Verein gibt den sowjetischen Opfern deutscher Vernichtungspolitik ihre Identität zurück

Rotarmisten haben Namen

Kurz vor dem 80. Jahrestag des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni hat Hannelore Tölke zusammen mit Dmitriy Kostavarov, dem Gründer des „Historischen Vereins Ar.kod.M“ (Allrussische Kriegsopferdaten Memorial e. V.), die Broschüre „Schatten der Vergangenheit“ veröffentlicht. Diese basiert auf Forschungen nach sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeiterinnen und -arbeitern, die während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeit in Deutschland leisten mussten und hier verstorben oder vermisst sind. UZ sprach mit der Friedensaktivistin.

UZ: In der Broschüre berichtet ihr über eure Erfahrungen in nordrhein-westfälischen Gemeinden, wo ihr durch umfangreiche Recherchen eine große Anzahl von Namen bisher namenloser sowjetischer Kriegsopfer ausfindig machen konntet. Zu welchen Ergebnissen seid ihr gekommen?

Hannelore Tölke: Unsere Nachforschungen zeigen, dass in zahlreichen Archiven Dokumente liegen, die es möglich machen, die Namen vieler sowjetischer Kriegsgefangener, die mit dem Vermerk „unbekannt“ begraben wurden, ausfindig zu machen.

UZ: In eurer Broschüre skizziert ihr auch die alltäglichen Probleme eurer Aufklärungsarbeit. Was hat eure Recherchen erschwert?

Hannelore Tölke: In vielen kommunalen Archiven und auch in Friedhofsämtern haben die Kolleginnen und Kollegen uns durch die Bereitstellung von Dokumenten unterstützt und uns Hinweise für eine erweiterte Suche gegeben.

Manchmal aber haben wir lange auf Antworten gewartet und mussten mehrfach nachfragen. Einige Archive teilten mit, es gäbe keine Unterlagen. Das kann eigentlich nicht sein. In der Nachkriegszeit verlangten die Alliierten, dass ihnen alle ausländischen Kriegsopfer gemeldet werden. Diese Meldungen und der Schriftwechsel dazu müssten sich noch in den Archiven der Gemeinden befinden.

UZ: Insgesamt wurden 11 Millionen Rotarmisten und 16 Millionen Zivilistinnen und Zivilisten im Rahmen des deutschen Vernichtungsfeldzugs gegen die Sowjetunion ermordet. Dieser wurde jedoch keineswegs einzig auf sowjetischem Boden geführt, sondern im „Deutschen Reich“ fortgesetzt, schreibt ihr in eurer Publikation. Was genau meint ihr damit?

Hannelore Tölke: Im Sommer und Herbst 1941 gerieten mehr als 3 Millionen Rotarmisten in Deutsche Kriegsgefangenschaft. Bis zum Februar 1942 kamen zwei Millionen Rotarmisten in den Lagern in Frontnähe um. Sie verhungerten, starben an mangelnder Versorgung und Krankheiten oder wurden exekutiert. Der Tod von Millionen Menschen wurde durch ein rassistisches und menschenverachtendes Programm der Nazis gerechtfertigt. Schon im Sommer 1941 forderte die deutsche Industrie den Einsatz von sowjetischen Kriegsgefangenen, um die Arbeitskräfte, die durch Einberufungen zur Wehrmacht fehlten, zu ersetzen. Dieser Arbeitseinsatz wurde Ende Oktober 1941 möglich. Für die Gefangenen änderte sich die menschenverachtende Behandlung nicht. Das massenhafte Sterben sowjetischer Kriegsgefangener ging auch in den Lagern im Deutschen Reich und in den Arbeitskommandos der Unternehmen weiter.

UZ: Viele der sowjetische Bürgerinnen und Bürger wurden zwischen 1941 und 1945 ins Ruhrgebiet, nach Westfalen und ins Rheinland verbracht und mussten dort auf Zechen, in Stahlwerken und Rüstungsbetrieben Zwangsarbeit leisten. Verfügt ihr über Erkenntnisse, wie viele Menschen konkret verschleppt, ausgebeutet und ums Leben kamen?

