Gustls Tomaten und Dortmund auf der Eins

Hach!

Von Karl Rehnagel

Ausgestattet mit einem Möchtegern-Radio meiner Ex-Ex, Essensresten des gestrigen Grillens und einigen verbliebenen Fiege-Bieren machte ich wahr, was ich mir vorgenommen hatte: Wechsel mal die Location! Diesmal also am Radio im Schrebergarten mit Blick auf das Westfalenstadion. Keine schöne, sprachfreie M., kein U. ohne Zähne und auch kein Ich-war-schon-immer-BVB-Fan-Kinderriegel. Hach!

Welch ein schön-schauriger Rückblick ins Gestern! WDR 2 mit Sven Pistor, von dem ich nicht wusste, ob er noch lebt, dazu der Sender mit den ewig gleichen, brutal schlechten „Hits“. Und – ausgerechnet – Sabine Toppergröl live aus Dortmund! Argh. Die Akustik bei einem Heimspiel 50 Meter Luftlinie entfernt vom Stadion stellt man sich, bei über 81 000 Zuschauern, sehr, sehr laut vor. Der Witz bei uns aber ist: Die „Süd“ steht quasi auf unserer Seite, sie brüllt und tobt also in die entgegengesetzte Richtung, und: Die Gartenanlage liegt vielleicht 10 bis 15 Meter tiefer als das Stadion. Das Radio mit einer Stärke von höchstens 0,2 Watt hatte also keinerlei Probleme sich durchzusetzen.

Die hatte Dortmund nach gefühlt „Ich setz mich erst mal“ 35 Sekunden, denn Augsburg schoss ein Tor aus dem Nichts. Leichtes Raunen im Hibiskus. Toll. Gartenbro A., gerade erschienen, ging erst mal Espresso brühen. Sabine Toppergröl überschlug sich derweil im Radio: „Gibt’s doch gar nicht“. Doch, doch, gibt’s wohl, Espresso in vorgewärmten Tassen, mit Zucker und, wer mag, einem sehr guten Wodka dazu. Wir mochten nicht, 15:33 ist keine Wodkazeit. Dortmund erwiderte 80 Sekunden später durch Paco nach einer feinen Kombination. Sabine Toppergröl schrie sich aus Dortmund ans Rederecht und erklärte uns, was wir schon lange wussten: Ein Tor in Dortmund ist gefallen, für den BVB. Das aber kann selbst der ungeübteste Hörer nicht falsch verstehen. Wenn in Dortmund ein Tor fällt, wackelt der Boden im Umkreis von drei Quadratkilometern, das ist kein Witz, und wir beiden im Garten sahen die unzähligen Tomaten von Gustl, welche er mir im Frühjahr geschenkt hatte, mit dezent roten Bäckchen Polka tanzen. Hach!

Derweil meldete das Radio aus Leverkusen ein vogelfreies Spiel (3:2 gegen Paderborn), aus Bremen eine faustdicke Überraschung (1:3 gegen Düsseldorf) und aus Freiburg, wo ich mal auf ein smartes 1:1 getippt hatte, ein glattes 3:0 gegen Mainz. Die gefühlt meiste Radiozeit, neben grässlichen Liedern aus den 80ern und 90ern und den ewigen Werbeblöcken, hatte aber – natürlich – Sabine Toppergröl. „Tor in Dortmund“ grölte sie gefühlt alle 5 Minuten in der zweiten Halbzeit. Als Paco in der erst 59. Minute das 4:1 besorgte, wusste ich: Mein 4:1 Tipp hat sich erledigt. Und klar, der gerade eingewechselte Brandt schloss in der 82. zum 5:1 ab. In der Tippgruppe dann Stanley: „Mein Tipp“. Der Junge ist 15. Einmal noch sonntags auf den Platz können und ihn weggrätschen. Ein Träumchen. Hach!

Am Sonntag dann Union gegen Leipzig, die „Eisernen“ gegen schlecht schmeckende Dosenbrause. Union mit zwei schönen Aktionen: 15 Schweigeminuten gegen Red Bull in ihrem allerersten Spiel in der 1. Bundesliga überhaupt. Muss man mal bringen! Und hunderte Plakate mit den Gesichtern verstorbener Union-Fans, die den Aufstieg in die 1. Liga nicht mehr erleben durften. Nach dem Spiel sangen die Unioner noch lange, trotz eines klaren 0:4. Da sag ich doch glatt mal: Hach!

Und nun? Nächste Woche kommt der Artikel wie auch immer – das Spiel läuft nur auf DAZN – aus Berlin, direkt aus dem Urlaub. Ob es da eine Kneipe gibt, die den Kommerzmist mit 27 verschiedenen Anbietern mitmacht? Ick wees nich. Und sonst? Keinerlei Nachricht bisher von der schönen M., von U. ohne Zähne, C., W. oder wie sie auch alle heißen. Finde ich das jetzt gut oder schlecht? Es fängt gerade an, mir egal zu werden. Ein möglicherweise guter Anfang. Und überhaupt: Gustls Tomaten! Urlaub! Berlin! Tabellenführer! Hach!

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"Hach!", UZ vom 23. August 2019



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