An den Warnstreiks, zu denen ver.di die Länderbeschäftigten aufgerufen hat, beteiligen sich auch Beschäftigte der Universitätsklinik Aachen. In der Vergangenheit war die Universitätsklinik Aachen gewerkschaftlich nicht gut organisiert. Anders als an anderen Universitätskliniken war die Beteiligung an Arbeitskampfmaßnahmen entsprechend gering. UZ sprach vor der dritten Verhandlungsrunde am 11. und 12. Februar mit Nele Karlsberg, einer der Streikaktivistinnen der Klinik.
UZ: Streiks in Krankenhäusern sind – anders als in vielen Industriebetrieben – traditionell Minderheitenstreiks. Wie viele Beschäftigte nehmen bei euch teil und wie ist die Stimmung?
Nele Karlsberg: Bei uns am Uniklinikum Aachen stabilisiert sich die Zahl der Streikenden in dieser Runde bei täglich rund 70. Für einen Betrieb, in dem 6.000 Beschäftigte arbeiten, ist das echt nicht viel. Es sind aber immer wieder ganz unterschiedliche Bereiche vertreten.
Der Auftakt zu den Streiktagen war für uns eine Wundertüte – ob und wie stark haben wir es geschafft, zu mobilisieren?
Am ersten Tag waren wir ein bisschen enttäuscht. Rund 50 Kolleginnen und Kollegen beteiligten sich. Allerdings wurde die Stimmung schnell kämpferisch nach außen und sehr solidarisch nach innen. Leider schaffen wir es als Kernaktive trotz massiver Ansprache nur sehr begrenzt, Beschäftigte aus den unteren Lohngruppen zu mobilisieren.
Für uns ist jede Person, die wir gewinnen können, ein Schritt in die richtige Richtung. Unser Ziel an den Streiktagen war, die wenigen, aber entschlossenen Streikenden untereinander zu verbinden und zu vernetzen. Bei einer überschaubaren Gruppe von 70 ist das, denke ich, gelungen. Die Stimmung ist gut in unserem kleinen Pavillon auf dem Vorplatz. Wir trotzen Wind und Wetter.
UZ: Was ist den Streikenden besonders wichtig?
Nele Karlsberg: Die Respektlosigkeit der Arbeitgeber ist für viele Streikende unerträglich und macht sie erst einmal fassungslos. Genau das nutzen wir, um uns zu bestärken und mit diesem Gefühl weiter auf Nicht-Streikende zuzugehen.
Der Mindestbetrag von 300 Euro entwickelt sich so langsam zur wichtigsten Forderung – mit dem Verständnis, was die unteren Lohngruppen derzeit mit Inflation und steigenden Preisen für Lebensmittel, Miete und so weiter durchmachen.
Ein besonderer Moment war, als eine Versorgungsassistentin spontan und voller Wut zum Streik herauskam. Sie nannte sich selbst eine „Containerschubserin“ und sollte an dem Tag auf die doppelte Anzahl an Fluren eingesetzt werden. „Ich verdiene so wenig Geld und werde wie Dreck behandelt. Ich brauche die 300 Euro mehr zum Leben! Dafür streike ich jetzt.“ Das hat alle sehr beeindruckt.
In dieser Tarifrunde haben wir es geschafft, ordentliche Streikversammlungen zu etablieren. Sie bilden eine feste Struktur für jeden Streiktag und dienen nicht nur dazu, Parolen zu rufen und zu pfeifen, sondern informieren über Zwischenstände bei den Verhandlungen, dienen der Priorisierung von Forderungen, der Besprechung von Erwartungen und dazu, die Rückkopplung aus den jeweiligen Teams einzufordern.
UZ: Bei den Streiks für den Tarifvertrag Entlastung vor vier Jahren haben viele Pflegekräfte die Arbeit niedergelegt. Wie sieht das bei euch in dieser Tarifrunde aus? Wie vernetzt sind eigentlich die verschiedenen Berufsgruppen im Arbeitsalltag in einer so riesigen Klinik?
Nele Karlsberg: Die streikstärksten Gruppen bei uns sind aus der Anästhesiepflege, dem Herzkatheterlabor und der Kinder-und Jugendpsychiatrie. Die OP-Kapazität war runtergefahren auf circa elf Arbeitsplätze pro Tag, im Herzkatheter liefen nur Notfälle. An diesen beiden Stellen ist es uns gelungen, wirtschaftlichen Schaden zuzufügen.
In der Kinder-und Jugendpsychiatrie werden die Kids – wenn es nur irgend möglich ist – beurlaubt, damit alle Streikenden ihr Recht auf Streik wahrnehmen können. Und die jungen Patientinnen und Patienten haben es verstanden, haben Soli-Plakate für uns gemalt: Ganz im Sinne von „Ihr seid es wert“, „Ohne Euch geht es uns schlecht“, … und sie haben für unsere Forderungen auf den Warnwesten der Kolleginnen und Kollegen unterschrieben.
