Anmerkungen zu Gesellschaftsformationen am Beginn und Ende ihrer Tage

Gründungsmythen des Kapitalismus

Diesen Text hat der Autor für die Rubrik „Marx Engels aktuell“ auf der Website der Marx-Engels-Stiftung geschrieben. In dieser Serie spiegelt Manfred Sohn einmal im Monat aktuelle Ereignisse an Aussagen der beiden Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus. Es geht darum, mit der marxschen Methode alles kritisch zu hinterfragen, darum, die moderne Welt besser zu verstehen. Wir haben den Text redaktionell geringfügig bearbeitet.

Wir kennen das alle: Am Anfang ist zwar nicht immer für jeden ersichtlich, ob aus einem Samen eine Tomate oder eine Gurke wächst. Und wir wissen alle von der Ähnlichkeit aller Erscheinungen in der Natur an ihrem Anfang und ihrem Ende. Der in der Höhe seiner Kraft stehende Mensch war klein und hilflos an seinem Beginn und er ist in der Regel eingeschrumpft und hilflos an seinem Ende. Kaum eine Feier für ein neu geborenes Kind geht vorbei, ohne dass mindestens eine nahe oder entfernte Verwandte darauf hinweist, die Kleine trage die Gesichtszüge ihrer jüngst verstorbenen Urgroßmutter, kurz bevor sie starb. Wer christlichen Begräbnissen beiwohnt, hört die Formel „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“, die die Identität zwischen Anfang und Ende eines Lebens in christlicher Mythologie widerspiegelt.

Über Helden

Dieses Phänomen gilt aber nicht nur für Erscheinungen der Natur und der ihr angehörenden einzelnen Menschen. Sie gilt auch für die Zusammenschlüsse, also gesellschaftliche Formationen von Menschen. Fast immer, bevor ein Staatsgebilde untergeht, beschwören seine Repräsentanten zur Abwendung des Untergangs die Werte und Helden seiner Entstehungszeit. Richtig daran ist: Entstehungszeiten bilden oft – „verborgen“, wie Hegel sagt – Muster ab, die sich an ihrem Ende erneut zeigen und helfen, ihre Entstehung und das Wesen der weiteren Entwicklung zu begreifen. Wichtiger als das Beschworene ist dabei häufig das Verborgene, Verheimlichte, Verleugnete.

Zu den Gründungsmythen des Kapitalismus gehört seine Gewaltlosigkeit, so als wäre ausgehend von Westeuropa seine Ausbreitung über den ganzen Globus vor allem das Ergebnis friedlichen Handels, bahnbrechender Erfindungen und des Bemühens, den Wohlstand aller vorher von Sklaverei, Feudalismus und Unwissenheit gefesselten Menschen zu heben. Das ist eine vielfach widerlegte Lüge. Die Genialität von Karl Marx und Friedrich Engels bestand unter anderem darin, die in der Logik dieses Gesellschaftssystems angelegte Gewalt schon in ihren Geburtswehen erkannt zu haben – so Engels in seinem 1845 erschienenen Frühwerk zur „Lage der arbeitenden Klasse in England“. Den brutalen Entstehungsprozess dieser Formation, in der wir auf diesem Teil der Welt immer noch leben, fasste Marx in seinem gut zwei Jahrzehnte später erschienenen Hauptwerk „Das Kapital“ in einem eigenen Kapitel unter dem Titel „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“ so zusammen: „Wenn das Geld, nach Augier, ‚mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt‘, so das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend.“

Über Geld und Blut

Der Verweis auf die Blutflecken, die schon dem Gelde anhaften, ist kein Zufall. Ohne Geld funktioniert der ganze kapitalistische Ausbeutungsprozess – im Gegensatz etwa zum feudalen – nicht. Alles an menschlichen Beziehungen, die vor dem Kapitalismus noch jenseits einer Ware-Geld-Beziehung organisiert wurden, muss zur Ware werden, muss in Geld ausdrückbar gemacht werden, um der kapitalistischen Ausbeutung zugänglich zu sein. Zuerst wird die Herstellung gegenständlicher Gebrauchswerte wie Kleidung oder Möbel in die Waren- und Geldform gebracht. Im Lauf der Jahrhunderte saugt das System aber auch alles andere wie Gesundheit, die Bildung junger und die Pflege alter Menschen in die Warenform auf seiner unersättlichen Suche, alles zu Geld zu machen – diesem „mit natürlichen Blutflecken“ zur Welt gekommenen Ding.

