Ölkonzerne entgegen ihrer Propaganda Hauptverantwortliche der Umweltzerstörung

Klimakiller USA

Walter Reber

Ein „Straßenkreuzer“, ein großes Auto mit Heckflossen und viel Chrom, war Anfang der 1960er-Jahre die Sensation in den engen Straßen unseres Dorfes. Er war bewunderter Ausdruck des „American Way of Life“, dieser Kombination aus industrieller Massenerzeugung und billiger Energie. Es waren der Dreiklang aus Öl-, Auto- und Luftfahrtindustrie sowie ihre Absicherung durch die Militärmaschinerie, die die USA zur Nummer 1 machten – führend im Ausstoß von CO₂. Im Zeitraum von 1850 bis 2021 „produzierten“ die USA mehr CO₂ als jedes andere Land der Welt: mehr als 500 Gigatonnen.

Billiges Öl war damals eine zentrale Grundlage für den steigenden Lebensstandard der gut situierten weißen Mittelschicht in den USA – und die Kontrolle über die Öl- und Gasproduktion war ein zentrales Element der US-Außenpolitik. Vom Sturz Mohammad Mossadeghs im Iran über die Suezkrise bis hin zu den Kriegen gegen den Irak war Öl bestimmend für die Politik der USA im Nahen Osten und weit darüber hinaus.

Aufstieg der Ölkonzerne

Vom Ende des 19. Jahrhunderts an hatten die USA den wirtschaftlichen Vorteil, über große Mengen Erdöl und später Erdgas zu verfügen. Tatsächlich waren und sind die USA bis zur Mitte der 1970er-Jahre und dann wieder seit etwa 2015 das Land mit der größten Produktion von Öl und Gas – vor Saudi-Arabien und Russland.

Von Anfang an war das Geschäft mit dem Öl ein Sinnbild der kapitalistischen Produktion und untrennbar verknüpft mit dem Namen „Standard Oil“. Dieser Konzern wurde 1870 von John D. Rockefeller und einigen Partnern gegründet und war das größte Erdölraffinerieunternehmen der Welt. Die Firma beherrschte den Ölmarkt durch Integration unterschiedlicher Geschäftszweige und eine aggressive Preispolitik.

Mit kleinen Raffinerien ging man wenig zimperlich um. Rockefeller setzte sie unter Druck und kaufte sie zu einem Bruchteil ihres Verkehrswertes auf. Waren die Besitzer widerspenstig, griff man zu härteren Mitteln. Beispielsweise wurde die Betriebsstätte der „Vacuum Oil Company“ durch eine vorsätzlich herbeigeführte Explosion zerstört. Der Täter gestand später, für die Sabotage bestochen worden zu sein.

Mark Twain sprach vom „Gilded Age“ – dem vergoldeten Zeitalter – des US-Kapitalismus, weil sich hinter der glänzenden Fassade eine Welt von Korruption, Gewalt und riesiger Armut verbarg. Als einer der „Räuberbarone“ kontrollierte Rockefeller mit seinem Imperium zeitweise rund 90 Prozent des US-amerikanischen und um 1890 herum sogar etwa zwei Drittel des globalen Ölmarkts.

Das Monopol von „Standard Oil“ wurde schließlich 1911 vom Obersten Gerichtshof der USA zerschlagen. Aus ihm gingen mehrere Ölkonzerne hervor, die es heute noch gibt – etwa „ExxonMobil“, „Chevron“ und „Marathon Oil“.
Die Rechtsnachfolger von „Standard Oil“ weiteten später ihre Tätigkeit ins Ausland aus. Einer davon sicherte sich schon 1933 die Bohrrechte in Saudi-Arabien. Der Roman „Salzstädte“ beschreibt ausführlich die sozialen Verwerfungen, die dort daraus folgten.

Energiedominanz

Immer wieder – und bis heute – verstand es die Ölindustrie, gesetzliche Vorgaben, die sich negativ auf ihre Gewinne ausgewirkt hätten, zu verwässern oder zu verhindern. Führend in der Lobbyarbeit war das „American Petroleum Institute“ (API). Wissenschaftlich war das API jederzeit auf dem modernsten Stand. Schon in den 1950er-Jahren diskutierte man dort die Gefahren einer Klimaveränderung durch den zunehmenden CO₂-Ausstoß – nur um sie öffentlich zu leugnen und sogenannte Klimaskeptiker zu finanzieren. Und heute gibt es – dank solcher Lobbyarbeit – in vielen US-Staaten kaum Regularien und staatliche Kontrollen der Fracking-Industrie, die derzeit den Löwenanteil der Öl- und Gasförderung in den USA ausmacht.