Wir haben gemischte Teams gebildet, um die Ansprache im Betrieb zu organisieren. So lernen wir uns untereinander kennen, privat und beruflich. Wenn jemand alleine aus einem Bereich kommt, um zu streiken, versuchen wir besonders darauf einzugehen: Was braucht es, um die Kolleginnen und Kollegen zur Teilnahme zu bewegen?
UZ: In der Tarifrunde verhandeln neben eurer Gewerkschaft ver.di auch die Gewerkschaften des Beamtenbundes (dbb). Sie scheinen aber in vielen Betrieben nur an sehr wenigen Tagen zum Streik aufzurufen. Wie ist das bei euch? Und wie reagieren die Beschäftigten darauf?
Nele Karlsberg: Die bei uns konkurrierende dbb-Gewerkschaft ruft gar nicht zum Streik auf. Dies hat auch schon im Vorfeld zu großem Unmut geführt und zu nicht wenigen Wechseln zu uns, zu ver.di. Auch das macht einen Teil der kämpferischen Stimmung aus. Die Mitglieder der dbb-Gewerkschaft sind sauer auf ihre Organisation. Wenn eine Gewerkschaft nicht zum Streik aufruft, wofür ist sie dann da? Wir nutzen die Streiks, um zu erfahren, wozu eine Gewerkschaft da ist und was sie für alle Kolleginnen und Kollegen sein kann.
UZ: Ihr habt einen besonderen Schwerpunkt darauf gelegt, auch inhaltliche Diskussionen im Streik zu führen. Wie haben die Kolleginnen und Kollegen darauf reagiert?
Nele Karlsberg: Wir haben unter der Überschrift „Streikuni“ an jedem Streiktag Bildungsangebote gemacht und zu ausgewählten Themen diskutiert. Das finden sowohl wir Kernaktive als auch andere Streikende ziemlich gut.
Zu Beginn haben wir eine politische Einführung gemacht – Sozialkahlschlag, Militarisierung, Angriffe auf Rente, Arbeitszeit und so weiter. Danach gab es einen Workshop mit Sabine Lassauer von ver.di NRW zum Thema Krankenhausplanung NRW.
Einen ganzen „Unitag“ haben wir dem Thema Streik gewidmet: von der Geschichte bis heute, vom Streikrecht bis zum Thema politische Streiks. Und wir haben eine Fragerunde zum Tarifvertrag Entlastung angeboten. Am „schönsten“ war der Kunst-Tag: Wir haben auf dem Vorplatz beim einzig stabil prognostizieren Sonnentag Plakate und Banner für den zentralen Streiktag gemalt und diese dann bei der Ansprache genutzt.
Ich muss zugeben, zunächst haben wir uns etwas viel vorgenommen und vielleicht etwas zu viel Programm gemacht. Trotzdem wurde danach jeweils intensiv über die Themen weiter diskutiert – das sehen wir als echten Erfolg. Wir haben das Feedback jetzt für die noch kommenden Workshops aufgenommen: Basiswissen Gewerkschaft sowie Arbeitsrecht und Politik. Die Ergebnisse werden sich dann auch in unserer ver.di-Betriebsgruppenarbeit widerspiegeln.
UZ: In der politischen Einführung habt ihr auch das Thema Militarisierung des Gesundheitswesens aufgerufen. Wie sehr ist das ein Thema bei euch an der Uniklinik Aachen? Wie diskutieren es die Streikenden?
Nele Karlsberg: Ich hatte das Gefühl, dass sich viele vorab keine Gedanken darüber gemacht haben. Es schien für alle nur in der Ferne zu schweben – als ein bedrohliches Etwas. Die Planungen werden ja peu à peu eingestreut in den Alltag, damit es unter dem Radar bleibt.
Wir haben ganz konkret über die Auswirkungen auf die Bevölkerung und Beschäftigten informiert. Über umgekehrte Triage, über den drohenden kompletten Zusammenbruch des Gesundheitswesens durch Tote und Verletzte im Kriegsfall. Darüber, was es bedeutet, dem Militär unterstellt zu werden, die Wehrpflicht wieder einzuführen und Milliarden für die Rüstung auszugeben. Deutschland ist im Fall eines Krieges Dreh- und Angelpunkt.
Das war drastisch – und in den Diskussionen im Anschluss war auch deutlich zu merken, dass das aufgewühlt hat. Wir glauben aber, dass es gut war, diese Themen im Streik zu diskutieren. Zumindest sind die Streikenden jetzt vorbereitet. Und sie wissen nun, dass sie sich an uns wenden können, wenn sie dagegen aktiv werden wollen.









