Timothy Truckle ermittelt im fiesesten Kapitalismus

Schreckliche Alte Welt

Gert Prokop
Die unglaublichen Kriminalfälle des Timothy Truckle
Wer stiehlt schon Unterschenkel / Der Samenbankraub
Das Neue Berlin, 2020, 15,- Euro

Walter Moers war nicht der erste, der behauptet hat, er würde die Geschichten, die er erzählt, gar nicht selber erfinden, sondern „aus dem Zarmonischen übersetzen“. Bereits 1977 veröffentlichte Gert Prokop den ersten Band „Wer stiehlt schon Unterschenkel“ der Abenteuer von Timothy Truckle, die der Verlag „Das neue Berlin“ jetzt in einem Sammelband zusammen mit dem zweiten Teil „Der Samenbankraub“ (1983) herausgegeben hat.
Der namenlos bleibende Erzähler beharrt auch hier darauf, dass er all die Erlebnisse von Truckle selbst erzählt oder aufgeschrieben bekommen hat, er habe nur als Übersetzer fungiert. Den ersten Band beginnt er mit den Worten „Sagen Sie ruhig: Alles gelogen. Wahrscheinlich würde ich es auch nicht glauben, wäre ich nicht selbst in der Alten Welt gewesen und hätte Timothy Truckle dort kennengelernt.“

Dabei klingt das, was da erzählt wird, alles andere als gelogen.

Die „Alte Welt“ das sind die „United States“, die der anonyme Chronist irgendwann im 21. Jahrhundert besuchen darf – eine Seltenheit, denn er kommt von „DRAUSSEN“, wo allem Anschein nach auf der gesamten Welt so etwas wie Sozialismus existiert, während sich in dem Gebiet, das einst die USA waren, ein fast schon faschistisch anmutender Überwachungsstaat gebildet hat.

Der Erzähler begegnet dem kleinwüchsigen Privatdetektiv Truckle, genannt Tiny, in der „Stardust“-Bar im 1112. Stockwerk des „Nebraska“, einem von sechs Super-Hochhäusern Chicagos, wo man den Sonnenuntergang noch sehen kann, weil das Stockwerk über der Smog-Grenze liegt. Denn es ist – vorsichtig ausgedrückt – nicht schön in den „United States“, auch abgesehen von der Überwachung nicht.

Gert Prokop lässt Tiny Truckle in einer hochtechnisierten Welt ermitteln, in der nicht nur „Restaumaten“ das Essen automatisch herstellen, Maschinen einem in Minuten die passende Kleidung auf den Leib schneidern, Kämme das Färben der Haare nach der letzten Mode übernehmen und „Aerobusse“ und Lufttaxis den Individualverkehr abgelöst haben.

Faszinierend ist, wie wenig die Texte aus den Siebzigern und frühen Achtzigern gealtert sind. Prokops Zukunftsvision der USA ist so vorausschauend, dass den Leserinnen und Lesern von heute vieles bekannt vorkommt. Da ist zum Beispiel die Wasserknappheit durch Umweltverschmutzung und Erderwärmung, die mangelhafte medizinische Versorgung der ausgebeuteten Klasse, die Automobilindustrie, die sich die Entwicklung weg vom Individualverkehr vom Staat hat bezahlen lassen, und und und.

Timothy Truckle ist der Detektiv der Upperclass, die Big-Bosse wenden sich an ihn, wenn sie ein Problem haben oder Kompromittierendes über einen Konkurrenten bestätigt wissen wollen. Und so gibt uns Prokop durch Truckles Augen Einblick in die Schweinereien der herrschenden Klasse der „United States“, in Genmanipulation am Menschen, Absprachen von Pharmakonzernen, Medikamente nicht auf den Markt zu bringen, weil man doch mit den Kranken so viel mehr verdient, und dem fiesen Geschäft mit dem Dahinsiechen in Krankenhäusern. Auch all das klingt eher vertraut als erfunden.

Genauso wie Timothys kongenialer Mitdenker bei der Bearbeitung von Fällen, der Supercomputer „Napoleon“ und die Frage danach, ab wann eine Künstliche Intelligenz vielleicht einfach nur noch eine Intelligenz ist. Oder warum schreiben Computer Gedichte?

Dabei sind die „Kriminalfälle des Timothy Truckle“ ungemein amüsant, mit großem Humor geschrieben, der teilweise auch wunderbar böse werden kann, und mit teilweise unerwarteter sprachlicher Eleganz. Da heißt dann das neuartige Schießgerät nicht einfach „Strahlenkanone“ wie man es sonst aus Zukunftsliteratur gewohnt ist, sondern „Rayvolver“ (Ray = Strahlen). Und natürlich gibt es für die Welt von Truckle auch noch einen Hoffnungsschimmer, den „Underground“, der eine neue Gesellschaft auch noch auf dem Gebiet der ehemaligen USA für möglich hält und zu dem Tiny natürlich beste Kontakte pflegt.

Ein wenig schade ist, dass der Verlag dem Band kein Vor- oder Nachwort gegönnt hat. Ein paar Zeilen zur Entstehungsgeschichte der Bücher und zu ihrem Autor und damit zur Science-Fiction-Szene der DDR hätten dem Leser gut getan.

Aber auch ohne die zusätzlichen Informationen bleiben die Kriminalfälle von Timothy Truckle ein Lesevergnügen mit einem durch und durch sympathischem Helden, der gerne trinkt, in der Badewanne nachdenkt und selbst gekochtes Essen den Restaumaten vorzieht. Nicht hungrig lesen, denn natürlich ist Timothy ein großartiger Koch.

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Über den Autor

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Schreckliche Alte Welt", UZ vom 18. Dezember 2020



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