Zum 200. Todestag von John Keats

Revolutionäre Romantik

John Keats, der am 23. Februar 1821 im Alter von nur 25 Jahren an Tuberkulose starb, gehört mit Byron und Shelley zu der zweiten Generation der englischen und schottischen Romantik. Sie ist „die künstlerische Avantgarde, der vorausschauendste, kritischste und radikalste Ausdruck dieses Zeitalters“. Von Jenny Farrell ist nun das Buch „Revolutionäre Romantik. Die Oden des John Keats“ erschienen. Jenny Farrell war bis zu ihrer Pensionierung Dozentin für Literatur am „Galway-Mayo Institute of Technology“ in Irland. Ihr Können, Inhalte verständlich und anregend zu vermitteln, ohne an Tiefe zu verlieren, zeichnet auch dieses Buch aus.

Im ersten Kapitel beschreibt sie die Zeiten, die eine revolutionäre Romantik entstehen ließen, Zeiten „sowohl großer politischer Hoffnung, die durch die Französische Revolution entfacht wurden, als auch beispielloser sozialer Unruhen unter den Besitzlosen“, die radikale Führer hervorbrachten, „die in einer Welle der Repression und Gewalt von der Regierung angegriffen und inhaftiert wurden“. In die Geschichte eingegangen ist das Peterloo-Massaker, bei dem bei einer der vielen Protestversammlungen gegen die Korngesetze achtzehn Menschen getötet und 400 verwundet wurden. Keats beschrieb seine Zeit als ein „barbarisches Zeitalter“.


„… erst durch den gegenständlich entfalteten Reichtum des menschlichen Wesens wird der Reichtum der subjektiven menschlichen Sinnlichkeit, wird ein musikalisches Ohr, ein Auge für die Schönheit der Form, kurz, werden erst menschlicher Genüsse fähige Sinne, Sinne, welche als menschliche Wesenskräfte sich bestätigen, teils erst ausgebildet, teils erst erzeugt. Denn nicht nur die fünf Sinne, sondern auch die sogenannten geistigen Sinne, die praktischen Sinne (Wille, Liebe etc.), mit einem Wort der menschliche Sinn, die Menschlichkeit der Sinne wird erst durch das Dasein seines Gegenstandes, durch die vermenschlichte Natur. Die Bildung der fünf Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte.“

Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte. MEW Bd. 40, S. 541


Im zweiten Kapitel – „Das Leben des John Keats“ – wird anhand des Lebenslaufs der geschichtliche Rückblick erweitert und es werden bestimmende Faktoren seiner Kunst dargestellt: sein Aufwachsen in einer Familie der „Dissidenter“, einer Glaubensgemeinschaft, die den christlichen Glauben entmystifiziert und sich allein auf die menschliche Vernunft beruft. Seine Ausbildung zum Wundarzt und Apotheker führte ihn an die Naturwissenschaften heran und durch seine Arbeit am Guys-Krankenhaus bildete sich sein Verständnis für eine fortschrittliche und humane Medizin, wuchs seine Parteilichkeit für die Entrechteten und Unterdrückten und damit für radikale Politik. Seine Hinwendung zur Literatur führte ihn in den Hunt-Shelley-Kreis, verstärkte seine „Anschauungen, an denen er zeitlebens festhielt: gegen die christliche Religion sowie für Internationalismus“. Zentrale Bedeutung für die romantische Dichtung hat die Natur, was „zu ihren Lebzeiten als gefährlich und subversiv angesehen“ wurde, da ihr Hintergrund eine nicht-religiöse Darstellung der Welt ist. Auch die Diesseitigkeit, die Feier der Sinnlichkeit und Schönheit war die Antithese zur christlichen Askese. Die dialektische Einordnung der Romantik in ihre Zeit und damit Abgrenzung von esoterischem Individualismus wird im 3. Kapitel „Wer waren die Romantiker?“- vertieft. „Die englische und schottische Romantik tritt das Erbe der radikalen Aufklärung und bürgerlichen Revolution an. Sie drückt den Widerstand gegen das feudale Ancien Regime und die absolutistische Diktatur aus, sowohl in ihrer feudalen wie kapitalistischen Ausprägung.“ Wir erfahren vom Einfluss der Revolutionen in Amerika und in Frankreich auf die erste Generation der Romantiker, von denen sich einige (neben anderen Wordsworth und Coleridge) später von ihren Idealen entfernten, und der Fortführung der radikalen Tradition bei der zweiten Generation und in ihr John Keats. „Sie stellten sich auf die Seite der Unterdrückten in der ganzen Welt.“


