Langenscheidt zensiert Top 10 des „Jugendwort des Jahres“

Angst vorm Eierlecken

Eigentlich ein simples Konzept, dieses „Jugendwort des Jahres“: Jugendliche zwischen 11 und 20 reichen Vorschläge ein, die Top 10 werden Ende Juli veröffentlicht (und in der „Tagesschau“ vorgelesen), Votings können abgegeben werden und dann wird im Herbst das Siegerwort veröffentlicht. Alte Säcke können sich dann über das Wort wundern, der Langenscheidt-Verlag freut sich über den Werbeeffekt.

„Jugendwörter sind mehr als nur Trends – sie spiegeln wider, was junge Menschen gerade beschäftigt“, so Jenny Dolpp und Artur Raiser, die das Projekt bei Langenscheidt verantworten. Und so erzählt uns die Top 10 in diesem Jahr anscheinend, dass sich die Jugend dafür interessiert, dass alles „süper“ ist, anderes „gute Käse“ und Fehler irgendwie „Schere“.

Aber Wörtern geht es in Deutschland in Zeiten von Zeitenwende und Staatsräson so wie Buchhändlern: Wer aus der Reihe tanzt und politisch nicht in die Agenda der Herrschenden passt, wird von der Siegerliste gekickt.

So erging es dem doch eigentlich ganz harmlos klingenden Wort „Mehrzweckeier“. Das hatte es in die Top 10 geschafft, wurde vom Verlag aber wieder von der Liste geschmissen: „Da der Begriff auf eine Kampagne zurückgeht“, so der Verlag, „und gleichzeitig auf einer persönlichen Beleidigung beruht“.

311602 - Angst vorm Eierlecken - Artur Raiser, Jenny Dolpp, Jugendwort, Langenscheidt, Merz leck Eier!, Zensur - Die letzte Seite
… und erst recht nicht beim Jugendwort des Jahres. (Foto: montecruzfoto.org)

Dass sich Jugendliche mit Memes in sozialen Medien für ein Wort stark machen ist nichts Neues. Und eigentlich ist auch genau das vom Langenscheidt-Verlag beabsichtigt, je mehr Aufmerksamkeit, desto mehr Werbeeffekt. Nur politisch darf es anscheinend nicht werden. Und wie die Polizei bei den Schulstreiks gegen die Wehrpflicht gegen „Merz leck Eier“-Plakate in die Menge sprintet, um die Ehre des Kriegstreiber-Kanzlers auch mit Fäusten zu verteidigen, springt auch der Langenscheidt-Verlag empört auf und schreitet zur Tat, um zu verhindern, dass ein Wort zum „Jugendwort des Jahres“ gewählt werden kann, das widerspiegelt, was „junge Menschen gerade beschäftigt“. Und so dürfen sich die jungen Menschen in diesem Land anscheinend „lost“ fühlen (Jugendwort des Jahres 2019) oder als Kommentar zur zukunftsvernichtenden Politik der Bundesregierung mit dem Kopf schütteln und „das crazy“ (2025) murmeln, aber nicht Bezug nehmen auf die Proteste gegen die Wehrpflicht.

Dabei ist „Mehrzweckeier“ geradezu ein Paradebeispiel für das, was mit dem „Jugendwort des Jahres“ dokumentiert werden soll. Die Darstellung dessen, was junge Menschen bewegt in einem einzigen Wort und, so die Projektleiter, auch die Widerspiegelung davon, „wie schnell sich Sprache sogar binnen Monaten verändert“.

Die Jugend in diesem Land ist aufgestanden dagegen, dass ihnen die Zukunft genommen und sie Kanonenfutter in neuen Kriegen werden sollen. Dabei haben sie Merz aufgefordert, doch selber an der Ostfront zu sterben – oder eben Eier zu lecken. Aus der Aufforderung wurde ein neues Wort und jedes Kind (und auch jeder alte Sack) weiß, was es bedeutet. Aber der Langenscheidt-Verlag säubert die Liste, auf dass sie keine politische Jugend reflektiere. Na süper.

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"Angst vorm Eierlecken", UZ vom 7. August 2026



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