Banken kämpfen mit alten Problemen, werden aber brav gestützt

Fürsorgliche EZB

Kolumne

Manchmal ist Werbung ganz interessant. Seit ein paar Wochen wirbt die Deutsche Bank das Geld der gemeinen Anleger ein. 2,6 Prozent bietet sie und sicher sei die Anlage auch noch, heißt es in dem kurzen Werbesketch. Jedenfalls zeigt die Bank am Geld des einfachen Laufpublikums Interesse. Das ist neu. Und neu ist auch, dass die Deutsche Bank und ihre Konkurrentinnen nicht mehr wie noch vor einem Jahr im Geld schwimmen. 2,6 Prozent „Festgeld“ sind jetzt für die Bank attraktiv. Der Kunde kann sich mit diesem Betrag während der Laufzeit nicht einfach verabschieden und ihn der nächsten Sparkasse anvertrauen.

In den USA kippten seit März vier mittelgroße und in der Schweiz die zweitgrößte des Landes, die Crédit Suisse (CS) einfach um, als Kunden ihr Geld von den Banken plötzlich abzogen. Es war der klassische „Run“ auf die Bank. Heute findet auch der „Bank Run“ online statt und findet, wie einige Bankmanager verblüfft feststellten, binnen Stunden und auch außerhalb der Geschäftszeiten statt. Die Kundschaft, die der Silicon Valley Bank, der CS oder der First Republic davonlief, waren auch nicht die klassischen kleinen Leute, sondern solche, die mehr als 250.000 Dollar auf dem Konto hatten. Denn nur bis zu dieser Summe gilt die US-Einlagensicherung FDIC. Man braucht sich nicht viel Sorgen um die zu langsamen, betroffenen Millionäre zu machen. Denn die brave Regierung in Washington dekretierte nach dem Ende der Bank zügig, dass auch Einlagen über der Viertelmillion erstattet werden.

Lucas Zeise1 sw NEU - Fürsorgliche EZB - Bankensterbewelle, Credit Suisse, Deutsche Bank, EZB, Zinspolitik - Positionen
(Foto: UZ)

Was aber hat die plötzliche Bankensterbewelle verursacht? Die Antwort der Aufsichtsbehörden lautet übereinstimmend, es seien die steigenden Zinsen, die den betroffenen Banken zum Verhängnis geworden seien. Wie aber das? Hieß es nicht in der langen Niedrig- oder sogar Nullzinsphase in klugen Kommentaren, niedrige Zinsen seien schlecht fürs Geschäft? Aber, so heißt es jetzt, Phasen schnell steigender Zinsen wie seit einem Jahr seien noch schwieriger. Die Banken hätten langfristig Kredite zu niedrigen Zinsen ausgereicht, die weiterhin niedrige Zinseinnahmen erbrächten. Dem stünden aber hohe Ausgabenzinsen für die kurzfristig bei der Zentralbank besorgten Kredite gegenüber. Von März 2022 bis März 2023 ist der kurzfristige Zins in den USA zum Beispiel von 0 auf 5 Prozent gestiegen. Wer da nicht über träge Kundschaft verfügt, die ihre Guthaben einfach bei der Bank stehen lässt, auch wenn die nur Minizinsen zahlt, hat schon verloren.

Eigenartig ist allerdings, dass das Problem der „Fristentransformation“, also die Finanzierung langfristiger Kredite durch kurzfristige Kredite bei der Zentralbank oder auf dem Geldmarkt, jedem Banklehrling eingebläut wird. Es ist schließlich das Kerngeschäft der Banker.

Sonderbar ist auch, dass bisher keine Bank im Eurogebiet von der Fallsucht betroffen war. Als Erklärung biete ich an, dass die Europäische Zentralbank die Geschäftsbanken in ihrem Revier noch freundlicher behandelt als anderswo. Sie hat ihnen in der Nullzinsphase selbst langfristige Kredite billig zur Verfügung gestellt und ihnen damit das Risiko sich verändernder Zinsen abgenommen. Sie hat zweitens die Zinsen später als die US-Notenbank und weniger hoch auf bisher nur 3,75 Prozent gesetzt. Und sie hat drittens dafür gesorgt, dass der Geldmarkt unter Banken immer noch in Liquidität schwimmt, sodass kurzfristiger Kredit unter Banken zu 3,25 Prozent zu erhalten ist.

Die EZB hat sich bisher als fürsorgliche Betreuerin der Banken erwiesen. Sie wird, da können wir ganz sicher sein, auch dafür sorgen, dass im Fall einer Bankenpleite die Betroffenen weich fallen werden. Im Notfall stehen auch die Staatshaushalte zur Verfügung. Die letzte Runde der Bankenpleiten hat 2008 den deutschen Staatshaushalt nur wenig mehr als 70 Milliarden Euro gekostet.

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Über den Autor

Lucas Zeise (Jahrgang 1944) ist Finanzjournalist und ehemaliger Chefredakteur der UZ. Er arbeitete unter anderem für das japanische Wirtschaftsministerium, die Frankfurter „Börsen-Zeitung“ und die „Financial Times Deutschland“. Da er nicht offen als Kommunist auftreten konnte, schrieb er für die UZ und die Marxistischen Blättern lange unter den Pseudonymen Margit Antesberger und Manfred Szameitat.

2008 veröffentlichte er mit „Ende der Party“ eine kompakte Beschreibung der fortwährenden Krise. Sein aktuelles Buch „Finanzkapital“ ist in der Reihe Basiswissen 2019 bei PapyRossa erschienen.

Zeise veröffentlicht in der UZ monatlich eine Kolumne mit dem Schwerpunkt Wirtschaftspolitik.

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"Fürsorgliche EZB", UZ vom 26. Mai 2023



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