Israel weitet seine Angriffe auf den Libanon aus

Pseudo-Waffenstillstand

Der Krieg im Libanon eskaliert – mit Vorstößen der israelischen Armee im Süden des Landes und Luftangriffen ohne Ende. Alleine an einem Tag – Dienstag letzter Woche – wurden 120 Angriffe gemeldet. Zuletzt waren Wohnblöcke in Tyre, der viertgrößten Stadt des Libanon, und ein Vorort von Beirut ihr Ziel. Die Hisbollah bekämpft mittlerweile erfolgreich israelische Panzer mit Drohnen. Dabei sind sogar zwei Waffenstillstandsvereinbarungen in Kraft. Am 27. November 2024 wurde eine erste Waffenstillstandsvereinbarung zwischen Israel und Libanon geschlossen, am 16. April 2026 eine zweite.

Die Hisbollah hatte im Rahmen der Vereinbarung vom November 2024 ihre Einheiten von der Grenze zu Libanon abgezogen. Das hinderte Israel nicht daran, immer wieder – und wie von der libanesischen Regierung dokumentiert – den Süden des Libanon aus der Luft anzugreifen. In einer wieder einmal einseitigen Festsetzung definierte das israelische Militär eine „gelbe Linie“ etwa fünf Kilometer nördlich der Grenze, bis zu der sie den Libanon besetzen wollte.

Mit dem US-israelischen Angriff auf den Iran endete auch der einseitige Waffenstillstand im Libanon. Die Hisbollah griff wieder Ziele im Norden Israels an, der Krieg „explodierte“ förmlich. Zurzeit versucht das israelische Militär, weit über die „gelbe Linie“ hinaus vorzudringen.

Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir, die faschistischen Minister der israelischen Regierung, verlangen offen, dass Israel den Süden des Libanon annektieren müsse. Zur Rechenschaft gezogen werden sie deshalb keineswegs. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu lässt sie gewähren und hält sich bedeckt. Smotrich geht noch weiter: Er verlangt, als Vergeltung für jeden Drohneneinsatz der Hisbollah müssten zehn Gebäude im Süden von Beirut zerstört werden, würde ein israelischer Soldat verletzt, sollten es gar 100 Gebäude sein.

Diese Wut hat ihren Grund: Immer wieder schlagen Raketen der Hisbollah im Norden Israels ein, immer wieder zerstören ihre Drohnen, die per Glasfaserkabel gelenkt werden, israelische Merkava-Panzer. Die Zahl der im Libanon schwer verletzten oder gar getöteten Soldaten steigt. Täglich werden Verletzte per Hubschrauber in Krankenhäuser in Israel gebracht.

Und die Disziplin der israelischen Armee verfällt. Die Zeitung „Haaretz“ zitiert eine Reihe von Soldaten, die von Plünderungen durch ihre Kollegen berichten. Die Vorgesetzten würden dabei regelmäßig ein Auge zudrücken. Auch die Organisation „Euro-Med Human Rights Monitor“ berichtet von weit verbreiteten Plünderungen durch die israelische Armee – wie es übrigens auch in Gaza oder in früheren Kriegen der Fall war.

Mittlerweile wurden in Washington Gespräche zwischen Vertretern der libanesischen Regierung und der Israels geführt. Es geht um einen erneuten Waffenstillstand, die Frage der libanesischen Souveränität, Rückzug israelischer Truppen und die Entwaffnung der Hisbollah. Washington und Israel wollen damit die Hisbollah isolieren und eine Forderung des Iran umgehen, der einen Waffenstillstand im Libanon zur Voraussetzung für Verhandlungen macht. Aber für den Iran geht es in seiner Forderung nach einem Waffenstillstand auch im Libanon gerade um den Süden des Landes, wo die Kämpfe stattfinden, und um die Hisbollah.

Der bestehende Pseudo-Waffenstillstand wurde am 15. Mai um 45 Tage verlängert. Die Gespräche in Washington, zuletzt zwischen israelischen und libanesischen Militärs, endeten ohne greifbare Ergebnisse. Daraufhin weitete Israel seine Angriffe im Libanon aus. Selbst Frankreich und Deutschland sehen das kritisch. Aber keine Überraschung: die Ausweitung erfolgte in Absprache mit den USA.

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"Pseudo-Waffenstillstand", UZ vom 5. Juni 2026



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