Carlsen Verlag legt Biografie-Comic über Castro neu auf

Ein Bild von Fidel

Eine Biografie über Fidel Castro. Aus einem bürgerlichen Verlag. Und dann auch noch als Comic. Ist das so, wie es auf den ersten Blick wirkt? Jein. Muss man sich ärgern? Ja. Ist es gut gemacht, informativ und ein Lesevergnügen. Auch ja.

Reinhard Kleist hat mit „Castro“ eine Comic-Biografie des großen Revolutionärs vorgelegt, die bei Carlsen jetzt – pünktlich zum 100. Geburtstag – in einer Neuauflage erschienen ist. Als Erzähler hat er sich einen deutschen Journalisten geschaffen, der – inspiriert von dem großen „New York Times“-Interview aus der Sierra Maestra – nach Kuba reist, um die Revolutionäre in den Bergen zu porträtieren. Er ist fasziniert. Von den Vorhaben, aber auch besonders von einer (ebenfalls fiktiven) jungen Revolutionärin. Eins führt zum anderen und Karl Mertens, der Reporter, bleibt auf Kuba, um die Revolution zu begleiten.

Mit Mertens hat Kleist so einen Protagonisten erschaffen, der bei allen wichtigen Stationen der kubanischen Revolution dabei ist, sie fotografisch festhält und sich nun für den Comic-Leser daran erinnert. Direkt am Anfang lässt Kleist Mertens klarmachen, dass er die Grenzen des Journalismus überschritten hat: „Ein Reporter hat stets neutral zu bleiben, nicht zu werten und niemals Partei zu ergreifen“, so habe er es gelernt. Doch Mertens handelt anders: „Ich hatte keine Ahnung, wie schnell ich alle Regeln über Bord werfen würde, sobald ich erst einmal einen Fuß in dieses Land gesetzt hatte.“ Die Kritik an Castro und der kubanischen Revolution, die man in so einem Band erwarten kann, kommt also nicht vom Protagonisten.

Reinhardt Kleist hat sich für die Bedenkenträger ausgerechnet Revolutionäre ausgesucht, allen voran die Freundin des deutschen Reporters, praktischerweise immer mit mürrischem Gesichtsausdruck und nach unten gezogenen Mundwinkeln dargestellt. Nicht, dass es keine Auseinandersetzung über den Charakter der Revolution gegeben hätte, aber die Vorwürfe der jungen Frau, die ursprünglich (wie Fidel) aus der herrschenden Klasse auf Kuba kommt, bleiben seltsam platt. Wenn sie von Beginn an über die Versorgungslage schimpft, wirkt es, als hätte sie nicht genug Verstand, über Ursache und Wirkung nachzudenken. Denn Kleist benennt völlig richtig den von Anfang an erbitterten Kampf der USA gegen die Revolution auf der Karibikinsel, die Sanktionen, die Blockade und den Mangel, mit dem die kubanische Bevölkerung zum Aufstand gegen die revolutionäre Regierung gebracht werden sollte.

Ärgerlich wird die Comic-Biografie bei dem Fokus auf Fidels Frauengeschichten. Nicht, dass er keine gehabt hätte, im Gegenteil, es gab reichlich. Aber muss man dem Revolutionär so einen schwülstigen Schwachsinn in den Mund legen? Genau darin liegt die Schwäche der Arbeit Kleists. Wenn er Fidel nicht zitiert, sondern ihm selbst Worte in den Mund legt, wird es – vorsichtig ausgedrückt – wunderlich. Und auch in dem, was eine große Stärke der kubanischen Revolution darstellt, sich der Kritik der Bevölkerung direkt zu stellen, bleibt Kleist vage. Fidel fährt Anfang der 1990er Jahre zu einem Ort, an dem Menschen für „Freiheit“ demonstrieren, so wie es auch heute noch Miguel Díaz-Canel macht. Er beruhigt die Demonstrierenden, doch überzeugende Worte findet Castro bei Kleist nicht. Unwahrscheinlich, dass er immer eine unzufriedene Masse zurückgelassen hat.

Und doch lohnt es sich, „Castro“ zu lesen. Es erinnert daran, was die Rebellen dazu bewogen hat, nach dem gescheiterten Angriff auf die Moncada-Kaserne auf einer Nussschale namens „Granma“ nach Kuba zurückzukehren, es benennt die Ziele und vor allem die Errungenschaften der Revolution, die die Kubanerinnen und Kubaner bis heute verteidigen. Und es zeigt die Faszination dieser Revolution, der sich auch bürgerliche Autoren nicht entziehen können.

Finger und Augen allerdings weg vom Vorwort des „Castro-Experten“ Volker Skierka, der davon faselt, Castro habe „sein Land jahrzehntelang mit strenger Hand regiert, wie ein Patron seine Estancia“ und damit beweist, dass er nichts, aber auch gar nichts über die kubanische Revolution begriffen hat.

Reinhard Kleist
Castro
Carlsen Verlag, 304 Seiten, 26 Euro

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"Ein Bild von Fidel", UZ vom 14. August 2026



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