Tanzbar, ergreifend, revolutionär: Das war das Programm auf der Hauptbühne der UZ-Friedenstage

Wo sich die Klasse trifft

Als am Freitag um 16:30 Uhr die UZ-Friedenstage beginnen sollen, liegen bei der Kulturverantwortlichen das erste Mal die Nerven blank. Die Bühne stand, der Backstagebereich auch, die Musikerinnen und Musiker waren alle pünktlich zum Soundcheck erschienen, allein der Mann, der die offizielle Dezibelmessung für den Lärmschutz durchführte, ließ sich Zeit. Sehr viel Zeit. Als die Friedenstage dann nach einem kurzen Soundcheck eröffnet wurden, meinte der Regen sich auch noch einmischen zu müssen. Das Publikum war unbeeindruckt, der Regen zog wieder ab. Es blieb das einzige kurze Gastspiel von unangenehmem Wetter.

Als dann der schottische Singer-Songwriter Calum Baird die UZ-Friedenstage auch musikalisch eröffnete, war der Platz gerammelt voll – und der Strom machte einen Abgang. Dreimal wurde der Platz dunkel und leise, bis der Fehler gefunden war – ein bisschen viel Authentizität für einen Solidaritätsabend mit dem sozialistischen Kuba. Der Stimmung tat das aber keinen Abbruch. Sowohl Calum Baird als auch der Berliner Liedermacher und Theatermusiker Tobias Thiele traten vom Mikro weg an den Bühnenrand und sangen, was die Stimme hergab, das Publikum bildete Trauben direkt vor der Bühne, die Genossen an Stromversorgung und Technik flitzten über den Platz und fanden schließlich den Fehler – die UZ-Friedenstage waren vom ersten Moment an von solidarischem Miteinander geprägt.

Auf Calum Baird und Tobias Thiele folgten das Viva-Kuba!-Solidaritätstreffen (siehe Seiten 12 und 13) und ein Konzertabend der besonderen Art: Pablo Miró begeisterte mit seinem Auftritt Hirne und Herzen der Zuhörenden, ihm folgte der von Tobias Thiele kurzfristig möglich gemachte Auftritt des kubanischen Künstlers Tony Àvila. Das Publikum hielt es nicht auf den Bänken und auch die letzte Band des Abends, das Nicky Marquez Trio, hielt nichts mehr im Backstagebereich. Spontan wurde gemeinsam musiziert, das eine Konzert ging nahtlos ins andere über, der Abend endete in begeisterten „Viva Cuba Socialista“-Rufen.

361102 - Wo sich die Klasse trifft - Achim Bigus, Banda Bassotti, Bejarano und Microphone Mafia, Betty Rossa & Kapelle, Calum Baird, Free Willy, Gina Pietsch, Grupo Resistencia, Hartmut König, Kai Degenhardt, Musik, Nicky Marquez Trio, Pablo Miró, RotFuchs-Singegruppe, Schenzer und Wilke, Tobias Thiele, Tony Àvila, Trio Quijote, UZ-Friedenstage 2026 - Hintergrund
Gemeinsam für Kuba: Tony Àvila, Tobias Thiele und zwei Drittel des Nicky Marquez Trios (Foto: Martina Lennartz)

Allerdings nur an der Hauptbühne. In der Casa Cuba im Innenhof wurde der 100. Geburtstag Fidel Castros nachgefeiert. Und die Musikerinnen und Musiker – glücklich, aber erschöpft – wollten eigentlich auch nur kurz mit einem Mojito oder zwei auf den gelungen Abend und den Comandante anstoßen. Doch stand da noch eine Bühne, ohne Licht, aber mit Technik. Sie wurde kurzerhand geentert, klein, wie sie war, passten doch irgendwie alle drauf – es war ein rauschendes Fest der Solidarität und der Völkerverständigung, eine wahrlich würdige Geburtstagsfete für den großen Revolutionär Castro.

Der Samstagmorgen begrüßte die Besucherinnen und Besucher der UZ-Friedenstage an der Hauptbühne auf dem Vorplatz mit strahlendem Sonnenschein. Von der Bühne grüßte die RotFuchs-Singegruppe, begleitet von Hartmut König, mit Arbeiterliedern. Ihnen folgten – wie immer aus Österreich angereist – Betty Rossa und Kapelle Gigs mit ihren Interpretationen fortschrittlichen Liedguts. Am Vormittag war es an der Bühne schon voll, in den Räumen und Sälen ebenfalls. Dass die Friedenstage ihre Besucherzahl deutlich erhöhen konnten, wurde langsam deutlich.

Aus Hamburg angereist waren Schenzer und Wilke, im Gepäck nicht nur Gitarre und Irish Bouzouki, sondern im Schlepptau auch den Chilenen Eugenio Cornejo von der Grupo Resistencia. Mehrsprachig begeisterten sie das Publikum. Ebenfalls aus Hamburg kam Kai Degenhardt mit neuer Platte und begeisterte mit neuen Songs und alten Publikumshits, auch aus dem Familienfundus. Wie Gina Pietsch und Hartmut König bereicherte auch Degenhardt die Friedensmanifestation am späten Samstagnachmittag mit einem Beitrag.

