Solidaritätskundgebung vor dem Russischen Haus in Berlin – für Frieden und Freundschaft

Von ausverkauften Konzerten und einer Soljanka

Das BSW hatte vor geraumer Zeit – die Berlin-Wahl vor Augen und aus Sympathie mit dem von NATO und EU attackierten russischen Volk – für den 4. September zu einer Kundgebung in die Friedrichstraße geladen. Vor das Russische Haus, das die Kriegstrommler von Grün bis Schwarz schon seit geraumer Zeit schließen wollten. Und tatsächlich: Ausgerechnet an jenem Tag, an dem der deutsche Vorgängerstaat vor 87 Jahren Polen überfallen und den Zweiten Weltkrieg losgetreten hatte, hat die Bundesregierung angekündigt, ernst zu machen. Am vergangenen Freitagabend versammelten sich etwa 2.000 Menschen trotz Regen vor dem Russischen Haus und machten aus der Wahlkampfveranstaltung eine Protest- und Solidaritätsaktion. Unisono forderten sie, den gefährlichen Konfrontationskurs zu beenden, der zu einem ganz großen Krieg führen kann: „Stoppt den russophoben Wahnsinn in Berlin & Brüssel““ und „Frieden und Freundschaft mit Russland“. Auf einem Plakat hieß es „kulturabbau = bildungsabbau = armseligkeit“.

Kultur und ihre wechselseitige Vermittlung öffnen bekanntlich Herzen und Verstand, was aber dessen Vorhandensein voraussetzt. Erinnert sei an die Bemühungen der sowjetischen Besatzungsmacht, nach der militärischen Zerschlagung des Hitlerstaates das deutsche Volk mit Kultur zu erobern, es für eine humanistische Grundeinstellung zu gewinnen. Man denke an das legendäre Konzert des Alexandrow-Ensembles auf dem zerstörten Gendarmenmarkt in Berlin, an die Wiedereröffnung der Theater, an die Gründung der DEFA, an die Wiederaufnahme des Lehrbetriebs an Schulen und Universitäten. Die wechselseitige kulturelle Befruchtung reichte bis zur Errichtung des Hauses der sowjetischen Wissenschaft und Kultur Mitte der achtziger Jahre in der DDR-Hauptstadt. Die DDR baute auf einem Karree an der Friedrichstraße ein Kulturhaus der Extra-Klasse mit 29.000 Quadratmetern Nutzfläche – fast drei Hektar Kunst und Kultur, verteilt auf sieben Stockwerke. Mit einem großen und einem kleinen Kino- und Theatersaal, mit Ausstellungs- und Proberäumen, Restaurants, mit Bibliothek und Buchladen, Seminarräumen und Büros, verschiedenen Orten für Begegnungen und Gespräche, Unterrichtsräumen für Zeichnen, Töpfern, Tanzen und Russischunterricht … Es war das größte kulturelle Auslandsinstitut der So­wjet­union.

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Das russische Haus ist eine Brücke zwischen Völkern. (Foto: Laurentiu Dragota)

Das Haus gab es auch noch nach dem Ende der DDR. Der Rechtsnachfolger der So­wjet­union, die Russische Föderation, hatte es übernommen. Lenins Standbild verschwand aus dem Foyer, aber sonst blieb alles wie gehabt. Die Bonner Republik übernahm mit den 108.000 Quadratkilometern DDR-Grund und Boden auch dieses Areal und sicherte in einem Liegenschaftsabkommen den Russen die Nutzung bis 2099 zu. Und in einem bilateralen Rahmenabkommen von 2011 wurde die Nutzung des Hauses für eben diesen Zweck fixiert: Vermittler russischer Kultur zu sein – wie es im Gegenzug mehrere Einrichtungen des deutschen Goethe-Instituts in Russland sein sollten. Vereinbart wurde eine mögliche Kündigung nach jeweils fünf Jahren, mithin wird am 7. Juni 2027 das Haus frühestens schließen können/müssen. Soweit die formal-rechtliche Seite.

Aber hier geht es nicht um Recht, sondern um Politik. Das Haus wurde von der Bevölkerung angenommen und stark frequentiert – ich erinnere mich an ausverkaufte Konzerte, Ausstellungen berühmter sowjetischer Kriegsfotografen, Egon Krenz präsentierte 2019 im Großen Saal sein viel beachtetes Buch „Wir und die Russen“ (edition ost) – die FAZ verbreitet auf ihrem Kanal noch immer einen Trailer davon mit dem Appell des Ex-Staatsratsvorsitzenden an seine ostdeutschen Landsleute: „Es gibt trotz aller Kränkungen nicht einen Grund, AfD zu wählen.“

Jeder Besuch im Hause, und sei es auch nur für eine Soljanka, war zugleich eine Geste der Verbundenheit mit den Völkern Russlands – in den letzten Jahren angesichts der wachsenden Russophobie fast eine politische Demonstration. 2022 setzte Brüssel den Betreiber des Hauses, die Agentur Rossotrudnitschestwo, auf die Sanktionsliste der EU. Regelmäßig wurden fortan Meldungen in die Medien lanciert, dass hier endlich vollstreckt werden müsse. Und siehe da: Der „Rechercheverbund NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung“ verbreitete die „Einschätzung“ des französischen Innenministeriums, dass das Haus „als Tarnung von russischen Geheimdiensten genutzt“ werde. Der „Spiegel“ sprang pflichtschuldig auf diesen Zug und verbreitete am 11. August 2026, dass „mehrere Politiker“ nach dieser Meldung die Schließung des Hauses gefordert hätten. Zu den „mehreren Politikern“ gehörte nicht unerwartet der Scharfmacher Roderich Kiesewetter von der CDU. Bewiesen sei die Spionage durch den Stromverbrauch – der sei „erheblich höher, als er bei den 100 Menschen, die dort leben, sein dürfte“. Herrliche, aber gefährliche Einfalt.

Am 8. September verließen die ersten sieben Mitarbeiter des Hauses mit ihren Familien das Land. Und das Theater Ost, das einen Vertrag hatte, hier ab 1. Januar 2027 eine neue Spielstätte zu betreiben, weil ihm die alte in Adlershof genommen werden soll, ist auch heimatlos geworden. Kathrin Schülein, die Intendantin und ehemalige Tänzerin, erhielt am Freitag viel solidarischen Applaus, als sie diesen Kollateralschaden erwähnte mit dem Wunsch, dass uns allen ein größerer erspart bleiben möge.

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"Von ausverkauften Konzerten und einer Soljanka", UZ vom 11. September 2026



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