohnehin. Mir war wichtig, beim Zeitgeschehen auf dem Laufenden zu sein.

Irgendwann im März 1952 veröffentlichte das „Organ des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ eine sowjetische Note zu Deutschland. Im Westen wurde sie verkürzt Stalin-Note genannt. Darin ging es um einen Friedensvertrag mit Deutschland. Ich notierte mir die Stichworte: deutsche Einheit, Abzug aller Besatzungstruppen, keine Beschränkungen für die Friedenswirtschaft, Festlegung der Grenzen auf der Grundlage des Potsdamer Abkommens, keine Beteiligung an Militärbündnissen, Bildung einer gesamtdeutschen Regierung, die aus freien Wahlen hervorgehen sollte … Logisch und vernünftig, dachte ich. Unklug empfand ich dagegen, was Adenauer im „Bulletin“ am 5. März 1952 dazu gesagt hatte: Man sei angetreten, um „nicht nur die Sowjetzone, sondern das ganze versklavte Europa östlich des Eisernen Vorhangs zu befreien“. In meiner Umgebung kannte ich niemanden, der sich „versklavt“ fühlte. Auch niemanden, der von Adenauer „befreit“ werden wollte. Ich wehrte mich. Gemeinsam mit Freunden sammelte ich Unterschriften zur Unterstützung der sowjetischen Deutschlandnote und schickte sie an die Pionierzeitung nach Berlin.

Nach einiger Zeit bekam ich Post. Ich kam von der Schule nach Hause, und Mutter reichte mir ein Kuvert aus weißem Büttenpapier. Der Brief, sagte sie aufgeregt, sei „von ganz oben“. Auf dem Absender stand: „Regierung der Deutschen Demokratischen Republik. Der Ministerpräsident“. Ich war überrascht. Ich kannte Otto Grotewohl aus der Zeitung und dem Rundfunk, er war einer der bekanntesten Leute im Lande. Als Vorsitzender des Zentralausschusses der SPD im Osten hatte er sich für die Vereinigung von KPD und SPD engagiert und war schließlich, gemeinsam mit Wilhelm Pieck, 1946 zum Vorsitzenden der SED gewählt worden. Seit Gründung der DDR war Grotewohl Premierminister. Und nun schrieb er mir, einem Schüler aus Damgarten, einen persönlichen Brief. Ich war ziemlich erregt, als ich den Umschlag öffnete und las: „Lieber Junger Pionier Egon! Von der Redaktion ‚Der Junge Pionier‘ erhielt ich Deinen Brief vom 27. März 1952 mit den Listen der gesammelten Unterschriften zur Note der Sowjetregierung. Ich habe mich darüber sehr gefreut. Gerade Euch ganz jungen Freunden muss der Frieden gesichert werden, damit Ihr Gelegenheit habt, fleißig zu lernen, um tüchtige Menschen zu werden. Dass die Jugend viel dabei helfen kann, beweist Deine Arbeit für den Frieden, Deine guten Leistungen im Sammeln von Unterschriften zur Sowjetnote. Du hast richtig erkannt, dass die Note der Sowjetregierung an die drei Westmächte für das deutsche Volk, für die Welt eine gewaltige Bedeutung hat. Trete weiter so für den Frieden ein und denke immer daran, dass alles, was der Festigung unserer Deutschen Demokratischen Republik dient, dazu führt, den Frieden zu erhalten und die Einheit Deutschlands zu verwirklichen. Seid bereit! Otto Grotewohl“

