Am 22. Juli 1922 startete das „1. Deutsche Arbeiter-Turn- und Sportfest“ in Leipzig

Das erste große Arbeitersportfest

Friedhelm Vermeulen

Es war das bis dahin größte deutsche Arbeitersportfest: Etwa 100.000 aktive Sportlerinnen und Sportler nahmen an den Wettbewerben und Darbietungen des „1. Deutschen Arbeiter-Turn- und Sportfests“ teil, das vom 22. bis 25. Juli 1922 stattfand. Tausende internationale Gäste waren wenige Jahre nach dem Ende des 1. Weltkriegs nach Leipzig gekommen, unter anderem aus Belgien, Frankreich und den USA. Die vom Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) ausgerichtete Veranstaltung sprengte bis dahin gekannte Dimensionen.

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Titelbild der Erinnerungsfestschrift des ATSB zum „Ersten Deutschen Arbeiter-Turn- und Sportfest“ (Foto: Archiv)

Ein bereits für 1918 geplantes Turnfest fiel noch dem Krieg zum Opfer. In den wenigen Jahren bis zum zweiten Anlauf hat die Arbeiterbewegung einiges durchlebt, darunter die Novemberrevolution, die Ermordung Luxemburgs und Liebknechts, die Zurückschlagung des Kapp-Putsches. In diesen Jahren der Kämpfe wuchs die Arbeitersportbewegung kontinuierlich an, trotz aller Angriffe und Probleme. Dabei erwies sich die 1919 getroffene Entscheidung, den Dachverband ATB in ATSB umzubenennen, als richtig. Damit war die notwendig gewordene Anerkennung der neben Turnen und Gymnastik herangewachsenen Abteilungen für Leichtathletik, Fußball, Handball, Wassersport, Radfahren, Kraft- und Wintersport verbunden. Eine Spaltung der Arbeitersportbewegung und damit des ATSB konnte zumindest aufgeschoben werden: Auf einem Kongress in München 1921 setzten Sozialdemokraten, Sozialisten und Kommunisten auf Einheit.

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ATSB-Mitgliedsbuch (Foto: Archiv)

Was dem ATSB jedoch zunehmend Probleme bereitete, war die Lage der Arbeiterklasse. Wirtschaftskrise und Hyperinflation wirkten sich finanziell aus. Herbert Dierker schreibt dazu in seinem Buch „Arbeitersport im Spannungsfeld der Zwanziger Jahre“, dass der „Bundesbeitrag 1923 innerhalb eines Jahres von 1 Mark auf 60.000 Mark im 2. Quartal und im 4. Quartal sogar auf 10 Millionen Mark“ gestiegen sei. „Der ATSB verlor aufgrund der ökonomischen Situation von 1923 bis Ende 1924 ca. 100.000 Mitglieder.“ Die Inflation hatte aber bereits vorher eingesetzt, die Beitragsanpassung erfolgte erst spät. Für alle Beteiligten war die Organisation eines riesigen Sportfestes eine entsprechende – vor allem auch finanzielle – Herausforderung.

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Werbung der ATSB-Wochenzeitung „Freie Sportwoche“ für die Fußball-Endrunde auf dem Fest in Leipzig. (Foto: arbeiterfussball.de)

Diese war nur durch Eigenleistung zu bewältigen. Leipzig war dafür der richtige Standort. Hier befand sich nicht nur die 1912 errichtete ATB-Geschäftsstelle mit Druckerei- und Verlagsgebäude sowie zwei Wohnhäusern, sondern auch große und engagierte Arbeitersportvereine. Sie waren es vor allem, die das Arbeiter-Turn- und Sportfest zum Erfolg machten. Noch im Februar 1922 hatte man mit etwa 60.000 bis 80.000 Festteilnehmern gerechnet, letztendlich mussten aber 100.000 Sportlerinnen und Sportler untergebracht werden. Massenquartiere wurden in Schulen organisiert, viele konnten privat bei Genossen unterkommen. Ein zentraler Wohnungsausschuss sowie 21 nach den Wohnungsbezirken Leipzigs eingeteilte Unterausschüsse kümmerten sich um die Übernachtungsmöglichkeiten. In Festprogramm und Festschrift, die der ATSB zu diesem Anlass selbst herausgab, ist zudem beschrieben, dass sich ein Wirtschaftsausschuss um die Verpflegung kümmerte, um zu moderaten Preisen Essen anbieten zu können.

Seiten aus ATSB Erinnerungsfestschrift 01 - Das erste große Arbeitersportfest - Geschichte der Arbeiterbewegung, Sport - Theorie & Geschichte
Bilder aus der Erinnerungsfestschrift (Foto: public domain)

Der Großteil der Sportlerinnen und Sportler kam dann am 21. Juli mit Sonderzügen am Leipziger Hauptbahnhof an. Empfangskomitees standen bereit, die die Gäste in die jeweiligen Wohnungsbezirke und Quartiere begleiteten. Was nun folgte, waren Tage des Sports, aber auch der Musik und der Kunst. Es gab Festzüge, Demonstrationen und Ausstellungen. Es wurde gefeiert und gesungen.

Die Website „arbeiterfussball.de“ schreibt dazu: „An den Massendarbietungen im eigens errichteten Holzstadion (360 m Länge, 183 m Breite) beteiligten sich vom 22. bis 25 Juli 32.000 Männer und Frauen. Das gesamte Festgelände auf dem damals neuen Messegelände bot 450.000 Quadratmeter inklusive Nebengebäuden (Restaurants, Garderoben, Sanitärräume).“ Die Musik zu den Massenübungen lieferte der Komponist Paul Büttner.

Seiten aus ATSB Erinnerungsfestschrift 02 - Das erste große Arbeitersportfest - Geschichte der Arbeiterbewegung, Sport - Theorie & Geschichte
Bilder aus der Erinnerungsfestschrift (Foto: public domain)

Es gab Einzel- und Mehrkämpfe in Turnen, Leichtathletik, Ringen, Wassersport … und natürlich auch Fußball. Auf 35 Plätzen in Leipzig wurde gekickt. Auch die Endrunde zur ATSB-Meisterschaft wurden hier ausgetragen. Am Ende setzte sich der TB Leipzig-Stötteritz gegen den BV Kassel 06 mit 4:1 durch. Etwa 100.000 Zuschauer sollen das Endspiel am „Laufbahn-Platz“ (heute: Alte Messe) verfolgt haben.

Am letzten Tag des Festes zogen etwa 3.000 Schulkinder durch Leipzig. Kinder und Jugendliche zeigten Übungen im Geräte- und Freiturnen. Zum Abschluss folgten Spiel-, Tanz- und Musikvorführungen auf dem Festplatz sowie ein Freundschaftsspiel zwischen dem ATSB-Fußballmeister und dem besten ausländischen Team. Danach wurde noch mit Feuerwerk gefeiert.

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"Das erste große Arbeitersportfest", UZ vom 22. Juli 2022



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