Die Verheißung, die Menschheit würde dank Vernetzungstechnologien zu einem Dorf zusammenwachsen, hatte Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan in anderer, aber nicht gänzlich anderer wenig symbiotischer Weltlage 1962 in seinem Buch „The Gutenberg Galaxy“ („Die Gutenberg-Galaxis“) in den westlichen Diskursring geworfen. Was damals noch mit universalistischem Anliegen formuliert wurde, hat sich nunmehr verkehrt: Die nahezu vollends ins Internet eingetauchte Welt scheint das Individuum nur noch mehr zu überfordern. Die bedrängte Kreatur wirft sich online in seine Blasen, igelt sich im „Kunst der Kunst wegen“ ein, oder siedelt gleich physisch als Berlinflüchtling mit verhipsterten Leidensgenossen in die Diaspora aufs Brandenburgische. Das Dorf jedenfalls umspannt nicht mehr die Erde, es schließt sich vor ihr ab. Geistig und sozial provinzialisiert, lebt es sich als selbsternannter Weltbürger doch ganz fein.
Weil sie ohne große Einbußen zum Scheitern verurteilte Experimente wagt, ist die Literatur stets bemüht, nach Beweisen zu forschen, die die Einrichtung eines kleinen Fleckchens Richtigem, ob nun als Ort oder als Geisteshaltung im großen und ganzen Falschen doch noch belegen. In Juan S. Guses großartigem Roman „Miami Punk“ (siehe UZ vom 28. 6. 2019) und „Die Prozesse“ von Marius Goldhorn (siehe UZ vom 29. 8. 2025) macht eine je nur partiell wirkmächtige politische Linke die Tür zu, damit die Apokalypse draußen stattfindet.
Die Verhältnisse kippeln, aber die Kraft fehlt, sie umzustürzen. „Die Krise besteht gerade darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: in diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen“, schrieb Antonio Gramsci. Populär geworden – und damit nicht wenig verzerrt worden – ist es als zusammengeschnurrt-knallendes, aber eben zugeschriebenes Gramsci-Zitat: „Das Alte stirbt und das Neue kann nicht zur Welt kommen: Es ist die Zeit der Monster.“
„Zeit der Monster“ heißt der Debütroman der Kölner Essayistin und Journalistin Şeyda Kurt, in dem sich ihr Heimatveedel Kalk sezessioniert und trotz Sabotageakten und von einer miesepetrigen Bundeskanzlerin verordneten Strafzöllen versucht, als Kommune zu bestehen. Doch schon der Name, der sich von Kolk und damit von einer natürlichen Wasseransammlung ableitet, verweist auf ein Grundproblem: Kalk wird nicht nur in der Berichterstattung der bundesdeutschen „Qual.-Medien“ (Kay Sokolowsky) als „Sumpf“ tituliert, die 1910 von Köln eingemeindete, Anfang der 1990er als Chemiestandort deindustrialisierte Stadt versinkt zusehends.
In der allen zugänglichen Praxis von Dr. Shifa werden zwar „mit solidarischen Grüßen“ Antibiotika gegen zunehmende Viruserkrankungen verschrieben, zu bekommen sind die Medikamente allerdings nicht. Und auch die Kneipe „Roter Löwe“, in der Sanya aller Solidarität zum Trotz für einen Dreckslohn arbeitet, geht über Nacht in Flammen auf. In Anbetracht der Notlage gehen die Hilfsforderungen an die Kanzlerin („Kriegst du überhaupt mit, was in der Welt passiert? Unser Asphalt ist aufgeplatzt. Wir brauchen endlich Rampen für Rollstühle, immer noch!“) dahin, wo die Freude über das versinkende Viertel groß sein dürfte. Und während der Thekensportler nach seinem fünften Frühstücksbier den Bürgermeister gibt, der Pfarrer nicht zum Klopapierkauf kommt, um die von ihm verhassten Asylsuchenden zu versorgen und Linksradikale in roten Trainingsanzügen am Luftdruckgewehr üben, zankt die Kalker Basisdemokratie im Plenum darum, ob Pflanzen nun einen Namen brauchen oder nicht. Allenthalben Monster, niemand mehr bei Sinnen. Kein Wunder also, dass die Sehnsucht nach einer durchs Internet geisternden Prophezeiung und einem Messias groß ist. Halbironisch wird von Mal zu Mal bekräftigt: „Herrlich hier.“ Alle aber wissen, dass es nur so ist, weil man nichts anderes kennt.
Mit der Kellnerin Sanya hat Kurt jenes Erzählprinzip in eine Figur gefasst, das die feministische Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin vor 40 Jahren in ihrem Essay „The Carrier Bag Theory of Fiction“ („Die Tragetaschentheorie der Fiktion“) vorschlug: Statt der spannungs- und konfliktgeladenen Jagd soll es im Erzählen stattdessen um das Sammeln gehen. Sanya geht mit Rucksack umher, in dem – nach nicht wenigen Konfliktchen – ein antiker assyrischer Krug landet, den der Sumpf nebst unzähligem Tand ausspuckt. Entsprechend dem von der Autorin eingeschobenen Le-Guin-Zitat: „Doch so sicher, wie aus Zukunft Vergangenheit wird, wird aus Vergangenheit Zukunft.“
„So beginnt die Geschichte imperialer Großmächte: Assyrien ist das erste antike Großreich überhaupt“, heißt es in einer „Bestandsaufnahme“, einer jener essayistischen Einschübe in „Zeit der Monster“, einem Roman, in dem als Sumpf selbst allerlei steckt, von Pop- zu Mythologiereferenzen, politischer Satire und Berichterstattung, Lokalkolorit und Migrationsgeschichte, wenig aber sprachliche Finesse und Ansätze dazu, nach dem literarischen Klauben mit dem Gesammelten auch etwas Neues zu bauen, das nicht sofort spurlos in der Erde versinkt.
Şeyda Kurt
Zeit der Monster
Hanser-Verlag, 288 Seiten, 23 Euro







