Von Nazis und Stuttgarterinnen

Formidabel

Erster Urlaubstag. Ich sitze am Schreibtisch und helfe die UZ-Extra zu layouten.

Zweiter Urlaubstag. Ich sitze am Schreibtisch und helfe die UZ-Extra zu layouten.

Dritter Urlaubstag. Ich sitze am … äh … Küchentisch. Keine Arbeit mehr. Und nun? Trinke den 5. Kaffee und überlege: Wohnung aufräumen? Fenster putzen? Leergut fahren? Kochen gar? Verwerfe all das Übel, schwinge mich auf das elektronische Rad, fahre in den Garten und lese mehr oder weniger den ganzen Tag den 3. Teil von Adrian Mckintys Reihe über Sean Duffy. Ein katholischer Bulle in den 80ern in Belfast, also ein von wirklich allen Seiten (IRA, Paras, Polizeikollegen, Anwohner) gehasster Einzelgänger. Atmosphärisch dicht, fein geschrieben, schön brutal und spannend bis zum Fußnägelkauen. Für mich: Formidabel.

Rechts außen. Philipp Amthor, greiser CDUler im Körper eines jungen Mannes, lässt sich auf einem Reitturnier mit zwei Nazis fotografieren, die schiefen Zähne strahlen wie Plutonium. Einer der Faschisten trägt ein T-Shirt, auf dem er sich mit der inhaftierten Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck solidarisiert. Nicht in so Klitzeklein, sondern schön über die ganze Brust. Kann man mal übersehen. Genauso wie die restliche Aufmachung der Nazis, die einfach wie Nazis aussehen. Dieser widerliche Amthor ist wirklich der feuchte Traum aller Reichsbürger-Schwiegermütter: Korrupt, schmierig, schamlos und ganz, ganz weit rechts. Schlimm.

Vierter Urlaubstag: Auch in anderen Gebieten Deutschlands Land unter. Ich klappere per Telegram meine Schäfchen ab: Geht’s Basslehrerin S. beim Wandern im Allgäu gut? Ist beim schwarzen Blitz aus Kreuzberg im Österreich-Urlaub alles ok? Kann der Gartenbro in die Eifel fahren, mitten ins Katastrophengebiet? Ich selber habe die Probleme nicht: In Nordholland keine Sintflut, nur eine Inzidenz von circa 87991. Uff. Samstag geht’s los, aber wir sind doppelt geimpft, wollen Menschen aktiv ausweichen, hassen Diskotheken und Großveranstaltungen und wünschen uns eigentlich nur eine Frikandel, eine Dose Bier und das Meer. In einem Wort: Formidabel.

Politik. Armin der Laschet lacht sich während einer Rede von Steinmeier, in der es um die Opfer der Flutkatastrophe geht, im Hintergrund kaputt. Wobei der Mensch nicht einmal zum Lachen imstande ist, es sieht eher aus, als wollte er seine Zunge zweiteilen. „Es ist in einem solchen Moment unpassend, unangemessen und ich ärgere mich darüber.“ Jau, alle anderen allerdings auch. Ein Kanzlerkandidat aber, der nicht imstande ist, selbst bei einer Totenrede, sein Gesicht im Zaum zu halten, ist mehr so … Undicht? Isso.

Mein Freundeskreis ist ein bunter Haufen voller Verrückter, einer aber sticht die Tage mal wieder heraus: H., arbeitsfreier Immobilienbesitzer, Besserwisser, Wikipediaverschlinger und seit Neuestem liiert mit einer Frau aus Stuttgart (!). Sind ja nur 450 Kilometer. Nun will sie spontan nach Dortmund kommen, aber das geht nicht: „Meine Wohnung ist nicht aufgeräumt.“ Er lädt sie tatsächlich wieder aus! Nachdem ich 13 Minuten vor Lachen keine Luft bekommen habe, führt er aus: „Zwei Tage Puffer braucht das schon.“ Also wenn meine neue (!) Freundin aus Stuttgart anreisen wollte und ich den ganzen Tag keine Arbeit hätte … ich sag mal so: Innerhalb von 71 Minuten könnte man bei mir vom Boden essen, unterm Bett den Staubtest machen oder sich nackt in den Fenstern spiegeln. Okay, wollte man nicht – aber könnte man halt. Und zwar: Formidabel!

Die RTL-„Reporterin“ Susanna Ohlen hat sich bei der Berichterstattung aus dem Hochwassergebiet für mehr (Achtung!) „Anpack-Authentizität“ selbst mit Matsch eingerieben. Die Menschheit verblödet. Formi… ach nee.

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"Formidabel", UZ vom 30. Juli 2021



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