Das Literaturzelt der UZ-Friedenstage

Aus Liebe zum Verstehen

In André Müller seniors und Gerd Semmers „Geschichten vom Herrn B.“ heißt es in der „Vorzüge des Katholizismus“ überschriebenen Anekdote über Bertolt Brecht:

„Einige Jahre nach seiner Rückkehr aus der Emigration erkrankte Herr B. und ging in ein katholisches Krankenhaus. Seine Freunde fragten ihn erstaunt, warum er als Atheist ein katholisches Hospital gewählt habe.

Herr B. lächelte stolz und erklärte: ‚Schon bei Lenin können Sie nachlesen, dass man nicht zu kommunistischen Ärzten gehen soll; die kümmern sich zuviel um Politik.‘“

Wem die Erkenntnis gekommen ist, dass kein höheres Wesen die eigene Hand führt, der fragt sich, was er da tut und warum. Derjenige, dem klar wird, dass nicht Gott, Kaiser noch Tribun die Erlösung bringen, denkt darüber nach, wie die Welt besser einzurichten geht. Die, die zu der Einsicht kommt, dass weder im Kanzleramt noch im Vorstand von Rheinmetall etwas anderes geplant wird als ein großes Fiasko für die Masse der Menschen, möchte wissen, wer eigentlich welches Inte­resse vertritt und wer sich möglicherweise ein Inte­resse teilt, das nicht das der Herrschenden und Besitzenden ist.

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Regen oder Sonnenschein – Literaturzelte sind bei Veranstaltungen von Kommunisten immer gut besucht. (Foto: UZ-Archiv)

Ein Blick auf Lebensmittel- und Spritpreise reicht für Empörung. Dafür, Hintergründe und Zusammenhänge zu verstehen, braucht es Analyse, Vermittlung, das Zusammentragen von Erfahrungen, Forschung und Schlauheit. Die Liebe zur Literatur – der wissenschaftlichen, essayistischen und schönen – gehört zu den Kommunistinnen und Kommunisten so sehr, dass man ihnen allerseits gern vorwirft, sie kümmerten sich zu sehr um ihre Lesezeit statt um eine Politik, die diesem Verständnis nach nur ein Reiten auf Zorneswellen sein kann.

Es kommt nicht von irgendwoher, dass der „Zeitenwende“-Kapitalismus eine Gesellschaft formt, in der die Alphabetisierung auf das Maß heruntergeschraubt ist, dass sie der Ausbeutung dient, ohne sie zu behindern. Wo also selbst Ärztinnen und Ärzte höchstens noch ihre eigene Fachliteratur lesen können, aber nicht mehr den Lenin. Das Schreiben, die eigenen Gedanken be-grifflich fassbar machen können, wurde bereits weitgehend übereignet. An wen? Kannste ChatGPT fragen … oder zu den UZ-Friedenstagen kommen!

Denn diesen unerträglichen Zuständen entgegen wird es dort ein eigenes Literaturzelt geben. An drei Tagen wird gelesen und diskutiert, Lyrik vorgetragen, werden Romane und Sachbücher vorgestellt und Comics präsentiert. Von Weimer nicht empfohlen! Wer genau was liest, verraten wir in einer der nächsten Ausgaben von UZ.

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"Aus Liebe zum Verstehen", UZ vom 26. Juni 2026



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