Zum 25. Todestag des Berliner Zeichners Arno Mohr

Mensch sein, Mensch bleiben

Andreas Wessel

Arno Mohr: „Wie im Leben, so soll man auch in der Kunst zur Sache kommen.“ Und für das Schreiben gilt dasselbe, also zur Sache. Arno Mohr gehörte zu den wenigen bildenden Künstlern der DDR, deren künstlerische Meisterschaft von Kollegen uneingeschränkt anerkannt wurde und die überdies ungemein populär waren. Seine Bekanntheit beruhte in erster Linie auf Lithografien der 1950er Jahre, die das alltägliche Leben auf den Straßen und in den Hinterhöfen Berlins zeigten. Seine Motive sind Arbeiter bei der Frühstückspause, Frauen beim Wäscheaufhängen und Teppichklopfen, Kinder beim Spielen, Kneipeninterieurs, Spaziergänger und Angler an der Spree, der Wiederaufbau der Stadt mit einfachsten Mitteln, Straßenfeger, Marktfrauen sowie Porträts von Kollegen, Familie und auch von Prominenten wie Helene Weigel: ein Bild der Zeit. Mit der empathischen Beobachtung seiner Mitmenschen und dem sicheren Kreidestrich wird er ein legitimer Nachfolger Heinrich Zilles.

Arno Mohr wird am 29. Juli 1910 in Posen geboren, seine Eltern ziehen aber schon 1911 mit ihm nach Berlin. Der 14-jährige Mohr geht in die Lehre als Schildermaler. Ein Studium ist nicht zu finanzieren, aber der Drang zur Kunst treibt den Heranwachsenden zu Abendkursen und 1933 bekommt er ein Stipendium für ein Studium der Malerei. Nach zwei Semestern verlässt er jedoch die Hochschule, die ihm „zu braun“ wird und schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, bis er zu Weihnachten 1939 zur Wehrmacht eingezogen wird. Aus der Kriegsgefangenschaft kehrt er Anfang 1946 als nicht mehr ganz junger Künstler ohne Werk zurück.

Was folgt, ist ein Lebensweg, der mit Höhen und Tiefen die Entwicklung der Kunst in Ostdeutschland spiegelt wie kaum ein anderer. Mit seinem legendären Plakat zum 1. Mai 1946 wird Mohr schlagartig bekannt, er ist bei den wichtigen Ausstellungen präsent, die Presse bespricht seine Bilder, die neugegründete Kunsthochschule in Berlin-Weißensee beruft ihn 1947 zu einem der ersten neun Professoren, bei der Gründung des Verbandes Bildender Künstler Deutschlands 1950 wird er zum Stellvertreter des Vorsitzenden Otto Nagel gewählt. 1951 gerät er dann allerdings in die Mühlen der Anti-Formalismus-Kampagne und verlässt sogar kurzzeitig die Hochschule, bis er im Zuge des „Neuen Kurses“ zurückgeholt wird. In Weißensee wird er für Dutzende später bekannte Künstler zum prägenden Lehrer. Dabei ist seine Persönlichkeit mindestens so bedeutsam wie seine handwerklichen Fähigkeiten: „Ein Lehrer muss zuerst ein Mensch sein.“

1960, mit 50 Jahren, beginnt er eine Folge von postkartengroßen Kaltnadelarbeiten, in der er mit lakonischem Strich sein Leben bilanziert. Unter dem Titel „Mein Lebenslauf“ werden 1969 vierundvierzig dieser Blätter als Buch im Eulenspiegelverlag publiziert und begründen seinen Ruf als Meister der Reduktion. Für mich am berührendsten ist das Blatt „Krieg (1940)“. Dem Schriftsteller Horst Drescher sagte er Anfang der 1980er Jahre dazu: „Ja. So war mir zumute; ich war kein Held, in keiner Beziehung. Habe keinen Widerstand geleistet, hatte gar nicht den Mut dazu. Ich wollte überleben, und ich wollte ein anständiger Mensch bleiben, auch unter diesen Bedingungen. Man verroht doch; das Unmoralische, das der Krieg dauernd hervorbringt, das wird einem doch dauernd aufgezwungen; dagegen muss man an, Tag für Tag; und was hat man denn an Mitteln, man bildet doch mit so vielen anderen nur Kanonenfutter. Landser! Ich habe manchmal zwei, drei Briefe an meine Mutter geschrieben, an einem Tage, nur eben, um mich nicht zu verlieren.“

Mohrs Kunst ist das Ergebnis einer ständigen Suche nach dem Wesentlichen, dem Sinnstiftenden menschlichen Tuns. Die technische Meisterschaft war nur Mittel, nie Zweck seiner Arbeit: „Mir ist Unfertiges, aber Elementares lieber.“ Arno Mohr starb am 23. Mai 2001 im Alter von 90 Jahren – seine Elementarkunst bleibt.

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"Mensch sein, Mensch bleiben", UZ vom 22. Mai 2026



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