Gräber vor dem Reichstag

Ein Kommentar von Stefan Natke

Während Bundespräsident Gauck vor den Landsmannschaften am 20. Juni am sogenannten Weltflüchtlingstag vom Flüchtlingselend schwafelt, wurden von Aktivisten Vorbereitungen getroffen, um am nächsten Tag Gräber für tote Flüchtlinge vor dem Reichstag auszuheben. Allerdings sind nicht die gleichen Flüchtlinge gemeint.

Während Bundespräsident Gauck die Flüchtlinge meinte, die 1945 als Kollektiv ihre Vertreibung im Osten als einen Schicksalsschlag hinnehmen mussten, wie er sich ausdrückte, waren die Gräber auf der Reichstagswiese symbolisch für die 23 000 Menschen gedacht, die seit dem Jahre 2000 auf der Flucht vor Krieg und Hunger an den Außengrenzen der EU den Tod gefunden haben und noch täglich finden. Ausgeblendet wurde von Gauck, dass der vom deutschen Faschismus entfachte Vernichtungskrieg gegen die Völker Europas die Ursache für die anschließende Flucht vieler Menschen war. Ausgeblendet blieb auch, dass heute wieder Krieg und die Zerstörung der Lebensgrundlagen vieler Menschen dazu führen, dass tausende Frauen, Männer und Kinder in die Flucht getrieben werden und ihre Heimat verlassen müssen.

Was oftmals mit langfristiger Mobilisierung und Vorankündigung, massenhafter Plakatwerbung und Flyerverteilung nicht erreicht wird, hat die Künstlergruppe „Zentrum für politische Schönheit“ mit einem relativ sparsamen Aufruf zu einem „Marsch der Entschlossenen“ im Internet und in einigen Zeitungen geschafft. Sie rief dazu auf, Gräber vor dem Reichstag auszuheben und dort die Toten zu begraben, für die die Politiker der Regierung der BRD mit- oder sogar hauptverantwortlich sind.

Tausende Menschen kamen und brachten Spaten und Holzkreuze mit, was vorher von der Berliner Polizei ausdrücklich verboten wurde. Tagelang kursierte die spektakuläre Aktion vorher in den Medien, im Radio vom rbb konnte man anrufen und sagen, was man davon hält. Selbst der Bürgermeister schaltete sich ein. Das dadurch entfachte Lauffeuer der Mobilisierung erfasste so viele Menschen, die sich entschlossen, aktiv zu werden, dass das im Vorfeld vorschriftsmäßig eingezäunte Gelände vor dem Reichstag nicht mehr von der Berliner Polizei vor dem Zugriff der „Entschlossenen“ zu schützen war. Der Zaun fiel, und in wenigen Stunden entstand ein riesiger symbolischer Friedhof. Dieser soll den Herrschenden in diesem Land zu verstehen geben, dass die Bevölkerung nicht mehr willens ist, ihre Politik der menschenverachtenden Flüchtlingspolitik länger zu dulden.

Uns kann es zeigen, dass die Dinge sich manchmal recht fix entwickeln können, wenn die dazu notwendigen Komponenten im richtigen Maße stimmen. In diesem Fall waren diejenigen, die die Initialzündung gegeben haben, eine Gruppe von Künstlern. Hut ab.

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"Gräber vor dem Reichstag", UZ vom 26. Juni 2015



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