Reiche flohen vor der Pest und schlugen noch Kapital daraus

Frivol und gesichert

Corona ist nicht die erste Seuche, die die Menschheit heimsucht. Die Pest hat sich als die ultimative Seuche in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Allein zwischen 1347 und 1351 raffte sie innerhalb von vier Jahren zwischen 75 und 80 Millionen Menschen in Europa hinweg. Die Pest brachte aber nicht nur Tod und Verderben hervor, sondern auch die Villa, die bis heute ein Symbol für Reichtum und Wohlstand für die einen, für Ausbeutung und Dekadenz für die anderen darstellt.

Das herrschaftliche Anwesen im Grünen, abseits der pulsierenden Stadtzentren, entstand zu Zeiten der Pest in den norditalienischen Stadtstaaten, in denen skrupellose Banker und abenteuerlustige Händler den Frühkapitalismus probten. Während die Menschen in den Städten ihrem Tagewerk nachgehen mussten und an der Pest verreckten, zogen sich die Wirtschaftsbosse und Politiker der Renaissance in pompöse Landhäuser mit aufwendig gestalteten Gartenanlagen zurück und sinnierten lieber über Literatur, Kunst und Philosophie. „Ich bin gestern in Careggi angekommen, nicht um meine Felder zu pflegen, sondern meine Seele“, schrieb um 1440 der Bankier Cosimo (1389 bis 1464) aus der berühmt-berüchtigten Florentiner Familie Medici.

Die Villa war aber mehr als ein Zufluchtsort für die Reichen, wenn die Pest den städtischen Palazzo in ihrem Würgegriff hatte. Das aufstrebende Bürgertum versammelte dort Intellektuelle und Künstler, die ihren Mäzenen hörig waren, weil sie von ihnen finanziell abhängig waren. Sie sollten den gestressten Kapitalisten Zerstreuung bieten und begründen, warum der Adel nicht mehr und warum der Pöbel nicht herrschen sollte. Es ist nicht verwunderlich, dass Villa und zugehöriger Garten bei Historikern als eine Keimzelle bürgerlich-republikanischer Freiheiten gilt.

Aber die Renaissance-Villa hatte nicht nur einen ideellen Wert. Zwei recht materielle Begebenheiten spielten für die Entwicklung des Kapitalismus eine Rolle. Bis ins 19. Jahrhundert waren Villen auch landwirtschaftliche (Groß-)Betriebe, die die Versorgung der Stadtbevölkerung absicherten und den Kapitalisten erlaubten, ihren Blick auf entferntere Profitquellen zu richten. Villen gaben Kapitalisten aber auch die Möglichkeit, Grund und Boden zu beleihen und Kapital für neue Unternehmungen zu erhalten. Die Erfindung der Anteilscheine der Florentiner Banken und somit des modernen Kreditsystems finden hier ihren Anfang.

Renaissance-Villen hatten bei ihren Zeitgenossen, nicht nur aus dem „einfachen“ Volk, einen schlechten Ruf. Sie galten als Orte der Ausschweifung und des Müßiggangs. Der Florentiner Humanist Giovanni Boccaccio (1313 bis 1375) empört sich in seinem zwischen 1349 und 1352 entstandenen Pestbuch „Dekameron“ darüber, dass sieben junge Frauen und drei junge Männer in ein Landhaus bei Fiesole oberhalb von Florenz fliehen und „sich Frivolitäten erzählen“, während in der Stadt die Pest wütet. Für die Landbevölkerung bedeuteten die Villen vielmehr aber ständige Überwachung. Die Villen der reichen Familien entstanden aus alten Verteidigungsanlagen dort, wo es politisch ratsam erschien, präsent zu sein – in Grenznähe, zur Überwachung von Bodenschätzen und nahe bei den Verwaltungszentren für Landwirtschaft und Fischzucht – so auch die bereits erwähnte Villa in Careggi.

Auch heute leben die Nutznießer des Kapitalismus meist in Villen. Diese sind zwar weder Zentren intellektueller Auseinandersetzungen noch von strategischer oder ökonomischer Relevanz. Schlagkräftige Kapitale sind heute ein Vielfaches größer als zu Zeiten von Giovanni Boccaccio und Cosimo de Medici. Da fällt eine Villa nicht ins Gewicht. Sie sind aber trotzdem noch Ausdruck von Status für die einen und Machtdemonstration für die anderen.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Frivol und gesichert", UZ vom 15. Mai 2020



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