Was aber mit Blutflecken auf die Welt kommt, geht auch mit Blutflecken wieder von der Welt – erst recht, wenn es sich dieses Mittels zum Reichtum einzelner so enthusiastisch annimmt und es zum Zentrum seiner eigenen Welt macht wie dieses „von Kopf bis Zeh, aus allen Poren blut- und schmutztriefende“ System.

Über westliche Werte …

Dieser Kreislauf, die Ähnlichkeit seines Anfangs mit seinem noch in der Zukunft liegenden Ende, müsste insbesondere jedem einigermaßen gebildeten Deutschen wohlbekannt sein: Das Hitlerregime rühmte sich offen, zum Beispiel im schaurigen „Horst-Wessel-Lied“, seines blutigen Ursprungs und gedachte in seiner Hochzeit in schwülstigen Veranstaltungen seiner „Novembertoten“ des gescheiterten Putschversuchs von 1923. So blutig wie es zur Welt kam, ging es 1945 unter – noch in den letzten Stunden seine eigene gläubige „Hitlerjugend“ sinnlos in Berlin in den Tod treibend, um die eigene Agonie wenigstens um ein paar Stunden zu verlängern.

Das brutale Wesen des so in die Welt gekommenen Systems konnte vor allem in Westeuropa in seiner imperialistischen Phase vor der eigenen Bevölkerung einige Jahrzehnte lang „verborgen“ werden, um den hegelschen Begriff zu benutzen. Das Nichtwissen(wollen) über die Brutalität der ökonomischen Grundlagen des Wohlstands der Menschen in Westeuropa änderte an ihrem Wesen aber nichts. So ließ sich in den Zentren des Imperialismus schon immer bei Tee und Gebäck angenehm plaudern über die Zivilisation, die Toleranz und die Bedeutung westlicher Werte. Das schloss zuweilen ein Naserümpfen über die Brutalität des US-amerikanischen Kapitalismus ein, der – weil später kommend und ein erst einmal den eigenen Kontinent von widerständigen Menschen brutal säubernder Imperialismus – den Colt am Gürtel viel offener und hemmungsloser zeigte als die Menschenfreunde in London, Paris oder Berlin, die mit dem Beginn des Kolonialzeitalters viel blutige Ausbeutungsarbeit in ferne Länder exportiert hatten.

… und Brutalität

Die „Zeitenwende“, von der hierzulande genauso viel wie sinnentleert gesprochen wird, besteht in ihrem Kern darin, dass sich dieses ökonomische Grundmodell der Wegverlagerung brutaler Ausbeutung aus dem Sichtkreis der eigenen Bevölkerung erschöpft hat, an sein Ende kommt.

Die Pipelines, mit denen der den vielen Milliarden Menschen der früher so genannten „Dritten Welt“ abgepresste Mehrwert zu erheblichen Teilen (nach Abzweigungen für die dortigen Statthalter) in die Regionen der sogenannten „Goldenen Milliarde“ – also der in Westeuropa, Japan und den USA lebenden Menschen – transferiert wurde, versiegen vor unseren Augen. Was das ökonomisch und danach auch politisch bedeutet, könnten – wenn sie sich denn kollektiv damit intensiver beschäftigten – die Deutschen vor allen anderen Mitgliedern der „Goldenen Milliarde“ am besten wissen. Sie haben es nämlich schon einmal erlebt. Als sich dieses Land nach den militärischen Siegen über die Donaumonarchie und Frankreich ab 1870/71 in den Club der die Welt ausplündernden imperialistischen Nationen hineingerüpelt hatte, gab es einen Wohlstandszufluss, von dem auch die deutsche Arbeiterklasse profitierte und der dazu beitrug, ihren einst stolzen revolutionären Elan erlahmen zu lassen. Auf die Generation der Revolutionäre um Marx und Engels folgte die Generation der Verzagten, der Verräter und der Reformisten um Eduard Bernstein, Karl Kautsky und Friedrich Ebert. Als dann das Kolonialreich verloren war und das Elend sich in Deutschland wieder ausbreitete, führte das 1924 zum Beispiel in Wuppertal, der Geburtsstadt von Engels, zehn Jahre nach dem Beginn des großen Krieges Deutschlands gegen Russland, Frankreich und Britannien zum Jammern in der sozialdemokratischen Presse: „Vor dem Krieg seien täglich 60.000 Liter Milch in Barmen verbraucht worden, jetzt stünden täglich nur noch 7.000 bis 8.000 Liter zur Verfügung, sodass kaum die Kranken und die jüngsten Kinder versorgt werden könnten“.

