Sport im Zeichen der Konfrontationspolitik

Fehlgeschlagener Boykott

Entspannte Spiele – Ohne USA und BRD: Die Olympischen Spiele 1980 in Moskau

Die Olympischen Spiele 2020 sollten eigentlich vom 24. Juli bis 9. August 2020 in Tokio stattfinden. Ende März entschied das Internationale Olympische Komitee (IOC), die Spiele aufgrund der Covid-19-Pandemie auf 2021 zu verschieben. Zu diesem Zeitpunkt hatten mehrere nationale Teams ihre Beteiligung bereits abgesagt. Das IOC zögerte, weil die Absage der Spiele immense finanzielle Folgen hat. Die Olympischen Spiele sind schließlich ein Kommerzspektakel, bei dem Ausrüster, Sponsoren, Anbieter von Sportwetten und Medien gegeneinander antreten. Einige, wie die Bauwirtschaft, haben ihr Geschäft bereits gemacht. Die Kosten der Austragung werden auf 20 Milliarden Dollar geschätzt, allein das neue Olympiastadion soll 1,1 Milliarden Dollar gekostet haben.

Athletinnen und Athleten aus 140 Ländern haben sich für die Spiele qualifiziert. Darunter sind 148 Sportlerinnen und Sportler aus Russland, die voraussichtlich nicht für ihr Land antreten dürfen. In der Leichtathletik droht den russischen Sportlerinnen und Sportlern nun sogar, dass sie trotz Qualifikation überhaupt nicht in Tokio teilnehmen dürfen. Die „FAZ“ macht den russischen Leichtathletikverband und in letzter Instanz Putin dafür verantwortlich: „Statt ihrer Verantwortung, den Sport in ihrem Land vorwärts zu bringen, was ihre einzige Aufgabe wäre, haben sie mit einer Serie von Betrug, Korruption, Anleitung zum und Vertuschung von Doping die russische Leichtathletik ruiniert.“

Die Konfrontationspolitik im Sport ist Teil der olympischen Tradition. Besonders deutlich wurde dies vor 40 Jahren, als die Olympischen Sommerspiele in Moskau stattfanden. Damals, vom 19. Juli bis zum 3. August 1980, gab es einen US-initiierten Teilnahmeboykott. US-Präsident Jimmy Carter begründete seine Initiative zum Boykott mit der sowjetischen Militärhilfe für Afghanistan. Die US-Regierung forderte ihre Bündnispartner auf, sich diesem Boykott anzuschließen. In der BRD kam man diesem Wunsch mit einem knappen Beschluss der NOK-Mitgliederversammlung (59 zu 40 Stimmen) für eine Nichteilnahme nach. Um diesen Beschluss zustande zu bringen, legte sich der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt mächtig ins Zeug. Er nahm unter anderem Thomas Bach ins Gebet, damals Aktivensprecher, heute IOC-Präsident. Im Kanzleramt sei ihm von Militärs vor einer Weltkarte, auf denen Ölleitungen, Panzer und Raketen eingezeichnet waren, erklärt worden, dass Ölzufuhr und Weltfrieden in Gefahr seien, erzählt Bach gegenüber „dpa“. Bach, Olympiasieger mit der Florett-Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1976, warb damals für eine Teilnahme in Moskau. Doch sein Einsatz war vergebens. Die Entscheidung sei schon vor der NOK-Mitgliederversammlung gefällt worden, erklärt er. „Am Ende war es nur noch eine Formalie, ohne Chance, noch etwas umzudrehen.“

Während sich die Sportfunktionäre in der BRD der Politik unterordneten, entschied sich die Mehrheit der NOKs in Westeuropa für eine Teilnahme an den Olympischen Spielen. In Frankreich und Britannien entschieden sie damit gegen ihre Regierungen, die den Boykott unterstützten.

Unter den Unterstützern des Boykotts befinden sich viele islamisch geprägte Staaten oder auch das von Diktator Augusto Pinochet regierte Chile. Und die Volksrepublik China: Nach dem offenen Bruch mit der Sowjetunion in den 1960er Jahren hatte Peking gerade im Jahr zuvor diplomatische Beziehungen mit den USA aufgenommen.

Insgesamt schlug der Boykott der Olympischen Spiele 1980 fehl. Der Großteil der westeuropäischen Nationalen Olympischen Komitees (NOK) folgte dem US-Aufruf nicht. Insgesamt nahmen rund 5.200 Athletinnen und Athleten aus 81 Ländern in Moskau teil. Und auch sportlich sind die Spiele ein Erfolg: 36 Welt- und 74 Olympiarekorde sind bei den 22. Olympischen Spielen aufgestellt worden.

Wenn im Februar 2022 die Olympischen Winterspiele in Peking ausgetragen werden, wird es wohl keinen Boykott geben. Angesichts der Debatten um die gewaltsamen Proteste in Hongkong ist allerdings zu erwarten, dass imperialistische Sportpolitik deutlich aggressiver betrieben werden wird als bei den Sommerspielen in Peking 2008. Damals beließ man es weitgehend bei monotonen und anhaltenden Moralpredigten, wie sie nur ehemalige Kolonialherren zustande bringen. Zumal die Spiele für sie vor allem eines sind, ein riesiges Geschäft.

Als im März 2008 in Lhasa, der Hauptstadt des Gebiets Tibet, zahlreiche Feuer gelegt und mindestens 19 Menschen getötet wurden, setzten die Angreifer auf Unterstützung der „westlichen Wertegemeinschaft“. Tibetische Separatisten griffen gezielt Han-Chinesen, aber auch Angehörige der muslimischen Minderheit der Hiu und anderer in Tibet lebender Minderheiten an. Nach Angaben der Nachrichtenagentur „Xinhua“ wurden über 900 Geschäfte von Han, Hui und anderer Minderheiten geplündert. An sieben Schulen und fünf Krankenhäusern legten sie demnach Feuer. Menschen, die nicht der tibetischen Minderheit angehören, wurden auf offener Straße angegriffen. Angesichts der Bilder aus Hongkong ein Szenario, das sich durchaus wiederholen könnte.

Wenn keine westdeutschen Athletinnen und Athleten nach Moskau fahren, sollte die Bevölkerung auch sonst nichts über die Spiele erfahren. Die Printmedien reduzierten ihre Berichterstattung, die „FAZ“ schickte nur zwei statt fünf Korrespondenten, ARD und ZDF übertrugen keinen einzigen Wettkampf.
UZ berichtete mit drei Korrespondenten in Moskau intensiv über die Olympischen Spiele, aber auch über die Enttäuschung und Wut der deutschen Sportler, die zu Hause bleiben mussten. Zudem schaltete UZ ein Olympiatelefon, an dem Fragen zu Spielen und Gastgeberland beantwortet wurden. Und die DKP? Veranstaltete „Public-Viewings“ der Wettkämpfe in vielen deutschen Innenstädten. Mit dem aufgezeichneten DDR-Programm vom Vortag.

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Über den Autor

Lars Mörking (Jahrgang 1977) ist Politikwissenschaftler. Er arbeitete nach seinem Studium in Peking und war dort Mitarbeiter der Zeitschrift „China heute“.

Mörking arbeitet seit 2011 bei der UZ, zunächst als Redakteur für „Wirtschaft & Soziales“, anschließend als Verantwortlicher für „Internationale Politik“ und zuletzt – bis Anfang 2020 – als Chefredakteur.

 

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"Fehlgeschlagener Boykott", UZ vom 7. August 2020



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