Am verregneten 14. Mai muss am ehrwürdigen St Antony’s College in Oxford wahrhaft Historisches geschehen sein, lässt die „taz“ uns in ihrer Ausgabe vom Folgetag wissen. „Große Reden von Politikern sind geschliffen gehaltene Ansprachen, die etwas Drängendes auf den Punkt bringen.“ Die Rede ist von der Ko-Vorsitzenden der Grünen, Franziska Brantner, die im beschaulich kleinen „Seminar-Room“ vor circa 30 handverlesenen Zuhörern die neue olivgrüne Militärstrategie vorstellen durfte. Das Thema kommt in seiner englischen Originalfassung auch nicht weniger gestelzt daher als in seiner deutschen Übersetzung: „Der einsamere Kontinent: Europa und die Last seiner eigenen Verteidigung“.
Viel ist die Rede vom Trennungsschmerz im NATO-Bündnis, vom internationalen Bedeutungsverlust der Europäischen Union und dem im Osten lauernden Bösen. Fast weinerlich artikuliert Brantner: „Das Unbehagen ist da. Und es ist real.“ Geld für Rüstung ist ja da, aber wohin geht die Sinnsuche imperialistischer Euro-Mittelmächte? „Wir haben ein Budget. Wir haben noch keine Doktrin“, sagt Brantner, „aber man kann Artilleriegranaten nicht einfach durch Haushaltsbeschlüsse herbeiwünschen“. Ein Wertefundament, das Aufrüstung, Mobilisierung und Krieg zusammenhält, muss her – das Konzept dazu stellt Brantner vor. „Was wir brauchen, ist eine ‚Koalition der Mutigen‘“, nämlich „die großen Staaten, die unverzichtbar sind“. Deutschland natürlich, Frankreich und (wir sind in Oxford) Britannien sowieso. Dazu kommen „die Staaten, die die Frontlinie und Erfahrung einbringen“. Das Baltikum nennt Brantner hier – aber hat sie unsere aktuelle Ostfront in der Ukraine vergessen?
Man darf gespannt sein, wie die weichgespülte Übersetzung des bislang nur auf Englisch vorliegenden Textes lauten wird. Einstweilen kehren wir zur Frage zurück, wer die „coalition of the brave“ denn in den großen Krieg führen wird. Kein stiller Wunsch, kein heimlicher Traum, Brantner sagt es unverzagt: „Die Tatsache lautet: Deutschland wird erneut die führende Militärmacht Europas werden“ (man achte auf das Wörtchen „erneut“) und damit es sitzt, gleich nochmal hinterher: „Lassen Sie mich das wiederholen: die stärkste konventionelle Armee des Kontinents.“
Wo militärische Stärke ist, da muss auch Führung sein. Da mischt sich ein Wermutstropfen in den olivgrünen Kriegsvorbereitungs-Cocktail. Was sagen die imperialistischen Mitkonkurrenten in Europa, wenn Deutschland („erneut!“) die erste Geige spielen will, mithin „ihre ältesten Ängste neu erweckt“? Nun müsse die Stunde des europäischen Deutschen schlagen, der „jene Freiheitsidee tatsächlich (lebt), die wir verteidigen wollen“. Eingefordert sind all die guten „Tugenden, Solidarität, Pluralität, die Bereitschaft zum gemeinsamen Handeln, die Weigerung, allein zu sein“. Nicht mehr allein gegen den Osten, jetzt gilt es „gemeinsam“. Und nun, da Brantner in ihrem 1.452-Worte-Elaborat alle historischen Wahrheiten abgeräumt hat, werden die restlichen Lehren aus dem letzten großen Krieg in den Staub getreten. Die Mahnung der Überlebenden von Buchenwald „Nie wieder Krieg“ wird bei Brantner umgedreht zum „Nie wieder allein“, im Sinne von: das nächste Mal gemeinsam. Oder in Brantners Jargon: „Nie wieder allein bedeutet: Deutschlands tiefstes Interesse liegt darin, Teil eines starken Europas zu sein, großzügig dazu beizutragen, dass Europa stark genug wird, jeden potenziellen Aggressor abzuschrecken.“ Fazit: Die Deutschen sagen, wo es lang geht, und dürfen dafür unter den französisch-britischen Atomschirm kriechen.
Allzu sehr will man sich dann aber doch nicht an die europäischen Waffenbrüder ranschmeißen, denn – und das nach wie vor – „brauchen wir eine nationale Armee“. Mit den Grünen führt der Weg zurück in die Epoche des Revanchismus und direkt auf Konrad Adenauers Schoß. Der hatte auch schon Mühe mit der Entscheidung, ob er sich eher dem großen Bruder über dem Atlantik unterordnen soll oder sein Heil im Konstrukt einer europäischen Armee finden könnte. Der Feind blieb stets derselbe. Und was am 14. Mai im St Antony’s College aus deutschem Munde zu hören war, ähnelt Adenauers Bekenntnis in der Bundestagssitzung vom 3. Dezember 1952: „Der kommende deutsche Soldat wird nur dann seiner deutschen und europäischen Aufgabe gerecht werden, wenn er von den Grundprinzipien erfüllt ist, auf denen die Ordnung unseres Staates ruht.“ Damals verzeichnete das Protokoll empörte Zurufe von der KPD. Und einer rief in den Plenarsaal: „Das haben wir alles schon einmal gehört!“ Recht hatte er. Und deswegen bleibt’s beim: Nie wieder!









