Ein berührender Roman über die junge Generation in Ruanda

Nach dem Völkermord

Der Jacaranda, der Palisanderholzbaum, der dem jüngsten Roman von Gaël Faye seinen Titel gibt, ist Stellas Freund. Ihre Kindheit, ihr Universum. Als er gefällt wird, fällt auch sie. In der Psychiatrie diagnostiziert man eine Posttraumatische Belastungsstörung – dabei ist sie keine Überlebende. Doch sie will, sie kann nicht leben mit der Geschichte ihrer Heimat, in der ihre Familie vor ihrer Geburt Unsagbares erleiden musste. Denn Stella kommt aus Ruanda.

Aus Ruanda kommt auch die Mutter von Milan. Doch dieser bemerkt das gar nicht so richtig. Für ihn, in Paris aufwachsend, sind Mädchen und „Nirvana“ wichtig. Seine Großeltern haben zwar zu Beginn ein wenig gezuckt über die Hautfarbe der Schwiegertochter, vergöttern ihren Enkel aber. Milans Mutter spricht nie über ihre Heimat oder ihre Familie. Auch nicht, als ab dem Frühjahr 1994 auf einmal grausame Bilder aus Ruanda die Nachrichten dominieren. Zu fragen traut sich Milan nicht.

In Gaël Fayes Erstling „Kleines Land“ hat der französische Autor und Musiker seinen Protagonisten als Kind den Krieg erleben lassen, in „Jacaranda“ widmet er sich den Folgen des Völkermords und dem Trauma, mit dem auch die nachfolgenden Generationen zu leben lernen müssen.

In der Wohnung von Milans Familie in Paris steht auf einmal das personifizierte Ruanda. Claude, ein kleiner, abgemagerter Junge, voller Angst und mit einer großen Kopfwunde. „Ein entfernter Verwandter“, murmelt die Mutter. Mehr Informationen gibt es nicht. Erst später findet Milan nicht nur heraus, dass Claude kein kleiner Junge war, sondern ein gleichaltriger Teenager – und sein Onkel, der kleine Bruder der Mutter. Doch die gewährt ihm nur wenige Wochen Zuflucht und schickt ihn über Brüssel zurück nach Ruanda.

Das Leben und die Geschichte Ruandas lernt Milan erst als Erwachsener kennen. Er begegnet Claude wieder und steht ihm im Prozess gegen die Mörder seiner Eltern bei, er taucht ein in das Treiben in den Straßen Kigalis und transkribiert mit Stella zusammen Tonbandaufnahmen, in denen ihre Urgroßmutter ihr 115-jähriges Leben erzählt. Seine Mutter heißt dieses Inte­resse an ihrer Heimat und der Geschichte ihrer Familie nicht gut. Das Schweigen soll weiter herrschen: „Ich verbiete dir, meine Familie zu belästigen. Die haben schon genug Probleme. Wenn du unbedingt nach Ruanda willst, musst du allein klarkommen. Und wehe, du stocherst in der Vergangenheit herum. Ich untersage dir, meine Familie zu verhören wie ein Kommissar. In unserer Kultur ist man diskret. Alles andere ist unhöflich und gehört sich nicht.“

Doch das Schweigen über die Gräuel schützt nicht nur die unmittelbaren Täter des Völkermords, sondern auch diejenigen, die ihn über ein Jahrhundert vorbereitet hatten. So erfährt Stella von ihrer Urgroßmutter Rosalie, dass diese von den Missionaren immer wieder gefragt worden sei: „Zu welcher dieser drei Kategorien sie gehörte? Sie hatte keine Ahnung. Sie wusste nur, dass ihr Vater zu den Abatsobe gehört hatte, dem Clan der Königsberater, Hüter der königlichen Geheimnisse und Rituale, und zur Kaste der Tutsi, denn er hatte von Mwami Kühe bekommen. Ihre Onkel dagegen, die auch zu den Abatsobe gehörten, waren Hutu, denn sie besaßen keine Kühe und kultivierten das Land.“

Die belgischen Kolonialherren münzten das Kastensystem um, spalteten die Gesellschaft rassistisch, hetzten zum Machterhalt die nun zu verschiedenen ethnischen Gruppen erklärten Menschen gegeneinander auf, begünstigten Massaker und legten die Grundsteine für den Völkermord. „Um ihre Theorie der Rassen wissenschaftlich zu untermauern, benutzten belgische Wissenschaftler alle möglichen Messinstrumente wie Kraniometer oder Anthropometer. Aus den Maßen von Nase, Kiefer, Stirn, Ohren, Armen oder Schienbeinen schlossen sie auf Wesen und Charakter der Menschen und deren angebliche Zugehörigkeit zu einer Bevölkerungsgruppe. So erklärten sie alle Großen, Schlanken zu Tutsi und alle Kleinen, Gedrungenen zu Hutu. Tutsi seien hinterlistig und raffiniert, Hutu schüchtern und faul.“

Doch Gaël Faye belässt seine Betrachtungen nicht bei Anstiftern und Tätern. Er fragt, wie eine Gesellschaft nach dem Völkermord weiter funktionieren kann. Wie soll man als Nachfahre der Opfer weitermachen, wenn die Nachbarn die Nachfahren der Mörder sind? Und wenn man, wie Stella, lange nach dem Völkermord geboren wurde, was macht es mit einem, wenn man kaum eine Chance hat, eine eigene Identität zu entwickeln, weil man immer auch für all die Toten erfolgreich sein muss? „Alles wovon sie heute profitieren, war das Ergebnis von Blut und Tränen. Die Nation erinnerte sie Tag für Tag daran. Jede Nacht, in der sie tanzten und tranken, erlaubte es ihnen, diese Last für ein paar Augenblicke zu vergessen, so wie die Generation vor ihnen die Jahre im Exil, die Erniedrigung, den Gestank des Todes und der Massengräber vergessen wollte.“

Milan, Stella, Claude und ihre Freunde finden einen Weg, sich durch das Schweigen, den Hass und die Schatten des Völkermords zu bewegen. Ob dieser Weg zu einem Ziel führt, wird die Zukunft zeigen.

Gaël Faye
Jacaranda
Piper Verlag, 271 Seiten, 24 Euro

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"Nach dem Völkermord", UZ vom 1. Mai 2026



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