Superreiche erzeugen dreißig mal mehr CO2 als der Durchschnitt

Kapitale Umweltsäue

Anlässlich der Weltklimakonferenz „COP26“ in Glasgow hat Oxfam Deutschland e. V. die Studie „Carbon Inequality in 2030: Per capita consumption emissions and the 1.5°C goal“ (dt.: Kohlenstoff-Ungleichheit im Jahr 2030: Pro-Kopf-Verbrauchsemissionen und das 1,5-°C-Ziel) veröffentlicht und den Zusammenhang zwischen Einkommen und Konsum beziehungsweise Umweltverbrauch untersucht. UZ sprach mit Jan Kowalzig. Er ist Klimaexperte bei Oxfam Deutschland e. V.

UZ: Auf welchen Untersuchungen beruht Ihre Studie?

Jan Kowalzig: In unserer Analyse haben wir uns angeschaut, was die Klimaschutz-Selbstverpflichtungen der Länder unter dem Pariser Abkommen für die Pro-Kopf-Emissionen im Verhältnis zum Einkommen im Jahr 2030 bedeuten. Es gibt einen in vielen Untersuchungen gut belegten Zusammenhang zwischen Einkommen und Konsum beziehungsweise Umweltverbrauch. Je höher das Einkommen, desto mehr wird konsumiert, etwa durch größere Autos mit hohem Spritverbrauch, größere Wohnungen, die beheizt werden müssen, häufigere Flugreisen in die Ferien und dergleichen. Nach diesem Zusammenhang haben wir sozusagen die Weltbevölkerung nach ihrem Einkommen der Reihe nach aufgestellt und die jeweiligen durchschnittlichen Pro-Kopf-Emissionen abgeschätzt.

UZ: Was sind die zentralen Erkenntnisse Ihrer Studie?

Jan Kowalzig: Trotz der Selbstverpflichtungen der Länder unter dem Pariser Abkommen zum Klimaschutz werden 2030 die Pro-Kopf-Emissionen der reichsten 10 Prozent der Weltbevölkerung neun Mal höher sein als mit dem Pariser Abkommen noch verträglich – wenn man das 2030 für eine Begrenzung der Erwärmung auf maximal 1,5 °C noch verfügbare CO2-Restbudget zu gleichen Teilen auf die Weltbevölkerung verteilt. Die Pro-Kopf-Emissionen des reichsten Prozents werden 2030 dreißigfach höher sein als das verträgliche Durchschnittsniveau. Umgekehrt werden die Pro-Kopf-Emissionen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung im Schnitt noch deutlich unter dieser Grenze liegen. In absoluten Emissionen werden 2030 die reichsten 10 Prozent das Emissionsbudget, das uns für die Begrenzung der globalen Erwärmung auf maximal 1,5 °C noch verbleibt, für sich beanspruchen.

UZ: Sie schreiben, dass eine kleine Elite sich einen Freifahrtschein für die Zerstörung unseres Klimas gönnt. Können Sie das konkretisieren?

Jan Kowalzig: Unsere Analyse zeigt: Die Reichen und Superreichen sind durch ihren grotesk übertriebenen Konsum für erhebliche Mengen an Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Obwohl wir mitten in der Klimakrise stecken, fliegen sie mit Privatjets um den Globus, kreuzen in ihren Megajachten über die Meere und leben in Luxusvillen, die schon wegen ihrer Größe extrem hohe Energieverbrauche haben. Dabei darf man nicht vergessen, dass auch Normalverdienende das Klima durch übermäßigen Konsum belasten. Aber generell gilt: Je höher das Einkommen, desto mehr Emissionen entstehen durch den höheren Konsum.

UZ: Ist Ihrer Meinung nach das Pariser Abkommen weitgehend genug, um die Klimakrise aufzuhalten?

Jan Kowalzig: Das Pariser Abkommen selbst löst die Klimakrise nicht auf. Es gibt das Ziel vor, die globale Erwärmung auf maximal 1,5 °C zu begrenzen und legt fest, dass alle Länder in regelmäßigen Rhythmen Selbstverpflichtungen zum Klimaschutz einreichen, um in der zweiten Jahrhunderthälfte Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Wie ehrgeizig die Selbstverpflichtungen sind, ist nicht vorgegeben, und da liegt das Problem – diese nationalen Klimapläne reichen bei weitem nicht aus, um eine katastrophale Entwicklung der Klimakrise abzuwenden. Nicht das Abkommen ist nicht weitgehend genug, sondern die Beiträge der Länder unter dem Abkommen.

UZ: Was sind Ihre Forderungen an die Länder?

Jan Kowalzig: Alle Länder müssen ihre Klimaziele nachbessern – und zwar so schnell wie möglich. Wir können damit nicht fünf Jahre warten, wie es der Zyklus des Pariser Abkommens vorgibt. Deutschland müsste schon deutlich vor 2045 null Emissionen erreichen – und die Länder des Globalen Südens mit deutlich mehr Mitteln bei Klimaschutz und Anpassung an die Veränderungen unterstützen. Der Weg auf null muss dabei sozial gerecht organisiert werden und das bedeutet, dass auch die Reichen und Superreichen in die Pflicht genommen werden müssen. SUVs und andere Straßenpanzer, Privatjets, Luxusjachten und dergleichen sind mit einer 1,5-°C-Welt schlicht nicht vereinbar.

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"Kapitale Umweltsäue", UZ vom 26. November 2021



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