War Keir Starmer in Britannien unbeliebter als Friedrich Merz in Deutschland? Wohl kaum. Aber der britische Premierminister war nach zwei Jahren im Amt zuletzt doch schon verdammt unbeliebt, was unter anderem im Mai an den Kommunalwahlergebnissen sehr deutlich abzulesen war.
Im Vordergrund der medialen Aufmerksamkeit und Kritik standen Personalentscheidungen wie die, Peter Mandelson zum Botschafter in den USA zu ernennen. Mandelson hatte unter anderem enge Kontakte zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein gepflegt.
Der Hype, den selbst die BBC um seinen potentiellen Nachfolger betreibt, zeigt den desolaten Zustand sowohl der politischen Klasse als auch der Medienschaffenden. Da wird Andy Burnham auf seiner Fahrt im Zug von Manchester nach London von einem „Newscopter“ verfolgt, immer wieder begleitet von der Frage, wann es denn wohl endlich soweit ist und er Starmer als Premier ablöst.
Das ist nicht fair, denn Starmer kürzte zwar bei den Ärmsten der Armen und nahm gleichzeitig Einladungen der High Society gerne an. Er lobte sich selbst regelmäßig für seine Verschärfung der Asylpolitik und gab dem rechten Bruchpiloten Nigel Farage wieder Auftrieb. Aber das ist nun mal die Aufgabe von rechten „Sozialdemokraten“.
Starmer wird für marode Schulen, vergiftete Flüsse und lange Wartelisten in den Krankenhäusern des NHS verantwortlich gemacht. Zu Recht, auch wenn er damit nur die Privatisierungs- und Kürzungspolitik seiner Tory-Vorgängerinnen und -Vorgänger fortgesetzt hat.
Wenigstens die BBC vergaß nicht zu erwähnen, dass Keir Starmer auch seine Verdienste hat: Er hat wesentlich zur Niederlage von Jeremy Corbyn beigetragen und ihn von der Spitze der Labour-Partei verdrängt. Er trieb die Linken in Labour durch falsche Anschuldigungen, Disziplinarverfahren und Änderung parteiinterner Spielregeln aus der Partei. Und: Kaum jemand ist glaubhafter, wenn es darum geht, die NATO gegen jede Vernunft zu verteidigen oder die Palästina-Solidarität zu kriminalisieren.
Keir Starmer hat sich die beeindruckende Ablehnung durch das britische Volk verdient. Er verdient aber genauso den Dank der herrschenden Klasse. Wir erwarten, dass er entsprechend belohnt wird – egal ob in einem repräsentativen Amt oder im Aufsichtsrat eines beliebigen Finanzinstituts.


