Man darf ja mal lachen

Von Christoph Hentschel

Ein Wahlplakat der PARTEI, welches den Unmut der großen Kirchen in Deutschland auf sich zog.

Ein Wahlplakat der PARTEI, welches den Unmut der großen Kirchen in Deutschland auf sich zog.

( Die Partei)

Die „Titanic – Das endgültige Satiremagazin“ erschien zum ersten Mal im November 1979 und ist seit 2004 das Zentralorgan der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (Die PARTEI). Sie erscheint monatlich und ist mit einer Auflage von rund 100 000 das zweitgrößte Satiremagazin nach dem aus der DDR stammenden Eulenspiegel.

Unvergessen bleibt wohl, als Titanic-Redakteure im Jahre 2000 die Entscheidung des Weltfußballverbandes über den Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 manipulierten. Den FIFA-Vertreter wurden via Fax eine Kuckucksuhr nebst echtem Schwarzwälder-Schinken geboten. Der neuseeländische FIFA-Vertreters Charles Dempsey soll sich deswegen bei der Abstimmung enthalten haben und bescherte so womöglich Deutschland den Zuschlag.

Prominentester Vertreter der „Titanic“ ist der ehemalige Chefredakteur Martin Sonneborn, der seit 2014 für die PARTEI im Europäischen Parlament als Fraktionsloser sitzt. Er ist dort Mitglied im Ausschuss für Kultur und Bildung, in der Delegation für die Beziehungen zur Koreanischen Halbinsel und stellvertretendes Mitglied im Haushaltskontrollausschuss.

Sonneborn berichtet regelmäßig aus dem EU-Parlament. In seiner letzten Rede „State of da Union“ vor dem EU-Parlament am 13. September schreibt er seiner Arbeit als EU-Parlamentarier zu, dass er „die Engländer nach Hause geschickt, Martin Schulz entmachtet und zum SPD-Spitzenkandidaten degradiert und dass Kanzler-Altlast Helmut Kohl vom Netz genommen, demontiert und gesichert endgelagert wird“.

Die PARTEI trat auch zu den diesjährigen Bundestagswahlen in allen Bundesländern an. Sie konnte mit ihrem Kanzlerkandidaten, dem Kabarettisten Serdar Somuncu, 1,0 Prozent der Stimmen erringen. Während des Wahlkampfs überklebten sie zum Beispiel viele Wahlplakate der Grünen mit Aufklebern „Ich tanke Diesel“. Viel mehr konnte die PARTEI aber im Internet punkten. Durch etliche witzige und satirische Wahlplakate, die in den sozialen Netzwerken geteilt wurden, erreichte sie ihre Wählerinnen und Wähler.

Aufsehen erregte die PARTEI, als sie 31 nicht-öffentliche AfD-Gruppen mit 180 000 Mitgliedern auf Facebook unterwanderte und übernahm. Monatelang hatten sich Mitglieder der PARTEI als AfD-Sympathisanten ausgegeben und sich bei den verantwortlichen Administratoren lieb Kind gemacht, bis sie selber zu Administratoren der jeweiligen Gruppe gemacht wurden. Dann verkündete der „Propagandaminister“ der PARTEI, Shahak Shapira, in einem Bekennervideo die Übernahme der Gruppen durch die PARTEI, indem sie einfach die anderen Administratoren aus den Gruppen schmissen. Die bis dahin geteilten Inhalte der Gruppen wurden gelöscht und durch Materialien der PARTEI ersetzt.

Die PARTEI ist beliebt bei Journalisten. Wie die AfD stellt die PARTEI eine Garantie dar, viele Klicks im Internet und mehr Zuschauer und mehr Auflage in der realen Welt zu bekommen. Interviews mit Martin Sonneborn sind heiß begehrt. Man weiß schon im voraus, dass ein Gespräch mit ihm lustig und scharfzüngig gegen das politische Etablishment seien wird. Also etwas Leichtes, was jeder gern zwischendurch bei der Raucherpause oder in der U-Bahn konsumiert.

Schaut man sich die Inhalte der PARTEI an, ist man verleitet, hier und dort linke, wenn nicht sogar fortschrittliche Standpunkte zu erkennen. Ein Grund zu Freude? Einerseits ja, weil durch die PARTEI mehr Menschen von ihnen hören als die, die es mit gesellschaftlichem Fortschritt ernst meinen, heute erreichen würden. Andererseits nein, weil so sinnvolle Forderungen als Klamauk abgekanzelt werden. Linker Politik, wie auch immer sie im konkreten aussehen mag, wird ihre Ernsthaftigkeit in Abrede gestellt. Das steigert natürlich die Verwertbarkeit der PARTEI für die deutsche Medienlandschaft zwischen Springer, Burda und Bertelsmann.

Wie sympathisch einem die PARTEI und ihr Zentralorgan „Titanic“ auf den ersten Blick auch sein mag, darf man nicht übersehen, dass das Interesse der PARTEI in der satirischen Kommentierung des politischen Systems liegt und nicht in der Änderung der Machtverhältnisse zu Gunsten der lohnabhängigen Menschen in unserem Land.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Man darf ja mal lachen", UZ vom 29. September 2017



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