„Energiedominanz“ war ein Schlagwort, mit dem US-Präsident Donald Trump ein Kernelement seiner Präsidentschaft beschrieb. Die USA sollten wieder führend in der Produktion von Kohlenwasserstoffen werden und damit den Markt weltweit bestimmen können. Wirklich neu war dieses Konzept nicht. Für lange Zeit im 20. Jahrhundert war die US-Ölproduktion weltweit führend und bestimmend. Und wo das nicht der Fall war, wurde die Dominanz mit anderen Mitteln hergestellt – mit wirtschaftlichen, diplomatischen und gegebenenfalls militärischen.

Beispiel: Röhrengeschäft

Im Jahr 1961 schlug die Sowjetunion westdeutschen Konzernen folgendes Geschäft vor: Sie wollte Rohstahl liefern und die deutschen Unternehmen sollten daraus Rohre herstellen, um sie anschließend für den Bau von Pipelines in die Sowjetunion auszuführen. Die deutschen Konzerne gingen darauf ein und der Rohrexport in die Sowjetunion schnellte im Jahr 1962 auf 255.400 Tonnen hoch.

Diese Lieferungen ermöglichten den im Jahr 1959 begonnenen Bau der Pipeline „Druschba“ (Freundschaft). Bis 1964 wurden für diese Pipeline rund 730.000 Tonnen Rohre verlegt. In den nächsten Jahren wurde sie weiter ausgebaut, die bestehenden Leitungen wurden verlängert und neue verlegt.

Diese florierende Zusammenarbeit rief die US-Regierung auf den Plan, die im November 1962 die Adenauer-Regierung dazu veranlasste, ein Embargo gegen den Export von Großrohren in die Sowjetunion zu verhängen. Damit wurde die deutsch-sowjetische Zusammenarbeit bei der Erschließung der sibirischen Öl- und Gasfelder für Jahre gestoppt. Die bereits unterzeichneten Verträge für das Jahr 1963 wurden annulliert. Das war ein frühes Beispiel für die Anwendung von Sanktionen, die heute massenhaft die US-Politik bestimmen. Das Embargo blockierte bis 1969 die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen der BRD und der Sowjetunion bei der Erschließung sowjetischer Energierohstoffe.

221302 Grafik - Klimakiller USA - Fracking, Klimakatastophe, Mineralölkonzerne, USA - Hintergrund
CO2-Emissionen nach Pro-Kopf-Verbrauch, 2020 abzüglich der in den Exporten eingebetteten Emissionen, zuzüglich der eingebetteten Emissionen in den Importen. (Foto: Our World in Data based on the Global Carbon Project (2023), OurWorldInData.org/co2-and-greenhouse-gas-emissions / CC BY-SA 4.0)

Marktbeherrschung

Den größten Beitrag zur Energiedominanz leistete indes eine umfassende eigene Produktion von Kohlenwasserstoffen. Diese geriet in den 1970er-Jahren in eine Krise. Unter Präsident Richard Nixon begann die Ölproduktion erstmals in der Geschichte der USA deutlich zu sinken. 1980 verloren die US-Konzerne die letzten Anteile an der saudischen „Aramco“. Straßenkreuzer wurden zu Dinosauriern und durch kleinere Autos aus Asien und Europa ersetzt.

Erst zu Beginn des neuen Jahrtausends stieg die Ölproduktion in den USA wieder an. Der Fracking-Boom unter Präsident George Bush – die Ausbeutung von Lagerstätten mit chemischen Hilfsstoffen und Hochdruckverfahren – ließ die Produktion wachsen. Unter Präsident Barack Obama nahm das Fracking richtig Fahrt auf: Die Ölproduktion während seiner beiden Amtszeiten nahm um nahezu vier Millionen Barrel pro Tag zu. Eine noch größere Steigerung erlebte nur Präsident Trump zu Beginn seiner Amtszeit, bevor infolge der Corona-Pandemie die Zahlen wieder sanken. Präsident Joseph Biden sah wieder einen Anstieg.

