Berichte aus der Klassengesellschaft

Nichts zu verlieren

Die Zeiten, in denen jenen, die durch die ganze Coronapandemie hindurch „den Laden am Laufen gehalten“ haben, von den Balkonen der Republik applaudiert wurde, sind längst Vergangenheit. Mehr Wertschätzung durch höhere Gehälter? Mehr Arbeitsentlastung durch mehr Personal und kürzere Arbeitszeit? Bisher Fehlanzeige. Brosamen gab’s, Trostpflästerchen, Einmalzahlungen statt struktureller, dauerhafter Veränderung des Arbeitsalltags. Der „Mensch als Kostenfaktor“ – dieses Bild beherrscht nach wie vor das Denken und Handeln von Unternehmern und Regierenden, die jetzt schon wieder warnend die Mär von der „Lohn-Preis-Spirale“ reaktivieren, wenn arbeitende Menschen einen Inflationsausgleich fordern. Von Wertschätzung der Arbeitskraft als Wertschöpfer – auch hier keine Spur. Der Slogan „Leistung muss sich wieder lohnen“ (Helmut Kohl) gilt ganz offensichtlich nicht für die wirklichen „Leistungsträger“ im Kapitalismus.

Umso mehr ist dem großartigen Buchprojekt von Nicole Mayer-Ahuja und Oliver Nachtwey eine große Leserschaft zu wünschen – auch und besonders in der DKP. In ihm wird weder oberflächlich noch abstrakt über die Arbeiterklasse oder nur deren „Kern“ doziert. Vielmehr kommen Arbeitende selbst zu Wort, schildern ihre Arbeits- und Lebensrealität und wie sie darüber denken – etwa warum sie so wenig Anerkennung erfahren. Ihre Selbstzeugnisse werden jeweils mit kurzen analytischen Passagen verbunden. Die Autorinnen und Autoren der 22 sehr gut auch separat zu lesenden Einzelbeiträge führen im besten Sinne „näher heran ans Leben“. Die umfassenden Literaturhinweise nach jedem Kapitel bieten jede Menge Material zur Vertiefung.

Die Beiträge widmen sich durchweg Menschen, deren berufliche Tätigkeit darin besteht, an der Reproduktion von Arbeitskraft und gesellschaftlichen Beziehungen zu arbeiten. Arbeitskraft versteht das Herausgeber-Team im marxschen Sinne als „den Inbegriff der physischen und geistigen Fähigkeiten, die in der Leiblichkeit, der lebendigen Persönlichkeit eines Menschen existieren und die er in Bewegung setzt, sooft er Gebrauchswerte irgendeiner Art produziert“.
Im ersten Abschnitt des Buches geht es um Tätigkeiten, die Arbeitskraft von anderen erst verfügbar machen – also die professionelle Sorgearbeit zum Beispiel in Kitas, Jugend- oder Altenheimen –, die familiäre Entlastung schaffen und Erwerbsarbeit erst ermöglichen. Im zweiten Abschnitt werden Beschäftigte aus dem Gesundheitssektor porträtiert, deren Aufgabe es ist, Arbeitskraft wiederherzustellen. Zudem muss Arbeitskraft (durch Ernährung) aufrechterhalten werden: Im dritten Abschnitt kommen darum zum Beispiel Küchen- und Erntehilfen, Beschäftigte aus der Ernährungs- und Fleischindustrie sowie die Beschäftigten im Kurierwesen zu Wort. Im vierten Abschnitt stehen Beschäftigte im Zentrum, die in Logistikzentren, in Paketdiensten und im Einzelhandel die Versorgung mit Waren gewährleisten, die für die alltägliche Reproduktion von Arbeitskraft gebraucht werden. Abschließend werden im fünften Abschnitt Tätigkeiten beleuchtet, die dazu beitragen, Arbeitskraft abzusichern, etwa durch die Gewährleistung von Hygiene (Reinigungskräfte) oder Schutz von Personen und Eigentum (Wachpersonal). So komplex die Reproduktion von Arbeitskraft und Arbeitsgesellschaft ist, so vielfältig sind nicht nur die Arbeitsbedingungen, Lebensumstände und Erfahrungen, sondern auch die Bewusstseinslagen der Beschäftigten, die tiefe Spaltungslinien sichtbar machen. Eine Herausforderung für alle, die Klassenpolitik im Interesse der ganzen Klasse entwickeln wollen.

Auch wenn das Buch nicht des Rätsels Lösung bringen kann und will, was dafür zu tun ist, ist es doch ein wichtiger analytischer Beitrag zur (Weiter-)Entwicklung von Klassenpolitik. Die Einleitung des Herausgeber-Teams regt an zur Diskussion über Stellung und „Relevanz“ der (oft weiblichen und migrantischen) Reproduktionsarbeit(enden) im System und auch ein nicht romantisierendes, realistisches Verständnis von „Arbeiterklasse“.

Nicole Mayer-Ahuja (Hrsg.) / Oliver Nachtwey (Hrsg.)
Verkannte Leistungsträger: innen
Berichte aus der Klassengesellschaft
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, 567 Seiten, 22,00 Euro

1912 Frieden - Nichts zu verlieren - Politisches Buch - Hintergrund

Frieden schaffen mit Waffen?

Die ganz große Koalition aus SPD, Grünen, FDP und Union schickt immer mehr Geld und Waffen in die Ukraine und behauptet damit, den Krieg beenden zu wollen. Juliette von der SDAJ hat „Ihre Friedenstaube“ als Kritik an dieser „neuen Friedensbewegung“ gezeichnet. Sie schrieb uns dazu: „Als Kommunistinnen und Kommunisten wissen wir, dass Aufrüstung niemals Frieden schaffen wird und Kriege nur verlängern kann. Der Eurofighter ist und wird niemals eine Friedenstaube sein, die NATO ist keine Friedensmacht.“ WR

Von den Drucken (DIN A 3) gibt es noch einige für 5 Euro plus Porto zu kaufen: juliettetun@protonmail.ch

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"Nichts zu verlieren", UZ vom 13. Mai 2022



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