Von Parisern und Zeitgefühl

Phänomenal

Zwanzigeinundzwanzig hat anscheinend eine neue Geschlechtigkeit hervorgebracht: Die Homesexualität. Ok, in Wirklichkeit war es nur ein dummer Schreibfehler in einem Artikel, den ich gelesen habe. Es hätte Homosexualität heißen müssen. Aber der Begriff passt doch wie die Faust aufs Auge dieser bösen Zeit. Homesexualität. Phänomenal.

Im Prozess um den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke hat der Verteidiger des Hauptangeklagten Stephan Ernst mit seinem Plädoyer begonnen. Dabei widersprach er dem Mordvorwurf mit den Merkmalen von Heimtücke und niedrigen Beweggründen. Hmmm, wenn Nazis morden, dann doch immer aus niedrigen Beweggründen, oder nicht? Alles andere ergäbe nämlich ein Paradoxon.

„Mit der Unterzeichnung dieser Anordnung (des Pariser Klimaabkommens, der Autor) zeigt Präsident Biden, dass er mehr an den Ansichten der Bürger von Paris interessiert ist als an den Arbeitsplätzen der Bürger von Pittsburgh“, schrieb der republikanische Senator Ted Cruz (Texas) auf Twitter. Jetzt mal ganz ehrlich: Das muss doch höllisch wehtun, oder? Phänomenal.

Wir spielen in verschiedenen Runden jetzt online Doppelkopf. Das klingt bescheuert, ist aber besser als nichts. Während man auf dem Handy mit einer App zockt, sieht und hört man die Gegenspieler und -innen auf dem Laptop. Man kann Kette qualmen, ohne dass sich jemand beschwert, muss die Flasche Rotwein nicht gegen Mitmenschen verteidigen und kann dabei dumme Sprüche über den Äther schicken wie „Coole Frisur, selbst gemacht?“ oder „Steht auf, wenn ihr Schalker seid“. Was dann natürlich niemand tut. Phänomenal.

In Ägypten findet derweil anscheinend eine Handball-Weltmeisterschaft statt, welche schon im Normalfall komplett an mir vorbeiziehen würde. Nur: „Aufgrund der aktuellen Fallzahlen der Neuinfektionen wird Ägypten als Covid-19-Risikogebiet eingestuft, verbunden mit einer Reisewarnung durch die deutschen Behörden.“ (corona-in-zahlen.de). Sollte jemand den Fehler finden, kann er/sie ihn in ein Sammelbändchen kleben: „1500 Idiotien der Weltgeschichte (Edition 2021)“.

Nun ist er also weg, Donald Trump aka der Golf spielende Horrorclown. Und nun? Der nächste alte, weiße Mann. Auf der Vereidigungsfeier: „Die ideologischen Hits der Obama-Zeit gespielt von den Stars der Clinton-Jahre.“ Puh. So modern und zukunftsweisend wie Joe Biden selber. Ja, wir sollten froh sein, dass ein Präsident, der zu dumm ist, seinen Twitter-Account behalten zu dürfen, nicht mehr den Code für die amerikanischen Atomwaffen sein eigen nennt. Aber dass von Joe Biden viel Gutes kommen wird, sollten wir uns nicht einbilden. Der von Trump prophezeite Sozialismus wird schon überhaupt nicht ausbrechen. Eher wohl der nächste Krieg. America weiterhin first. Isso.

Und sonst? Ich stehe sonntags spät auf, sehe tatsächlich Schnee vor den Fenstern und freue mir ein Bein ab. Bereite mich geschwind auf einen langen Spaziergang vor. Keine drei Stunden später bin ich draußen. Es taut. Und regnet. „Geschwind“ scheint im Alter irgendwie langsamer zu laufen als geplant. Albert Einstein hat das Zeitgefühl mal so erklärt: „Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden.“ Ich frage mich eher, wie das wohl wäre, gerade mit einem Mädchen auf einem heißen Ofen sitzen zu dürfen. Egal jetzt, ob eine Minute oder zwei Stunden. Bestimmt: Phänomenal.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Phänomenal", UZ vom 29. Januar 2021



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Tasse aus.

    Vorherige

    Weg mit dem Referenzmann

    Beschwerde gestellt

    Nächste