Stalins Note war, wie ich heute weiß, ein letzter Versuch, die Einbindung der BRD in das antikommunistische Bündnis des Westens abzuwenden und dadurch die Option einer Wiedervereinigung und Neutralisierung Deutschlands offenzuhalten. Der Sowjetunion war ein einheitliches blockfreies Deutschland lieber als zwei Teilstaaten, von denen einer der NATO angehören würde. Verhängnisvoll war, dass Adenauer das Angebot als Propaganda und „Störmanöver“ der Sowjets abtat. Er erklärte laut Spiegel 41/1963 gegenüber dem Hohen Kommissar Frankreichs: „Vergessen Sie bitte nicht, dass ich der einzige Kanzler bin, der die Einheit Europas der Einheit seines Landes vorzieht.“ Was wäre uns Deutschen alles erspart geblieben, wenn der Westen auf die sowjetischen Vorschläge eingegangen wäre! 35 Jahre sollten vergehen, bis ich von Honecker Einzelheiten erfuhr, welche dramatischen Folgen Adenauers Nein für die DDR hatte. Nach der Absage des Westens lud Stalin Pieck, Grotewohl und Ulbricht zu sich nach Moskau ein. Stalin eröffnete die Aussprache mit dem Gedanken: Der westdeutsche Separatstaat solle „eine gebührende Antwort“ erhalten. Adenauer müsse spüren, dass die von ihm betriebene Spaltung zum Schaden der Deutschen sei. Die deutsche Grenze dürfe nie wieder so dicht an der sowjetischen liegen wie an jenem 22. Juni 1941, als Hitlerdeutschland sie überschritt. „Betrachten Sie deshalb“, habe Stalin verlangt, „die bisherige Demarkationslinie zu Westdeutschland als gefährliche, stark zu sichernde Grenze“. Die Sowjetunion werde ihre militärstrategische Verteidigungslinie von Oder und Neiße an Elbe und Werra verlegen. Und: Stalin forderte von der DDR-Führung, die Kasernierte Volkspolizei in eine nationale Streitkraft umzubauen und eine wirksame Grenzsicherung vorzunehmen. Pieck, so Honecker mir gegenüber, habe bei der Auswertung im SED-Politbüro gesagt: „Die pazifistische Periode ist nun vorbei. Wir bauen jetzt eigene Streitkräfte auf. Das belastet unseren Staatshaushalt beträchtlich.“ Als Strategie habe Stalin angeregt, in der DDR den Sozialismus aufzubauen. Das sei mündlich vereinbart worden. Um sicher zu gehen, dass man sich auch richtig verstanden habe, fasste Ulbricht die Ergebnisse der Aussprache in einem Brief am 2. Juli 1952 an Stalin zusammen. „Das Politbüro des ZK der SED“, so schrieb der SED-Generalsekretär Ulbricht, „hat am 1. Juli 1952 zum Entwurf des Referats auf der 2. Parteikonferenz Stellung genommen und seine Meinung zu einigen grundlegenden Fragen formuliert, zu denen wir um Stellungnahme des Politbüros des ZK der KPdSU (B) bitten.“ Im Wesentlichen ging es um Folgendes: 1. Die SED führe die Werktätigen auf dem Wege des Aufbaus des Sozialismus und müsse sich dabei als „marxistisch-leninistische Partei und als Vorhut des deutschen Volkes bewähren“. 2. Die Unterzeichnung des Separatpaktes durch Konrad Adenauer – womit der Vertrag über die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den drei westlichen Besatzungsmächten vom 26. Mai 1952 gemeint war – richte sich gegen das Potsdamer Abkommen. Das sei nationaler Verrat. 3. In der DDR sei ein antifaschistisch-demokratisches Regime geschaffen worden. Die Arbeiterklasse habe im Bündnis mit den werktätigen Bauern die führende Rolle im Staat. Im Block der antifaschistisch-demokratischen Parteien und Massenorganisationen sei die SED die Hauptkraft. Die Staatsmacht habe sich zur Volksdemokratie entwickelt. Der SED-Generalsekretär und Stellvertretende Ministerpräsident Ulbricht unterstrich aber auch das Festhalten der DDR an der deutschen Einheit. „Über die Gestaltung des einigen Deutschland entscheidet das deutsche Volk in freien, gesamt-deutschen Wahlen zur Nationalversammlung.“ Er verwies darauf, dass dies der „einmütigen Auffassung des Politbüros“ entspreche.