Fracken gegen den Abstieg

Heute wird die Energiedominanz der USA von zwei Seiten unter Druck gesetzt: erstens durch den beginnenden Trend weg von den Kohlenwasserstoffen – wofür zum Beispiel China mit seinem Ausbau von Solar- und Kernenergie steht – und zweitens durch die Folgen des Krieges in der Ukraine. Noch importieren Länder wie Indien und China die für ihren Wirtschaftsaufbau nötigen Kohlenwasserstoffe – allen US-Drohungen zum Trotz – zunehmend aus Russland. Und selbst Saudi-Arabien – ein Eckpfeiler der westlichen „Sicherheitsarchitektur“ im Nahen Osten – orientiert auf eine unabhängige Politik.

Nur in den Staaten der NATO bleibt die US-Energiedominanz unangefochten und wird seit Beginn des ­Ukraine-Krieges sogar ausgebaut – wenn es sein muss nach dem Vorbild von Rockefeller: mit Sprengstoff, wie im Falle von Nord Stream.

Der Deutsche Bundesrat beschloss schon am 7. Juni 2019 die von Bundeskanzlerin Angela Merkel vorgelegte „Verordnung zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für den Aufbau der LNG-Infrastruktur in Deutschland“. Damit sollte der Import von verflüssigtem Erdgas (LNG) – vor allem aus den USA – erleichtert werden.

Das Erdgas, das für den Transport verflüssigt wird, wird überwiegend mittels Fracking produziert. Das ist in vielen Ländern Europas verboten oder gestoppt – aus guten Gründen. Die eingesetzten Chemikalien bedrohen das Grundwasser und Methan, das bei Produktion und Transport freigesetzt wird, ist 85-mal klimawirksamer als CO₂ Erdgas, das an sich weniger klimaschädlich ist als Kohle oder Erdöl, wird durch die Form seiner Gewinnung und seines Transports so zum Klimakiller. In den USA ist es die Grundlage des Öl- und Gasbooms. In etlichen Bundesstaaten geht es zu wie im „Wilden Westen“ – unreguliert und unkontrolliert.

„Freiheitsgas“

Als die US-Regierung – passend zum Bundesratsbeschluss – den Ausbau der LNG-Exportinfrastruktur angekündigt hatte, gab es einen neuen Namen für das Fracking-Gas: Das US-Energieministerium verkaufte es in einer offiziellen Presseinformation als „Freedom Gas“. Mit Beginn des Krieges in der Ukraine wollte niemand mehr zurückstehen: „Freedom Gas“ – US-amerikanisches Fracking-Gas für Europa – war die Parole der Stunde.

Im März 2022 einigten sich die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und US-Präsident Biden auf die Lieferung von zusätzlichen 15 Milliarden Kubikmeter LNG im Jahr 2022. Die Europäische Kommission wird die regulatorischen Prozesse beschleunigen. Langfristig sollen die US-Exporte in die EU auf 50 Milliarden Kubikmeter pro Jahr ansteigen.

So wurden die USA zum größten Exporteur von LNG. Zwischen Januar 2021 und Januar 2023 stiegen die Exporte auf mehr als das Doppelte an. In den ersten fünf Monaten vorigen Jahres gingen 71 Prozent des LNG-Exports in die EU und nach Britannien.

Noch immer – Zahlen von 2020 – liegen die USA beim CO₂-Ausstoß pro Kopf mit 13,7 Tonnen pro Jahr auf einem weit vorderen Platz, wenn auch hinter einigen arabischen Staaten. Russland (11,6 Tonnen), China (8,2 Tonnen) und Deutschland (7,7 Tonnen) folgen auf hinteren Plätzen. Werden in die Berechnungen allerdings Importe und Exporte einbezogen – also die Produktion und der Verbrauch von Waren in anderen Ländern, was jeweils dort in die CO₂-Bilanz einfließt –, ändert sich das Bild: Dann liegen die USA bei 15,5 Tonnen CO₂ pro Kopf, Russland (9,3 Tonnen) und Deutschland (9,2 Tonnen) sind auf gleichem Niveau, während China auf 7 Tonnen kommt.

Die USA bleiben 2021 führend in der Produktion von Erdgas (934 Milliarden Kubikmeter) vor Russland (702 Milliarden Kubikmeter), gleiches gilt für Öl. Billige Energie bleibt damit für die US-Industrie ein kostbarer Standortvorteil – aber es muss nicht so bleiben.

Saudi-Arabien hat einen „Plan B“, falls es zu einer Abkehr von Kohlenwasserstoffen und einem Ende ihres Goldenen Zeitalters kommt. Die USA scheinen weiterhin auf ihre Energie­dominanz vertrauen zu wollen.

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"Klimakiller USA", UZ vom 2. Juni 2023



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