Per Lotterie in den Krieg? Eine Idee, die in der Bundesregierung Anklang findet. Neu ist sie nicht: Auf diesem Wege schickten die USA Unwillige in den Krieg gegen Vietnam. Daran erinnerte Andrea Hornung, Sprecherin der Initiative Nie wieder Krieg – Die Waffen nieder, in ihrer Rede auf der „Unzwingbar“-Kundgebung gegen die Wehrpflicht am 2. Oktober 2026 in Berlin. Wir dokumentieren ihre Rede in voller Länge:
366 blaue Kugeln liegen in einer großen Trommel – eine für jeden Tag im Jahr. Nacheinander werden die Kugeln gezogen: Erst der 14. September, dann der 24. April, der 30. Dezember, der 14. Februar. Die Lotterie wird live im Fernsehen und im Radio übertragen. Doch in dieser Lotterie geht es nicht um Geld. Es geht um Leben oder Tod. Denn es werden Geburtstage derjenigen gezogen, die als Soldaten in den Vietnamkrieg gezwungen werden. Diese Lotterie fand 1969 in den USA statt. Denn es hatten sich nicht genug Menschen freiwillig gemeldet. Deshalb wird Lotto mit Menschenleben gespielt.
Liebe Wehrpflichtgegnerinnen und Wehrpflichtgegner,
auch heute, hier in Deutschland, melden sich aus Sicht der Bundesregierung nicht genug Menschen freiwillig, um auf andere Menschen schießen zu lernen und in den Krieg zu ziehen. Deshalb haben die verpflichtenden Musterungen, anders als angekündigt, jetzt schon begonnen – und es werden auch diejenigen gemustert, die angegeben haben, überhaupt kein Interesse am Wehrdienst zu haben. Heute werden wir zur Musterung gezwungen, morgen in die Kaserne, und übermorgen in den Krieg. Denn die Bundesregierung will den Krieg. Das zeigt die geplante Wehrpflicht. Das zeigen Militärmanöver wie letzte Woche „Red Storm Charlie“ mitten in der Hamburger Innenstadt, wo der Krieg geprobt wird. Das zeigt die Aufrüstung – die Ausgaben dafür sollen bis 2030 verdoppelt werden, während bei uns überall gekürzt wird: Wir sollen länger arbeiten, das Gesundheitssystem wird zusammengestrichen, die Schulen verfallen. Aber diese Kriegsvorbereitungen haben nicht erst gestern und auch nicht mit der Regierung Merz begonnen. Es war eine rot-grüne Bundesregierung, die 1999 den ersten Angriffskrieg seit 1945 von deutschem Boden aus gestartet hat, den Jugoslawienkrieg. Es war die Ampel-Regierung, die 100 Milliarden für Aufrüstung beschlossen hat. Und während die AfD die Bundeswehr noch schneller vergrößern möchte, setzt schwarz-rot das größte Aufrüstungsprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik um. Seit Jahrzehnten regiert eine ganz große Kriegskoalition.
Die USA begründeten den Krieg in Vietnam damals mit angeblichen Angriffen auf US-Schiffe im Golf von Tonkin – die aber nie stattgefunden hatten. Stattdessen ging es in dem Krieg um Kautschuk, Zinn und Erdöl, um Absatzmärkte und darum, dass es nicht die vietnamesischen Bauern und Arbeiterinnen sind, die über ihre Zukunft entscheiden. Der Krieg begann mit einer Lüge, mit der Lüge der angeblichen Bedrohung. Ebenso, wie man uns heute erzählt, dass Russland uns bedrohe – obwohl die NATO-Staaten Russland laut einer Greenpeace-Studie in fast allen militärischen Bereichen um ein Vielfaches überlegen sind. Nein, auch heute geht es nicht um nationale Sicherheit. Es geht um das Öl aus Iran und Venezuela, das Lithium und den Absatzmarkt der Ukraine, es geht um Einflusssphären und Handelsrouten wie die Straße von Hormuz.
Und auch heute spielt man Lotto mit uns. Man spielt Lotto mit uns, wenn unsere Zukunft mit Stellenabbau verspielt wird. Man spielt Lotto mit uns, wenn das Gesundheitssystem kaputt gespart wird und es deshalb immer mehr Todesfälle gibt, die nicht sein müssten. Man spielt Lotto mit uns, wenn ein Krieg vorbereitet wird und wir in den Krieg gezwungen werden sollen. Und wie im Vietnam-Krieg werden es nicht die Politiker, Superreichen und CEOs sein, die im Schützengraben liegen werden. Das Sterben wollen sie uns überlassen, während ihre Aktienkurse steigen.
Zum Vietnam-Krieg erklärten die US-amerikanischen Jugendlichen damals: Wir werden nicht gehen. Wir werden nicht auf unsere vietnamesischen Brüder und Schwestern schießen. Wir werden nicht für die Interessen der superreichen US-Oberschicht und Großkonzerne unser Leben riskieren und töten. Einer von ihnen, der 23-jährige Richard Steinke, weigerte sich, in ein Militärflugzeug zu steigen. Der Militärarzt Howard Levy erklärte, keine Truppen für den Vietnamkrieg auszubilden. Die Marinekrankenschwester Susan Schnall ging in Uniform auf eine Friedensdemo und warf Anti-Kriegs-Flyer aus einem Militärflugzeug. Sie alle wurden zu Zwangsarbeit oder hohen Haftstrafen verurteilt. Aber ihr Handeln zahlte sich aus: Tausende folgten ihnen, verbrannten ihre Einberufungsbescheide und erschienen nicht zum Dienst.
Wir erklären auch heute: Wir werden nicht gehen! Wir werden nicht auf Jugendliche schießen, mit denen wir mehr gemeinsam haben als mit den Politikern und Unternehmern, die uns in den Krieg zwingen wollen. Deshalb stehen wir heute hier, und deshalb demonstrieren wir morgen ab 13 Uhr hier gegen Hochrüstung, Wehrpflicht und Krieg! Wir werden sein wie Susan, Richard und Howard! Wir verweigern uns, wir kämpfen gegen den Krieg. Wir werden so sein wie die Millionen von Menschen in den USA, die gemeinsam mit ihren Brüdern und Schwestern in Vietnam den Krieg beendeten. Susan, Richard und Howard haben erkannt, dass sie nicht auf eine Regierung hoffen können, sondern selbst handeln müssen. Ihr Handeln zeigt uns: Wir können sie zwingen! Wir können sie zwingen, den Krieg zu beenden, und ja, wir können auch Kriege verhindern!
Und wenn hier jetzt der Krieg vorbereitet wird, dann erklären wir: Wir werden nicht gehen. Wenn die Bundesregierung mit uns Lotto spielen will, dann werden wir dafür sorgen, dass sie nur Nieten zieht!








