Ein Klassiker der sozialistischen deutschen Literatur. Zum 125. Geburtstag von Willi Bredel

Immer stand Bredel an vorderster Front

Der am 2. Mai 1901 in Hamburg geborene Schriftsteller Willi Bredel ist ein Klassiker der deutschen, speziell der sozialistischen deutschen Literatur geworden. Zu den Vorzügen eines Klassikers gehört, dass er Beispiel und Vorbild für spätere Autoren geworden ist, deutlich in der Rolle, die sein Schaffen im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt gespielt hat. Deutlich auch in Bekenntnissen beim Tode des Schriftstellers wie dem Max von der Grüns, der in Bredels Werk vorbildlich gestaltet „die Würdigung und damit das Verständnis jener Epochen“ fand, die Bredel durchlebte. Deren waren viele; immer stand Bredel in vorderster Front. Willi Bredel hat ein nicht nur lesenswertes, eindrucksvolles literarisches Werk hinterlassen, sondern in diesem Werk findet sich eine Aktualität, wie sie nur ein dialektischer Kopf schaffen konnte.

Erinnert man sich der gewerkschaftlichen Kämpfe, wie sie in Bredels erstem Roman „Maschinenfabrik N. & K.“ beschrieben wurden, wie um die kämpferische Klarheit und um die Einheit der Kämpfenden gerungen wurde, um den gewerkschaftlichen Solidargedanken nicht preiszugeben, ließen sich die dort konzentrierten Erfahrungen mühelos auf unsere Gegenwart übertragen. Zumal heute die Kriegslust gegenwärtiger Politik dazukommt, die Bredel nach den Erfahrungen seines Lebens für nicht mehr möglich hielt.

Auf den ersten Blick war es ein sonderbarer Roman, der 1930 auf den Markt kam: Sein Titel, „Maschinenfabrik N & K“, versprach nichts von den traditionellen Romaninhalten. Auch die verwendeten Namen, die auf Besitzer der Fabrik hinweisen könnten, waren auf die Initialen reduziert und signalisierten, dass individuelle Schicksale oder gar persönliche Erlebnisse in einem anderen Kontext aufgegangen waren. Er erschien 1930 in der Reihe „Eine-Mark-Romane“ des Internationalen Arbeiter-Verlages. 1931 erschien ein weiterer Roman Bredels: „Rosenhofstraße. Roman einer Hamburger Arbeiterstraße“. Weitere Veröffentlichungen wurden vorbereitet, darunter wiederum ein Roman Bredels: „Der Eigentumsparagraph“. Er konnte nicht mehr in Deutschland erscheinen; die Nazis vernichteten die Matern. Eine Abschrift, die Bredel in die So­wjet­union geschickt hatte, ermöglichte es, dass dieser dritte Roman 1933 in russischer Sprache in der So­wjet­union erscheinen konnte. Es war die erste Trilogie Willi Bredels, der später berühmte Trilogien wie „Verwandte und Bekannte“ („Die Väter“, „Die Söhne“, „Die Enkel“; 1943 – 1953) und „Ein neues Kapitel“ (1964) schreiben sollte. „Verwandte und Bekannte“ wurde die berühmtere zweite und ebenfalls mit Hamburg verbunden, Ein neues Kapitel schließlich die dritte, die einer anderen, neuen gesellschaftlichen Formation verpflichtet war.

Sein literarisches Wissen eignete er sich selbst an: Er las viel und entwickelte eine besondere Vorliebe für Themen aus dem deutschen Bauernkrieg, der Reformation und der Französischen Revolution von 1789, Themen, die in Gerhart Hauptmann und Georg Büchner ihre Dichter fanden; beide wirkten, neben anderen, auf Bredel. In Literaturzirkeln der Arbeiterjugend und einem von dem Schriftsteller Wilhelm Lamszus geleiteten Zirkel gab es, wie sich Bredel erinnerte, heftige Diskussionen anlässlich der Aufführung von Dramen Gerhart Hauptmanns und anderer.