Auszug aus Kapitel 6: „Ode an eine Nachtigall“, die zeigt, „wie der Dichter hin- und hergerissen war zwischen dem Wunsch, der Welt zu entfliehen oder sich ihr durch Kunst zu stellen“.

Ferne vergehn, verschwimmen, im Vergessen sein | vor dem, das du in deinem Laube nie gesehn, | vor Überdruss, vor Fieber und vor Pein, | mit der hier Menschen sitzen müssen, voll Gestöhn; | wo Schüttellähmung letztes Grauhaar zaust, | wo Jugend ausbleicht, geisterdünn, erfällt, | wo Denken nur die Zeit des Leiden sehnt, | wo du nur bleiäugige Verzweiflung schaust, | wo Schönheit niemals ihren blanken Blick behält | und neue Liebe sich nach ihr kaum lange sehnt.


Diese historische Einordnung führt hin zum Hauptteil: den Oden des John Keats. „Dieses Buch ist von dem Wunsch getragen, am Beispiel der Lyrik des John Keats Interessierten das Lesen und tiefere Verstehen von Lyrik zu vermitteln.“ Dies gelingt Jenny Farrell hervorragend. In fünf Kapiteln interpretiert die Autorin diese Oden in ihrem Aufbau, ihrem persönlichen und historischen Hintergrund. Wesentlich ist die Bedeutung von Farben, Geräuschen, Licht, den vielfältigsten Sinneswahrnehmungen.

Das Bild des sterbenden Jugendlichen in dieser Strophe ist mit der Erinnerung an den Tod von Keats’ jüngstem Bruder Tom an Tuberkulose getränkt. Auf einer zweiten Ebene wird eine Gesellschaft verallgemeinert, die Tod und nicht Leben hervorbringt.“ Schlussfolgernd erweitert Jenny Farrell unser Verständnis von der Verantwortung des Künstlers und dem Agieren des lyrischen Ich. Für John Keats sind Wahrheit und Schönheit eins. Die Unterdrückung des Menschen korrespondiert mit der Unterdrückung der Schönheit. „Keats versteht außerordentlich gut, dass eine profitgetriebene Gesellschaft keinen Raum für Sinnlichkeit oder Schönheit hat.“ Zur Erläuterung bringt Farrell noch einen Auszug aus Keats‘ Gedicht „Isabella oder der Basilikumtopf“, in dem der aus Mensch und Natur herausgeschundene Reichtum und die Reichen angeprangert werden: „Für sie – in Fieberpein –/erlagen Tausende der Tyrannei./Sie aber drehten leichten Sinns ihr leichtes Rad,/die Folter zu verschärfen, Grad um Grad.“ Von diesem Gedicht sagte George Bernard Shaw, wenn Karl Marx nicht das Manifest hätten schreiben wollen, sondern ein Gedicht, dann hätte er dieses geschrieben.

„Keats entwickelt die Idee, dass das voll verwirklichte menschliche Potenzial an der Fähigkeit gemessen werden kann, sinnlich auf die Welt zu reagieren. Keats‘ Poesie zu lesen bedeutet für die Leser, selbst alle Sinne zu aktivieren, um die Bilder aktiv in der Fantasie umzusetzen.“

Ein Dank an Jenny Farrell, dass sie uns diesen Dichter und die revolutionäre Romantik so einfühlsam nahebringt.


Jenny Farrell
Revolutionäre Romantik
Die Oden des John Keats
Mangroven Verlag Kassel, 2020
127 Seiten, 20 Euro.


✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Revolutionäre Romantik", UZ vom 26. Februar 2021



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Stern aus.

    Vorherige

    Eine Aktion, die zeigt was nötig ist

    Umbruch im Windschatten der Pandemie

    Nächste