Für den frühen Samstagnachmittag hatte sich auch die UZ-Redaktion an der Bühne verabredet. Einmal gemeinsam anstoßen auf unser Fest, das musste schon sein. Auf der Bühne gab es dazu Free Willy aus Österreich, die nicht nur daran erinnerten, dass unter dem Pflaster immer noch der Strand zu finden ist, sondern ebenso an die widerständigen Edelweißpiraten und einen besonders mutigen und besonnenen Lokomotivführer. Die Hände taten weh vom Klatschen, über den Platz dampfte ein aus dem jungen Publikum formierter Zug – bei „Jalava“ gab es kein Halten mehr.

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Kämpferische Stimmung aus Österreich: Free Willy (Foto: Martina Lennartz)

Schneller Wechsel zum Song-Contest der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend mit Genossinnen und Genossen, die am Rand von Grundlagenschulungen oder Pfingstcamps Musik geschrieben haben. Als Rap oder zur Gitarre – egal, gefeiert wurden alle. Wer an der Bühne vorbei wollte, musste aufpassen, nicht über die auf dem Boden sitzende Jugend zu stolpern.

Es blieb voll an der Bühne auf dem Franz-Mehring-Platz 1, der so viel politische Kunst schon lange nicht mehr gesehen hatte. Trio Quijote aus Chemnitz gaben einen Einblick in ihr Programm „Notstand Frieden“ über die Absurdität des Krieges und als sich am Ende der großen Friedensmanifestation die Fäuste zur „Internationale“ auf dem übervollen Platz in den Himmel reckten, blieben auf der Bühne nicht alle Augen trocken.

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SDAJ-Song-Contest (Foto: Martina Lennartz)

Dass man Solidarität nicht nur praktisch leben, sondern auch feiern und tanzbar machen kann, zeigten am späten Samstagabend die italienischen Ska-Punk-Rocker von Banda Bassotti. Die Stimmung kochte, der Platz tanzte, und als der Abend um Punkt 22 Uhr mit der „Internationale“ endete, verfluchten viele den Lärmschutz. Es hätte noch lange weitergehen können, die Cocktails in der Casa Cuba halfen vielen über den Schmerz eines viel zu schnell zu Ende gegangenen Konzerts hinweg.

Auch am Sonntag lachte die Sonne über den UZ-Friedenstagen, als Achim Bigus den Tag auf der Bühne als erster Künstler eröffnete. Mitgebracht hatte er Lieder aus der deutschen Arbeiterbewegung, aber auch aus dem Spanischen Krieg. Nach ihm folgte noch einmal Tobias Thiele, diesmal nicht rüde unterbrochen durch einen Stromausfall, und ließ das Publikum sich mit ihm nach Havanna träumen. Auch Calum Baird nahm das Publikum noch einmal mit, Schlangen bildeten sich bei dem CD-Verkauf nach dem Konzert.

Bejarano und Microphone Mafia, die das wunderbare Projekt zwischen Kölner Rappern und der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano fortsetzen, erinnerten von der Bühne aus an legendäre UZ-Pressefestkonzerte in Dortmund und machten nochmal deutlich, was allen Musikerinnen und Musikern der UZ-Friedenstage gemein ist: Wir schreiben Solidarität groß, wir lassen uns nicht den Mund verbieten, wir werden immer laut sein gegen Ausbeutung und Rassismus und wir werden niemals Schweigen zum Völkermord in Palästina. Egal, was Veranstaltungsräume von uns verlangen.

Das Trio Quijote brachte danach noch ein besonderes Programm auf die Bühne. Mit „Sonne der Gerechtigkeit“ spielten sie Stücke des griechischen Kommunisten und Komponisten Mikis Theodorakis anlässlich seines fünften Todestags. Und als nach ihnen die russischen Künstlerinnen und Künstler von Integral nach einer Stunde die Bühne verlassen haben, war der Unmut im Publikum spürbar, die Abmoderation fiel schwer. Das sollten sie jetzt gewesen sein, die zweiten UZ-Friedenstage? So lang geplant und gefühlt so schnell vorbei. Vor und hinter der Bühne war klar: Die Friedenstage müssen wieder stattfinden, denn diese Zeiten brauchen auch den Austausch fortschrittlicher Künstlerinnen und Künstler, diese Zeiten brauchen die Kraft, die ihre Kunst gibt.

Auf und hinter der Bühne genauso wie auf dem Platz davor waren die drei Tage geprägt von Solidarität und Herzlichkeit. Oder wie Kutlu Yurtseven von der Microphone Mafia es ausdrückte: „Wie ein Klassentreffen, aber halt eins, wo man gern hingeht.“

Es war uns ein Fest mit euch allen! Vielen herzlichen Dank!

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"Wo sich die Klasse trifft", UZ vom 4. September 2026



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