Das Politbüro der KPdSU (B) billigte am 8. Juli 1952 den Beschluss zum Aufbau des Sozialismus in der DDR und stimmte Ulbrichts Vorschlägen zu. Die Ablehnung der sowjetischen Note durch die Westmächte und die Bundesregierung und damit die Absage von Verhandlungen zur Verhinderung der Teilung Europas führten dazu, dass durch Deutschland die Frontlinie des Kalten Krieges ging. Die bisherige deutsch-deutsche Grenze wurde zur Nahtstelle zwischen zwei Weltsystemen und zugleich die „streng gesicherte erste strategische Verteidigungslinie der UdSSR“. Mit allen Konsequenzen – militärischen, materiellen, politischen, sozialen, ökonomischen, geheimdienstlichen … Der Unwille des Westens, die Sicherheitsinteressen der anderen Seite oder deren historische Erfahrungen zu bedenken, begleitet mich seither. Ich erinnerte mich beim Schreiben in diesem zeitlichen Kontext daran, dass ich damals eine ganze Reihe sowjetischer Bücher las, darunter Alexander Fadejews „Die junge Garde“. Obwohl es ein ziemlich dickes Buch war, habe ich es in wenigen Tagen und Nächten regelrecht verschlungen. Höchst spannend wurde darin beschrieben, wie ein sechzehnjähriger Komsomolze viele Gleichgesinnte im ukrainischen Donbass um sich scharte und mit ihnen gegen die faschistischen Okkupanten kämpfte. Etwa vier Monate setzten sie sich mutig zur Wehr, geführt vom tapferen Oleg Koschewoi und in Erwartung, dass die Rote Armee bald Krasnodon befreien würde. Die Stadt im Oblast Lugansk wurde im Januar 1943 auch befreit, doch vier Wochen zuvor war die „Junge Garde“ durch Verrat aufgeflogen. Von den 103 tapferen Komsomolzen überlebten nur acht, Koschewois verstümmelten Leichnam fand man erst im März … Vierzig Jahre später, im Herbst 1983, fand in der Ukraine ein deutsch-sowjetisches Jugendfestival statt. Die Mutter von Oleg Koschewoi lud unseren Fliegerkosmonauten Sigmund Jähn und mich zu sich nach Krasnodon im Donbass ein. Ein wenig aufgeregt waren wir beide schon, denn Siggi trug eine deutsche Uniform. Zwar die eines Oberst der Nationalen Volksarmee der DDR, dennoch. Wie würde diese hochbetagte Frau darauf reagieren? Es waren schließlich Deutsche, die ihren Sohn gefoltert, verstümmelt und ermordet hatten. Als wir in ihre Wohnung kamen, umarmte sie uns. Stellvertretend für ihren Sohn, wie sie sagte. Sie hatte gehört, dass der Name Oleg Koschewoi in der DDR bekannt sei, dass Jugendbrigaden, Schulen, Straßen und Betriebe seinen Namen trügen. Uns liefen die Tränen über die Wangen, wir waren gerührt von der Warmherzigkeit dieser einfachen russischen Frau.

Dieses Bild kam mir Jahrzehnte später wieder vor Augen, als Ukrainer und Russen, die jahrzehntelang friedlich miteinander gelebt hatten, in dieser Region plötzlich aneinandergerieten. In Kiew hatten Kräfte, vom Westen unterstützt, die Macht an sich gerissen. Sie betrachteten die Russen in der Ukraine als Fremdkörper und unternahmen alles, sie ihrer Sprache und Kultur zu berauben, sie zu bevormunden und zu unterdrücken. Ukrainische Nationalisten und Kollaborateure deutscher Faschisten wurden jetzt gefeiert, allerorts formierten sich Naziorganisationen, der Rechte Sektor und wie sie sich nannten breitete sich überall im Lande aus. Die neue Macht schleifte Denkmale sowjetischer Befreier und errichtete an ihrer Stelle Monumente für Verbrecher wie Stepan Bandera oder Roman Schuchewytsch. Diese galten fortan als „Nationalhelden“. Die „Banderisten“ marschierten einst mit ihren Bataillonen „Nachtigall“ und „Roland“ an der Seite der Wehrmacht gegen die Sowjetunion, und die „Melnykisten“, angeführt von Andrij Melnyk, stellten seinerzeit die Freiwilligen für die Division „Galizien“ der Waffen-SS. Sie wollten die Ukraine von Juden, Russen und Polen säubern. Diese Mörder hob die neue Macht jetzt auf den Schild. Der Kiewer Stadtrat unter Bürgermeister Klitschko beispielsweise beschloss 2017, den Watutin-Prospekt in Schuchewytsch-Prospekt umzubenennen. Armeegeneral Watutin befehligte die 1. Ukrainische Front der Roten Armee, die im November 1943 Kiew von den deutschen Besatzern befreite. Watutin wurde von der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) unter Führung von Roman Schuchewytsch ermordet. Der Sohn von Schuchewytsch sitzt heute im ukrainischen Parlament … Ich bin mir sicher: Koschewois Mutter, lebte sie noch, würde die Machthaber in Kiew fragen: „Schämt ihr euch nicht, den Widerstand der Ukrainer gegen den deutschen Faschismus mit dem Erbe solcher Faschisten wie Bandera und Schuchewytsch zu überschreiben?“

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Egon Krenz
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"Der nicht kapituliert hat", UZ vom 15. Juli 2022



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