Hannelore Tölke: Wir haben dazu keine eigenen Forschungen angestellt, es gibt aber zahlreiche Publikationen. Im Herbst 1941 befanden sich 350.000 sowjetische Kriegsgefangene im Reichsgebiet, davon 48.000 im Stalag VI K (326) in Stukenbrock in der Senne. Im Sommer 1944 leisteten etwa 2,7 Millionen sowjetische Bürgerinnen und Bürger Zwangsarbeit in Deutschland, etwa 630.000 Kriegsgefangene und 2,1 Millionen Zivilarbeiterinnen und -arbeiter. Auf den Zechen des Ruhrbergbaus waren im Sommer 1944 etwa 95.000 sowjetische Kriegsgefangene eingesetzt.

UZ: Ihr habt ein digitales Gedenkbuch auf der Internetseite des Vereins erstellt und dort Biographien sowjetischer Kriegsgefangener veröffentlicht. Übernehmt ihr damit nicht ehrenamtlich die Arbeit, die staatliche Stellen eigentlich leisten und finanzieren müssten?

Hannelore Tölke: Unser Gedenkbuch verstehen wir als Anstoß, aktiv zu werden. Wir wollen zeigen: hinter der großen Zahl der ums Leben Gebrachten stehen Menschen. Für den Friedhof in Dortmund, auf den sich unser Gedenkbuch bezieht, sind inzwischen mehr als 4.470 Namen von sowjetischen Bürger­innen und Bürgern bekannt. Würden wir täglich einen Namen nennen, würde es zwölf Jahre dauern, das Gedenkbuch zu veröffentlichen. Natürlich wäre es da gut, wenn die Stadt Dortmund ein solches Gedenkbuch erstellen ließe.

UZ: Ihr habt jüngst gefordert, dass die Grabstätten der sowjetischen Opfer von den Kommunen würdig hergerichtet werden sollten. Aus welchem Grund?

Hannelore Tölke: Die Familien der Verstorben haben uns gegenüber oft den Wunsch nach einer würdigen Ruhestätte geäußert. Wer Friedhöfe besucht, auf denen Kriegsopfer beerdigt sind, wird feststellen, dass es Unterschiede gibt. Während auf Gräbern deutscher Kriegsopfern Grabsteine mit den Namen der Verstorben stehen, sind die Gräberfelder sowjetischer Kriegsopfer oft Rasenflächen ohne jede persönliche Erinnerung an die Verstorbenen. Gäbe es eine persönliche Erinnerung, einen Grabstein oder eine Inschrift auf einem Grabmal, würde sichtbar, wieviel sowjetische Kriegsgefangene, Zivilarbeiterinnen und -arbeiter, und deren Kinder im Westen Deutschlands umgekommen sind. Die Kommunen kommen unserer Forderung ganz unterschiedlich nach.

UZ: Was erwartet ihr insgesamt von den staatlichen Stellen? Wie sollten diese ihrer Verantwortung gerecht werden?

Hannelore Tölke: Die Pflege und Erhaltung der Gräber von sowjetischen Kriegsopfern wurde in NRW vom Land auf die Kommunen übertragen. Die Kommunen gehen unterschiedlich mit dieser Aufgabe um. Wir sehen hier das Land in der Verantwortung, für ein einheitliches Vorgehen zu sorgen.

Viele sowjetische Kriegsgefangene wurden in den Kommunen mit dem Vermerk „unbekannt“ begraben, so stehen sie auch in den Opferlisten. Der Wehrmacht waren die Namen jedoch bekannt und entsprechende Dokumente existieren in verschiedenen Archiven. Die Kommunen halten aber oft an den Opferlisten aus der Kriegs- und Nachkriegszeit fest, obwohl verschiedene überregionale und internationale Archive Nachforschungen ermöglichen. Wir wünschen uns in NRW Forschungsprojekte, die Dokumente dieser Archive auswerten, um die Namen in Erfahrung zu bringen. Unsere Nachforschungen haben gezeigt, dass das möglich ist.

Über den Autor

Markus Bernhardt (Jahrgang 1977) ist freier Journalist und Autor sowie studierter Sozialarbeiter. Er arbeitet für verschiedene Printmedien, unter anderem für die Tageszeitung „junge Welt“. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Themen Innen-, Gesundheits-  und Gleichstellungspolitik sowie Antifaschismus.

2012 veröffentlichte er das Buch „Das braune Netz: Naziterror – Hintergründe, Verharmloser, Förderer“ über das faschistische Terrornetzwerk „NSU“ im PapyRossa Verlag Köln.

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"Rotarmisten haben Namen", UZ vom 18. Juni 2021



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