Pharmakonzern Novo Nordisk frohlockt: Die Abnehmspritze gibt es jetzt auch in Tablettenform

Spritze zum Schlucken

Sucht man auf Google nach „Body-Mass-Index“ (BMI), wird einem gleich auch ein Rechner von Novo Nordisk angeboten, der diesen zu bestimmen helfen soll. Nach der Berechnung folgt auch schon ein Feld zum Anklicken: „Arzt finden“.

Seit dem 1. September ist in Deutschland das rezeptpflichtige Medikament Wegovy in Tablettenform zugelassen. Es soll gegen Adipositas (krankhaftes Übergewicht) helfen. Um ein Rezept für Wegovy zu erhalten, muss ein BMI von mindestens 30 vorliegen – oder wenigstens 27, wenn eine Begleiterkrankung wie zum Beispiel Bluthochdruck oder Typ-2-Diabetes dazukommt. Ein BMI von 30 liegt vor, wenn ein durchschnittlich großer Mensch circa 90 kg wiegt.

Die ärztliche Verordnung darf eigentlich nur unter der Voraussetzung erfolgen, dass bereits eine Untersuchung und ein ausführliches Gespräch erfolgt sind, bei dem eine Veränderung des Lebensstils (Essen/Bewegung/Stressabbau) thematisiert wurde. Die Kosten für das Medikament liegen bei circa 280 Euro pro Monat und sind bei der Behandlung mit Tabletten und Spritze identisch. Diese „Apothekenpreise“ muss der Patient selbst übernehmen. Die Einnahme einer Tablette wird von vielen als angenehmer als die wöchentliche Spritze empfunden. Sie muss aber mit einer etwas umständlichen Einnahmeprozedur erkauft werden: Die Tablette muss täglich nüchtern mit einer Tasse Flüssigkeit eingenommen werden. Erst eine halbe Stunde später kann man etwas essen oder trinken.

Wirkung und Nebenwirkungen von Spritze und Tablette sind nach den Studienergebnissen vergleichbar, wobei ausreichende Erfahrungen über Langzeitnebenwirkungen noch fehlen. Es handelt sich um eine Dauertherapie. Studien zufolge liegt der Gewichtsverlust nach circa einem Jahr bei 13 Prozent.

Es handelt sich um die erste Zulassung einer solchen Abnehmtablette. Der Pharmariese Novo Nordisk erhofft sich dadurch einen zusätzlichen Milliardenumsatz. Die Zahlen unterstützen diese Erwartungen: Krankhaftes Übergewicht ist ein weitverbreitetes gesellschaftliches Problem. Schon unter den 3- bis 17-Jährigen gelten 6 Prozent als adipös. Dies trifft insbesondere auf Kinder aus sozial benachteiligten Familien zu. Allein in Deutschland gibt es etwa 16 Millionen Menschen mit Adipositas – Tendenz steigend.

Schlankheit ist zudem nicht nur eine Frage der Gesundheit, sondern auch ein Lifestyle-Ziel. Zumindest in den westlichen Industrieländern lassen sich das viele auch etwas kosten. Über das Internet ist das Medikament leicht zu haben – für jeden, der es sich leisten kann. Ein paar Speckfalten weniger vor der Badesaison oder nach den Weihnachtstagen mithilfe von Medikamenten – darüber freut sich die Pharmaindustrie, auch wenn es keine medizinische Indikation dafür gibt. Der dänische Konzern Novo Nordisk war zwischenzeitlich mit einer Marktkapitalisierung von 640 Milliarden US-Dollar mehr wert als das gesamte dänische jährliche Bruttoinlandsprodukt.

Krankhafte Adipositas bedeutet aber nicht nur, dass man ein paar „unnötige“ Kilogramm mehr mit sich herumschleppt, die die Gelenke und Bänder belasten. Adipositas ist eine ernste chronische Erkrankung, die auf Dauer erhebliche Folgeschäden und Folgeerkrankungen nach sich zieht, wie zum Beispiel Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Nieren- und Lebererkrankungen. Doch unser Gesundheitswesen ist eben nicht in erster Linie auf Prävention ausgerichtet, sondern auf Reparatur.

Gesunde Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten mit ausreichenden Bewegungsmöglichkeiten in Ruhephasen sowie ein gesundes Essen wären solche präventiven Maßnahmen. Doch schon die gesunde Ernährung hat mächtige Gegner: Neun Lebensmittelkonzerne dominieren den Markt und bestimmen im Wesentlichen darüber, was unsere Nahrungsmittel beinhalten.

Der eigentliche Fortschritt, den diese modernen Abnehm-Medikamente bieten könnten (es gibt schon weitere, kurz vor der Zulassung und in Studien), wird ins Gegenteil pervertiert. Sie könnten als Einstiegsdrogen zur Hilfe bei der Veränderung der Lebens- und Essensgewohnheiten verwendet werden. Stattdessen werden sie als Ersatzlösung für eigentlich notwendige gesellschaftspolitische Maßnahmen und gesundheitsfördernde Lebensweisen eingesetzt. Das sieht zwar auch der Dachverband der Betriebskrankenkassen so, aber auch er kann nur hilflos warnen: „Wir dürfen nicht erneut in die Logik ‚Pille statt Prävention‘ verfallen.“

Da sich die gesetzlichen Krankenkassen derzeit nicht in der Lage sehen, zusätzliche Milliarden für Medikamente zu zahlen, fordert die Pharmaindustrie von der Bundesregierung, besondere Zuzahlungen für bestimmte verschreibungspflichtige Arzneimittel einzuführen.

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"Spritze zum Schlucken", UZ vom 11. September 2026



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