Seit dem 1. März 1933 saß er im Zuchthaus Fuhlsbüttel, das die Faschisten in ein KZ verwandelten. Dreizehn Monate hielt man ihn dort fest, elf Monate in Einzelhaft. Den qualvollen Umständen begegnete Bredel mit höchster Konzentration; er ließ sein Leben und die ihn begeisternden Kunsterlebnisse an sich vorüberziehen und entwickelte daraus die Konzeption seines berühmten Buches „Die Prüfung“, das 1935 im Malik-Verlag in Prag erschien und in 17 Sprachen übersetzt wurde. Der Titel will auf die Gefahr hinweisen, der die Arbeiterbewegung nach der faschistischen Machtergreifung ausgesetzt war: Es geht um die Standhaftigkeit der Häftlinge; jeder hatte sich zu prüfen. Willi Bredel ließ an der seinen keinen Zweifel, ob im Exil in der So­wjet­union, ob als Mitglied des Thälmann-Befreiungskomitees in Paris, ob bei der Herausgabe der Zeitschrift „Das Wort“, ob als Kriegskommissar des Thälmann-Bataillons der Internationalen Brigaden in Spanien, ob an der Front vor Moskau und bei Stalingrad, endlich 1943 bei Kiew, ob als Gründungsmitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland – die Reihe ließe sich mühelos fortsetzen. Nicht einmal ansatzweise sind jene Tätigkeiten erfasst, die die vielfältige journalistische Arbeit Bredels ausmachten, von der „Hamburger Volkszeitung“ über „Heute und Morgen“ (1947), deren Chefredakteur er war, bis zur „NDL“ („Neue Deutsche Literatur“).

Was in der ersten Trilogie als Programm erschien, hat Bredel in seinen späteren Werken als Wirklichkeit beschrieben, am deutlichsten in seiner letzten Trilogie „Ein neues Kapitel“, deren letzte Bände kurz vor seinem Tod erschienen. Bredels literarisches Werk wurde immer autobiografisch geprägt, Ein neues Kapitel wurde zum Höhepunkt: Sein Peter Boisen ist, verfolgt man Bredels Lebensweg seit seiner Rückkehr nach Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, ein Abbild der Arbeit des Schriftstellers. Ursprünglich sollte die Trilogie „Brot und Rosen“ heißen, nach dem Programm, das Boisen/Bredel vorschwebte. Mit dem schließlich veränderten Titel setzte Bredel den Aktivisten der ersten Stunde nach dem Krieg ein Denkmal, gleichzeitig sollte aber der Roman Teil der Geschichtsschreibung und zum Dokument einer neuen Gesellschaftsformation werden. Literatur als Chronik und Geschichtsschreibung war eine Besonderheit des Bredelschen Schaffens. Ein andere war die anekdotische Zuspitzung von Ereignissen. Episodische Reihungen machten die Texte lebendig. Ein neues Kapitel war jenes Werk in Bredels Schaffen, mit dem er seine politischen Erfahrungen im und nach dem vernichtenden Zweiten Weltkrieg sichern und weitergeben wollte. In einem Gespräch, das ich mit ihm hatte, legte er auf den Chronik-Charakter der Literatur großen Wert. Ich lernte ihn 1961 in Leipzig kennen, als er Gast Hans Mayers war, dann besuchte ich ihn als Mitarbeiter beim Rundfunk und schließlich korrespondierte ich mit ihm über seine großartige Novelle „Das schweigende Dorf“. Er ist als Autor eindrucksvoll, als Mensch war er von großer Aufrichtigkeit und Güte, als Politiker von seltener Klarheit.

Zahlreiche Bücher von Willi Bredel gibt es im Antiquariat des UZ-Shops.

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"Immer stand Bredel an vorderster Front", UZ vom 1. Mai 2026



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