Im Zentrum der Landeshauptstadt Potsdam befindet sich der einstige Marstall der Preußenkönige. Der Baumeister hieß Knobelsdorff, von ihm stammt auch das private Lustschloss Friedrichs des Großen, daher wohl auch eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit Sanssouci. Die DDR richtete im friderizianischen Rokoko ihr Filmmuseum ein – im Übrigen das erste in ganz Deutschland. Nach ihrem Ende machte man es kleiner, dann hieß es nur noch „Filmmuseum Potsdam„. Und seit fünfzehn Jahren firmiert die Einrichtung als Institut der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf„. Täglich laufen im dortigen Kino mehrere Filme und es gibt eine Dauer- und Wechselausstellungen. Die aktuelle öffnete Ende Juli und ist der Gründung der DEFA vor 80 Jahren gewidmet.
Ihr Titel „Ohne Frühstück. Ohne Diskussion“ ist dem letzten Film Konrad Wolfs entlehnt. Die selbstbewusste Solistin Sunny machte diese Ansage, als sie ihren Beischläfer am Morgen nicht nur aus dem Bett, sondern auch aus der Wohnung wirft. Das kann man als selbstbewusst und emanzipiert interpretieren, aber auch anders. Zwiespältig also. Und so geht es mir auch mit der Exposition im Obergeschoss des Marstalls.
Natürlich: Wo anfangen, wo enden? Die am 17. Mai 1946 in einem einst zum Ufa-Konzern gehörenden Filmatelier gegründete „Deutsche Film-AG“ – Kurzform DEFA – hat in den reichlich vier Jahrzehnten ihrer Existenz mehr als siebenhundert Spielfilme produziert. Sehr gute, durchschnittliche und auch misslungene. Nach welchem Prinzip will man dieses nationale Kulturgut – und um ein solches handelt es sich objektiv – präsentieren, dokumentieren, vermitteln?
Die Ausstellungsmacher gruppierten um ein knappes Dutzend Stichworte wie „Emanzipation“, „Sex und Liebe“, „Mode und Bekleidung“, „Frieden, Patriotismus, Heimatliebe“ und „Rebellion und Rückzug“ etwa vierzig thematische Filme. Auf Aufstellern mit Requisiten, Plakaten und zeitgeschichtlichen Zeugnissen findet man viel Interessantes zu Produktion und Rezeption. Etwa eine handgeschriebene Karte aus dem Jahr 1995 von Manfred Krug an den Regisseur Hermann Zschoche: „Lieber Herrmann, zum ersten Mal (morgens zwischen 5.00 & 7.00) ‚Karla‘ gesehen. Das ist ja ein so unglaublich wunderbarer Film. Du und Plenzdorf und die Hoffmann und Hentsch. Wirklich, ein großes, schönes Werk. Und wenn die DDR nur gut war, um diesen Film nötig zu machen. Und möglich zu machen … Dein alter Manne.“ Ein vielschichtiges spätes Liebesbekenntnis.

Der Schwarzweißfilm „Karla“ erzählt von der Liebesbeziehung einer Deutsch- und Geschichtslehrerin zu einem Schüler der 12. Klasse, aber tatsächlich geht es um einen klassischen Grundkonflikt: den zwischen Anspruch und Anpassung, dem Beharren auf eigener Überzeugung und opportunistischem Duckmäusertum. Ein Thema, das uralt ist und noch heute bewegt. Der DEFA-Film verhandelte es auf ehrliche, sozialistische Weise – und wurde zum sogenannten „Kellerfilm“. So nannte man Filme, die nach der 11. ZK-Tagung 1965 aus dem Verkehr gezogen oder aus der Produktion genommen wurden. Nun wissen Leute, die sich mit Politik und Geschichte auskennen, dass das sogenannte „Kahlschlag-Plenum“ sich nicht primär gegen die DEFA richtete, sondern gegen den Reformer Ulbricht, der seit dem VI. Parteitag 1963 auf eine grundlegende Umgestaltung des sowjetischen Sozialismusmodells in der DDR orientierte. Dagegen machte eine Gruppe im Politbüro mit mehr als nur Billigung Moskaus massiv Front. Die Folge: Auch „Karla“ kam in den Keller.
Das kann man in einer solchen Ausstellung alles nicht erzählen, Geschichte ist derart komplex und vielschichtig. Aber man kann mit Auswahl und Aufbereitung eine Tendenz vorgeben. Und die gibt es. Die Mehrheit der ausgestellten Filme, so scheint es, sind verboten, diskriminiert oder sonstigen unwürdigen Behandlungen ausgesetzt gewesen. Oder dass fünfzehn Jahre – wie etwa bei „Einer trage des anderen Last“ – um den Stoff gerungen werden musste, ehe der Film 1987 realisiert werden konnte. Halten zu Gnaden: Der im August 1970 von Orson Welles begonnene Film „The Other Side oft the Wind“ wurde erst 48 Jahre später fertiggestellt. Es fehlte das Geld, Investoren gingen baden und es gab Rechtsstreitereien um das Filmmaterial. Alles Probleme, die in der heutigen Filmindustrie gang und gäbe sind. Das ist Ökonomie. In der DDR war es Ideologie. Das ist natürlich ganz schlimm und ganz was anderes.
Aber zur Tendenz. Für sich genommen ist die Benennung des in Schwarz ausgeschlagenen Separees, in welchem man von zwei Kinosesseln aus in Endlosschleife Ausschnitte aus sieben Spielfilme besichtigen kann, durchaus amüsant: „DEFA – die Schwindelbude“. Diesen Spitznamen hätten technische Mitarbeiter der DEFA kreiert. „Vermutlich spielte er darauf an, dass die im Film dargestellten Lebenswelten und Figuren nur manchmal mit der Realität übereinstimmten.“ Dieser Aufklärung an der Wand bedurfte es natürlich, weil ja heute in Film und Fernsehen die „dargestellten Lebenswelten und Figuren“ immer mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Wie gesagt: Einzeln genommen witzig. Im Kontext mit anderen Begleittexten und d er Ansage des Kurators Guido Altendorf, dass es nicht darum gehe, „mit dieser Ausstellung die DDR zu feiern“, jedoch eher nicht. Man wolle „die Menschen durchaus feiern, die in der DDR, in diesem Spannungsfeld DDR, gelebt, gearbeitet und sich auch mal hier und dort gefreut haben“, sagte er wie zur Entschuldigung.
Ich habe „in diesem Spannungsfeld DDR“ gelebt und mich gelegentlich gefreut, und ärgere mich darum heute immer, wenn entweder auf solch subtile oder auf dümmlich-antikommunistische Weise mir mein, unser Leben in der DDR erklärt wird. Da ist mir die Ansage des Museumsleiters Michael Fürst weitaus sympathischer und lebensnäher, wenn er fordert, „diese Filmgeschichte als Teil der gesamten deutschen Filmgeschichte“ zu behandeln. Ist zwar nur ein kleiner Nenner, aber immerhin einer, auf den man sich einigen kann.
So verlässt man denn mit gemischten Gefühlen den Marstall – hundert Meter zur Rechten die wiedererrichtete Garnisonkirche und zur Linken das wiedererrichtete Schloss, wo der Landtag sitzt. Kulisse für eher kleines Kino. Schwindelbude halt.
Ausstellung „80 Jahre DEFA-Filme“
Bis 2. Mai 2027
Filmmuseum Potsdam
täglich (außer Montag) von 10 bis 18 Uhr
Eintritt 12 Euro, ermäßigt 8 Euro








