Aktuelle Zahlen belegen: Ostdeutsche weiterhin deutlich benachteiligt

Blühende Ungleichheit

„Golf geleast, Parlament gekauft.“ So kommentierte die Satirezeitschrift „Titanic“ im Oktober 1990 den Beschluss der neuen Mehrheiten in der Volkskammer zum Beitritt der DDR zur BRD. Tatsächlich erwiesen sich die vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl versprochenen blühenden Landschaften schon wenige Jahre später als Industriebrachen in einer von westdeutschen Konzernen und Treuhand zerschlagenen Volkswirtschaft. Auch die Zahl der Ostdeutschen, die von dem politischen Kuhhandel profitierten und unter den neuen Herren Karriere machten, bleibt – 33 Jahre nach dem Ausverkauf der DDR – überschaubar.

Dies bestätigt der jüngst veröffentlichte „Elitenmonitor“. Wissenschaftler der Universitäten Leipzig und Jena sowie der Hochschule Zittau/Görlitz haben hier über vier Jahre rund 3.000 Spitzenpositionen in Deutschland nach der Herkunft ihrer Inhaber ausgewertet. Das Ergebnis: Gebürtige Ostdeutsche stellen aktuell bei einem Anteil von rund 20 Prozent der Gesamtbevölkerung nur 12,2 Prozent der sogenannten „Eliten“ im Land.

Am höchsten ist der Wert mit 20,9 Prozent in der Politik. Doch schon im Bereich Verwaltung finden sich nur 14 Prozent Ostdeutsche in Spitzenpositionen. In den Medien sind es nur rund 8 Prozent, in der Wissenschaft 4,3 Prozent und in der Justiz gerade einmal 2,1 Prozent. Diese Erkenntnisse sind nicht überraschend und entsprechen Befunden aus den 1990er Jahren. Neu ist jedoch, dass die Chance auf Veränderung in den letzten Jahren verpasst wurde. Zwischen 2018 und 2022 wurde mehr als die Hälfte aller Spitzenpositionen neu besetzt. In die Positionen, die Westdeutsche verließen, rückten nur in 8 Prozent der Fälle Ostdeutsche nach. Im Gegensatz dazu übernahmen Westdeutsche zu 54 Prozent die Stellen von Ostdeutschen.

Aufstiegschancen von Ostdeutschen in „Spitzenpositionen“ in der übergestülpten kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ist das eine, seine Arbeitskraft dort verkaufen zu müssen das andere. Lohnabhängige zwischen Eisenach und Görlitz arbeiten 65 Stunden pro Jahr länger als im bundesweiten Durchschnitt. Das sind mehr als anderthalb zusätzliche Arbeitswochen. Dabei erhalten sie durchschnittlich 24 Prozent weniger Gehalt als ihre Kolleginnen und Kollegen in Westdeutschland. Gerade einmal in 20 Prozent der Betriebe im Osten wird nach Tarif gezahlt und nur 45 Prozent der Beschäftigten erhalten einen Tariflohn. Dieser ist in der Regel dann niedriger als vergleichbare Löhne im Westen.

Arbeiten im Niedriglohnsektor ist in den östlichen Bundesländern für zahlreiche Lohnabhängige Normalität. Nach Daten des WSI arbeitete dort 2020 jeder dritte sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigte – in absoluten Zahlen 1,2 Millionen – unter solch prekären Bedingungen. Zum Vergleich lag der Anteil der Niedriglohnempfänger in Vollzeitjobs in den westdeutschen Bundesländern im gleichen Zeitraum bei „nur“ 16,5 Prozent.

Niedrige Löhne in der Gegenwart bedeuten Altersarmut in der Zukunft. Erst im September musste das Bundesarbeitsministerium auf eine Kleine Anfrage der „Linken“ im Bundestag eingestehen, dass Beschäftigte aktuell bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 40 Stunden 45 Jahre lang gearbeitet und rechnerisch einen Stundenlohn von 20,78 Euro erreichen müssen, um eine monatliche Rente von 1.500 Euro zu erhalten.

Das entspricht einem Bruttomonatslohn von 3.602 Euro. Von solchen Löhnen können zahlreiche Beschäftigte – gerade in den ostdeutschen Bundesländern – nur träumen. Hier drohen der großen Mehrheit der Lohnabhängigen Altersbezüge von weniger als 1.300 Euro. Um zumindest diesen Betrag zu erhalten, wäre ein Stundenlohn von 18,01 Euro zu den oben beschriebenen Konditionen notwendig. Und selbst das hierfür nötige Bruttoeinkommen von mehr als 3.122 Euro im Monat ist im „Anschlussgebiet“ zwischen Ostsee und Thüringer Wald die Ausnahme und nicht die Regel. Aber wer hätte denn 1989/90 ahnen können, dass die „heile Welt“ im heimlich geschauten Westfernsehen und der real existierende Kapitalismus zwei völlig unterschiedliche Dinge sind?

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"Blühende Ungleichheit", UZ vom 8. Dezember 2023



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