Über das kommende Ende

Soweit ist es in Wuppertal und anderswo noch nicht wieder. Die Pipelines – bis auf die von den USA gesprengte in der Ostsee – versiegen nicht plötzlich, sondern nach und nach. Folglich sind Deutschland und auch die gesamte EU zurzeit noch nicht im Absturz-, sondern Sinkflug-Modus. Das kann sich schnell ändern, wenn der Kurs auf einen (Wirtschafts-)Krieg gegen Russland und China sich weiter beschleunigt. Aus Stagnation würde dann mit Blick auf die Bedeutung allein der Märkte in China mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dauerhafte Rezession, aus leichtem Rückgang der wirtschaftlichen Aktivitäten ein zweistelliger, aus vorübergehend in Schritttempo gefallener wieder eine trabende Inflation.

Mit dem wirtschaftlichen Niedergang der alten Kolonialmächte aber geht eine Brutalisierung der Politik nach innen und außen einher. Alle tonangebenden Medien drängen die Regierung, die von ihr selbst ausgerufene „Zeitenwende“ endlich ernst zu nehmen und die Aufrüstung statt durch weitere Schulden durch einen massiven Abbau des aus ihrer Sicht historisch überholten Sozialstaats zu finanzieren. Damit stellt sich auch für Kinder und Alte in Wuppertal bald wieder die Milchfrage. Ausgerechnet in Kreta – wo vor wenigen Jahrzehnten deutsche Fallschirmjäger wüteten – erklärt Bundeskriegsminister Boris Pistorius an Bord der Fregatte „Hessen“ den „Ernstfall“ und der befehlshabende Fregattenkapitän Volker Kübsch meldet sich und die ihm unterstehenden 238 Soldaten ab zum „Kriegsmarsch“ in Richtung Rotes Meer. Um mit den Worten des von Marx zitierten Augier zu sprechen: Die Blutflecken werden in ersten Andeutungen wieder sichtbar. Wenn es keine Wende zur Vernunft und zur Kooperation mit der Mehrheit der Weltbevölkerung gibt, werden sie sich ausprägen, wie sie sich ausgeprägt haben am Beginn der Entwicklung des Kapitalismus in Deutschland.

Genesis des industriellen Kapitalisten
Das durch Wucher und Handel gebildete Geldkapital wurde durch die Feudalverfassung auf dem Land, durch die Zunftverfassung in den Städten an seiner Verwandlung in industrielles Kapital behindert. Diese Schranken fielen mit der Auflösung der feudalen Gefolgschaften, mit der Expropriation und teilweisen Verjagung des Landvolks. Die neue Manufaktur ward in See-Exporthäfen errichtet oder auf Punkten des flachen Landes, außerhalb der Kontrolle des alten Städtewesens und seiner Zunftverfassung.
Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingebornen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute, bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära. Diese idyllischen Prozesse sind Hauptmomente der ursprünglichen Akkumulation. Auf dem Fuß folgt der Handelskrieg der europäischen Nationen, mit dem Erdrund als Schauplatz. Er wird eröffnet durch den Abfall der Niederlande von Spanien, nimmt Riesenumfang an in Englands Antijakobinerkrieg, spielt noch fort in den Opiumkriegen gegen China und so weiter.
Die verschiednen Momente der ursprünglichen Akkumulation verteilen sich nun, mehr oder minder in zeitlicher Reihenfolge, namentlich auf Spanien, Portugal, Holland, Frankreich und England. In England werden sie Ende des 17. Jahrhunderts systematisch zusammengefasst im Kolonialsystem, Staatsschuldensystem, modernen Steuersystem und Protektionssystem. Diese Methoden beruhn zum Teil auf brutalster Gewalt, zum Beispiel das Kolonialsystem. Alle aber benutzten die Staatsmacht, die konzentrierte und organisierte Gewalt der Gesellschaft, um den Verwandlungsprozess der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig zu fördern und die Übergänge abzukürzen. Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz.
Karl Marx, „Das Kapital“

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"Gründungsmythen des Kapitalismus", UZ vom 15. März 2024



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