Dokumentarfilm zeichnet die Entwicklung der sowjetischen Limonadenproduktion nach

Auf eine Brause mit Stalin

In der Geschichte der Limonadenherstellung gebe es „drei Helden“, sagt der Direktor einer Brause-Fabrik im russischen Tichwin. Der erste sei der britische Chemiker Joseph Priestley gewesen, der die Herstellung kohlensäurehaltigen Wassers entscheidend vorantrieb. Beim zweiten Helden handele es sich um den Ingenieur Jacob Schweppe, der die Abfülltechnik revolutionierte. „Und der dritte ist Mitrofan Lagidse, der sich über 100 Rezepte ausdachte – und die Lieblingslimonade Josef Stalins.“

Lagidse ist auch der Held der Dokumentation „Stalins Cola. Das süße Geheimnis der So­wjet­union“, die seit der vergangenen Woche in der ARD-Mediathek zu sehen ist. Die deutsch-bulgarische Produktion spürt einem Ereignis nach, das als „Limonadenkrieg“ in die Geschichte eingehen sollte, und erzählt dabei kurzweilig von der Entwicklung der sowjetischen Süßgetränkeindustrie.

Die Ausgangslage ist leicht überblickt: Um das Jahr 1952 herum soll der damals amtierende US-Präsident Harry S. Truman 1.000 Flaschen Coca-Cola an den Kreml geschickt haben, um die Genossen von den Verlockungen der imperialistischen Zuckerpampe zu überzeugen. Stalin habe daraufhin den Geheimdienstchef Lawrenti Beria beauftragt, für die Produktion einer besseren Limonade zu sorgen. Dieser wiederum wandte sich an Mitrofan Lagidse, den berühmten Limonaden-„Zauberer“ aus dem georgischen Tiflis. Soweit der Mythos. Ob er stimmt? Eher unwahrscheinlich.

Fakt ist hingegen, dass Lagidse mit seinen Limonaden nicht nur die Menschen in Tiflis begeisterte, von denen bis zu 10.000 pro Tag den Ausschank seiner Fabrik besuchten. Als innersowjetische Exportware waren die mit Silberpapier ummantelten Flaschen auch in Russland heiß begehrt – und standen sowohl im Politbüro als auch bei Staatsempfängen auf den Tischen. Die Lagidse-Brausen bestanden ausschließlich aus natürlichen Zutaten und wurden im kleinen Maßstab hergestellt, wobei der Meister noch selbst verkostete. Diese große Stärke des Getränks war zugleich seine Schwäche. Denn an eine Massenproduktion war zunächst nicht zu denken. Um dies zu ändern, kreierte Lagidse in Stalins Auftrag eine Limonade, die in großen Mengen produzierbar war und vor allem auf den Birnengeschmack aus der georgischen Heimat setzte. Doch mit Stalins Tod im Jahr 1953 verlor das Projekt seinen größten Förderer.

In „Stalins Cola“ lässt Regisseur Stefan Tolz zahlreiche Zeitzeugen die Geschichte der Lagidse-Limonaden erzählen. Auch die „Limonade der Limonaden“ kommt zu Wort, als Erzählstimme aus dem Off. Der Film kommt ohne größere politische Skandalisierungen aus. Angenehm für alle, die schon beim Titel einen Stalin-Gruselfilm fürchten. Unangenehm, weil auch die scheinbar „unpolitische“ Herangehensweise nicht ohne latenten Antikommunismus auskommt. In der filmischen Erzählung wird Mitrofan Lagidse zu einem „verhinderten Genie“. Hätte er nur im richtigen System gelebt, die Welt wäre heute voller Lagidse-Limos und nicht voller Coca-Cola, so der Tenor. Ausgelassen wird, dass Lagidse schon in der Zarenzeit wegen des Verbreitens revolutionärer Literatur verhaftet wurde, an der Befreiung politischer Gefangener mitwirkte und nach Sibirien verbannt wurde. Wer aus ihm, der später zum Chefberater der Verwaltung „Fruchtversorgung“ im Lebensmittelministerium aufsteigen sollte, einen verkappten Oppositionellen machen will, muss scheitern.

Wer über solche Schieflagen hinwegsehen kann, wird von „Stalins Cola“ mit vielen O-Tönen und beschwingtem Archivmaterial aus sowjetischen Limonadenbars belohnt. Wer auch auf Kleinigkeiten achtet, erlebt sogar eine augenzwinkernde Regie. Etwa wenn der zunächst als „ehemaliger Generaldirektor Getränke-Kombinat N.1“ vorgestellte Temur Chkonia plötzlich als „Generaldirektor Coca-Cola Georgien“ betitelt wird, während er von seinen Tätigkeiten für die Kompradorenbourgeosie nach 1990 spricht. Darüber hinaus gibt es keine politische Einordnung, auch nicht der Verbrechen des Coca-Cola-Konzerns. Dafür müssen die Zuschauerinnen und Zuschauer also selbst sorgen. Aber wer, wenn nicht UZ-Leserinnen und UZ-Leser, könnte das?

Stalins Cola. Das süße Geheimnis der Sowjetunion
Regie: Stefan Tolz
In der ARD-Mediathek

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"Auf eine Brause mit Stalin", UZ vom 17. April 2026



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