Warum Union manchmal gar kein besonderer Verein ist

Fußball à la mode

Ulrich Peters

Sommerpause, der Ligabetrieb ruht – welch herrliche Zeit! Für rund zwei Monate sind die Wochenenden mal nicht nach dem Spielplan getaktet, den Transfer-Junkies bietet sich dennoch genügend Stoff für Debatten und die Saisonvorbereitung mit ihren Testspielen lässt einen allmählich schon wieder auf Touren kommen, während die temporäre Entspannung doch erhalten bleibt. Ein Mix aus Ruhe und hintergründigem Trubel eben, den ich angenehmer finde als die totale Flaute zwischen den Saisons der DDR-Oberliga, die ich in jungen Jahren überbrücken musste.

Aber selbstredend ist nicht alles besser als früher. (Wäre ja auch noch schöner, wenn man nichts zu meckern hätte!) Denn zu den befremdlichsten Aspekten der fortschreitenden Kommerzialisierung gehört die längst obligatorische alljährliche Präsentation der neuen Saisonkollektion, bestehend aus einem Heim-, einem Auswärts- und einem Ausweichtrikot, die der interessierte Fan für ein gefühltes Vermögen erwerben kann. Nicht, dass ich kein Faible für schicke Trikots besäße, doch reibe ich mir jedes mal aufs Neue verwundert die Augen und frage mich, ob ich wirklich noch im Universum des Fußballs unterwegs bin oder in der Galaxis von Prêt-à-porter und Berlin Fashion Week.

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Ein paar Kostproben gefällig? Der „kicker“ informierte mit einer Fotostrecke darüber, dass Eintracht Frankfurts neues Heimtrikot „aus 100 Prozent recyceltem Polyestergewebe hergestellt“ sei, „das aus wiederverwerteten Plastikflaschen gewonnen wurde“. Das Jersey von Hertha BSC sei sogar „aus einem speziell entwickelten Material gefertigt“, während auf den Stuttgarter Hemden 24 (!) städtische Sehenswürdigkeiten „in tonalem Design“ zu entdecken wären. Da kann der VfL Wolfsburg natürlich einpacken, denn dessen Trikots haben nur „leuchtende Streifen, die mit raffinierten Linienstärken“ irgendwas vom Sponsor abbilden.

Ja, es ist zum Heulen, und als Unioner geht’s einem nicht besser als anderen. So hieß es zum Beispiel über das Jersey der Saison 2018/19: „Auf den ersten Blick klassisch-schlicht, entdeckt man bei näherem Hinsehen ein besonderes Detail: Eine speziell gewebte Jacquard-Stoffstruktur auf der Vorderseite erzeugt Ton-in-Ton-Längsstreifen, die an die Vertikalstreifen-Optik des letzten Trikots anknüpfen.“ Ein Jahr darauf pries man abermals das „klassisch-elegante“ rote Oberteil mit „dezenten weißen Applikationen“ an Kragen und Ärmeln. Zudem sei es „slim fit“, „also schmal geschnitten“, und habe „atmungsaktive Mesh-Einsätze im Schulter- und Hüftbereich“. 2021 – Union hatte nun den Ausrüster gewechselt – wurde die solvente Kundschaft insbesondere auf das „adidas Primegreen-Label“ für Produkte aus recyceltem Polyester hingewiesen. „Primegreen ist ein innovatives High-Performance-Material, das Müll vermeidet, die natürlichen Ressourcen schont, aber gleichzeitig die volle Funktionalität und Haltbarkeit für den Einsatz beim Sport bietet.“

Kein schlechtes Wort über Primegreen! Kaum streiften Trimmi & Co das Ding über, konnten sich die Gegner frisch anziehen. Europapokal, ick liebe dir! Andererseits erscheint der fußballerische Höhenflug meiner Köpenicker Equipe dann doch wieder als bloßes mentales Entgelt dafür, die ganze kapitalistische Scheiße still zu ertragen. Denn der Horror geht heiter weiter, wenngleich Union in diesem Sommer den Ball geradezu flach gehalten hat: Ein paar dürre Worte über Längsstreifen und Stickereien, ergänzt durch einen zumindest semibegeisterten Hinweis auf „die feuchtigkeitsabsorbierende Aeroready Technologie“, die „jede Menge Tragekomfort“ garantiere – darin erschöpfte sich dann schon das verbale Feuerwerk zur Schmackhaftmachung des neuen Heimtrikots.

Um nicht missverstanden zu werden: Klar, auch die Produktion von Textilien entwickelt sich, Materialien werden verbessert, Designs gehen mit der Zeit. Es gibt also keinen Grund, die Fußballer noch heute in grobem Leinen über den Platz laufen zu sehen. Aber jedes Jahr drei neue Hemden – zuviel ist zuviel!

Bei meinen stichprobenartigen Recherchen bin ich übrigens darauf gestoßen, dass das Union-Heimtrikot der Saison 2010/11 für 39,95 Euro zu haben war. Das aktuelle Trikot kostet 89,95 Euro – 125 Prozent mehr, das nenne ich mal eine Teuerung. Ob da wohl auch dieser Putin hintersteckt?

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"Fußball à la mode", UZ vom 29. Juli 2022



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