Von einer, der niemand Angst macht

Kampflieder der Kolleginnen

Von Eva Petermann

Das Lied von der „Union Maid“ fängt an, wie Märchen beginnen: „Es gab einmal …“

Leider liegt (noch) keine deutsche Übertragung vor, also soll der Inhalt hier nur roh übersetzt bzw. knapp zusammengefasst werden:

Es gab mal eine Gewerkschaftskollegin, die sich weder von Spitzeln noch von Streikbrechern, weder von der Polizei noch von bezahlten Schlägern einschüchtern ließ. Und die unerschrocken Mitglieder warb und alle Forderungen durchsetzte.

Über die Entstehung des Liedes gibt es mehrere Versionen. Der Text des Folk-Sängers Woody Guthrie habe seinem Freund und Folk-Kollegen Pete Seeger erst gar nicht gefallen: Das sei zu dick aufgetragen. Oder war ihm nur der Schluss zu spießig?

Anderen Quellen zufolge war Pete Seeger als Autor mitbeteiligt. Es habe sogar Streit über das Copyright gegeben.

Geklaut war in jedem Fall die Melodie. Denn die stammte von dem bekannten Lied über das Indianermädchen „Red Wing“ („Rote Schwinge“), das seinen treulosen Liebsten beweint. Landauf, landab wurde der rührende Song gedudelt. Daher schien er Woody und Pete Seeger prädestiniert für eine Parodie: Aus dem verlassenen Mägdelein wurde eine Super-Woman, „Union Maid“ war geboren.

Ganz abgesehen davon war auch die Melodie von „Red Wing“ zum Teil abgekupfert – von Robert Schumanns Ohrwurm-Stück „Der fröhliche Landmann“, mit dem bis heute Generationen junger Klavierschüler traktiert werden.

Inspiriert wurde die „Union Maid“ wohl durch Ina Wood, die Frau eines lokalen KP-Vorsitzenden, Bob Wood. Pete und Woody tingelten im Mai 1940 mal wieder von Streikversammlung zu Meeting, irgendwo in Oklahoma. Genossin Ina, ihre Gastgeberin, forderte sie heraus, ein Loblied auf eine kämpferische Frau zu verfassen. Gesagt, getan: Am nächsten Morgen war der Song fertig.

Die „Union Maid“ ist bis in die heutige Zeit populär geblieben, vor allem wegen des mitreißenden Refrains („O, mir macht ihr keine Angst, ich stehe zur Gewerkschaft, bis ich sterbe“). Das Lied findet sich in vielen Liedersammlungen der US-Arbeiterbewegung. Und es war und ist, neben „Brot und Rosen“, das Lied am 8. März.

In der US-amerikanischen feministischen Geschichtswissenschaft wird die Bedeutung von „Union Maid“ für die gewerkschaftliche Frauenbewegung betont. In den verschiedenen Versionen spiegele sich das gewandelte Bewusstsein von Frauen wider.

Denn die letzte Strophe wurde bald entweder ironisiert oder ganz fallen gelassen. Frauen wollten bei Streiks nicht nur  „Unterstützung“ leisten bzw. Hilfstruppe sein („auxialiary“), wie darin gefordert. Und der schlitzohrige Rat des Autors, um des häuslichen Friedens willen einen Gewerkschaftskollegen zu heiraten, kam auch nicht gut an.

In einer modernen Version von Nancy Katz heißt es nun u.a.: „Der Kampf der Frau ist hart, auch als Gewerkschaftsmitglied. Sie muss auf eigenen Füßen stehen, nicht dem Mann dienen“, sondern “Hand in Hand zusammenarbeiten“.  

Von dem britischen Sänger und Guthrie-Experten Billy Bragg bekommen die Frauen folgenden Tipp: „Nimm den Gewerkschaftskollegen bei der Hand. Wie schon Angela Davis feststellte, sind wir alle miteinander verbunden. Mann oder Frau, Klasse oder Rasse – verbünden wir uns, für die gemeinsame Sache! (‚to stand on common ground‘)“.  

Hier zeigen sich übrigens die Probleme einer singfähigen Übertragung ins Deutsche. Wohl deshalb fehlt „Union Maid“ im Repertoire selbst so herausragender Gewerkschaftsbardinnen wie Fasia, der „Geliebten Rebellin“ mit der Blues-Röhre (so der Titel von Fasias Biografie).

Demgegenüber wurde ihre Version von „We shall not be moved“ zum Hit – bei Streiks und und in der Friedensbewegung. Diese Hymne der US-Bürgerrechtsbewegung machte besonders als „Streiklied der Heinze-Frauen“ Furore.

Die zuständige Frauensekretärin der Gewerkschaft, Gisela Kessler, war engstens mit der Solidaritätsbewegung bei dem legendären, letztlich erfolgreichen Streik im Jahr 1981 verbunden. Die selbst getexteten Streiklieder der Frauen vom Gelsenkirchener Fotolabor Heinze waren ein zentrales Medium der Mobilisierung.

„Wir wollen gleiche Löhne – keiner schiebt uns weg“ wurde „zur Hymne aller aktiven Gewerkschaftsfrauen“, erinnerte sich die vor drei Jahren verstorbene Gisela Kessler. „Kein Internationaler Frauentag irgendwo in der Republik ging vorbei ohne dieses Lied.“   

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"Kampflieder der Kolleginnen", UZ vom 3. März 2017



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