Zum Tarifabschluss im Einzelhandel in Nordrhein-Westfalen

Für dumm verkauft?

Wenn im deutschen Handel von 5 Millionen Beschäftigten weniger als 10 Prozent gewerkschaftlich organisiert sind, so ist die Durchsetzungsfähigkeit von Tarifforderungen schon objektiv stark eingeschränkt. Beteiligen sich dann von den gewerkschaftlich Organisierten bundesweit kaum 30.000 an Streiks, so mag die Motivation subjektiv noch so stark sein, die Chancen bleiben dennoch absolut gering, gegen die Unternehmer enormen Druck zu entfalten. Trotzdem gelingt es diesem entschlossen und mutig handelnden knapp einen Prozent immer wieder, die sozialen Gegenspieler durch Streiks und öffentliche Aktionen derart zu „belästigen“, dass nach mehr oder weniger langen Monaten ein Tarifabschluss möglich wird.

Es lag also in erster Linie an den verbissen Kämpfenden, wenn wie am 26. August in Nordrhein-Westfalen ein neuer Tarifvertrag für den Einzelhandel abgeschlossen werden konnte, der den Beschäftigten ab 1. August dieses Jahres 3 Prozent und im Mai 2027 weitere 2 Prozent mehr Entgelt bringt. Wirklichkeitsnah sind das fürs erste Tarifjahr allerdings keine 3, sondern 2,25 Prozent mehr Geld, da für die Monate Mai bis Juli 2026 auch nachträglich keine Erhöhungen ausgezahlt werden. Gleichwohl deuten „pfiffige“ Tarifverhandlerinnen und -verhandler dies gerne als Erfolg in Höhe von 3 Prozent; denn die Nullmonate seien ja „faktisch bereits vorbei“.

Das ist kein gewerkschaftliches, nicht einmal sozialpolitisches Denken im Sinn der abhängig Beschäftigten, sondern eine eigentlich zutiefst dumme unternehmerische Argumentation. Denn der ab August dieses Jahres erzielte monatliche Erhöhungsbetrag für eine langjährige Verkäuferin von brutto 97 Euro fehlt ihr natürlich für Mai bis Juli.

291 Euro mögen für Unternehmer und gut bezahlte Hauptamtliche der ver.di, die die Tarife verhandeln, nicht der Rede wert sein und faktisch „verloren“ gehen können. Für eine Verkäuferin wäre dieses Sümmchen eine oft dringend benötigte Nachzahlung gewesen. Denn wie häufig kommt es vor, dass Handelsbeschäftigte bereits weit vor dem Monatsende nicht mehr wissen, wie sie ihren Lebensunterhalt bis zur nächsten Gehaltszahlung decken sollen?

Das ist natürlich auch den Tarifverhandlerinnen und -verhandlern der ver.di bekannt. Und sie wissen noch zu Beginn einer Tarifrunde, dass die Struktur der Lebenshaltungskosten bei Beschäftigten im Handel deutlich anders aussieht als bei besser bezahlten: Bereits enorm hohe und weiter steigende Preise für Lebensmittel, Sprit, Miete, aktuell ebenso für die Ausstattung ihrer Kinder für die Schule leeren schnell die Haushaltskasse. Schon ein eingespartes Schulessen für 5 Euro wird dann zum „Segen“ und wirkt entlastend. Wer kann unter solchen Verhältnissen auf 291 Euro verzichten, weil drei Monate „faktisch bereits vorbei“ sind?

Im zweiten Tarifjahr wird’s auch nicht besser: Die 2 Prozent ab dem 1. Mai 2027 erweisen sich als trügerisch, weil sie nicht für die üblichen 12, sondern für 13 Monate gelten. Dadurch sinkt der Jahresdurchschnitt der Lohnerhöhung auf 1,85 Prozent. Verführerisch erscheint es manchen Tarifverantwortlichen, aus dem Ergebnis „5 Prozent für 2 Jahre“ zu „basteln“, um daraus einen besonderen Erfolg ableiten zu können. Doch solche Schönfärberei verfängt bei engagierten Beschäftigten kaum, allenfalls bei ahnungslosen Menschen mit wachsenden Milchzähnen. Und selbstverständlich bei Unternehmern, die zwar pflichtgemäß von einem „schmerzhaften Kompromiss“ sprechen, sich aber freuen dürfen, dass ver.di auch bei der Öffentlichkeitsarbeit so gut „in der Spur“ läuft.

Schon der Dichter und Sänger Franz Josef Degenhardt riet politisch aufmerksamen Zeitgenossinnen und -genossen, „das, was nun wahr ist“, mit dem zu vergleichen, „was man für wahr verkauft“. Das werden sicher auch die Streikerprobten im Handel beherzigen, wenn sie hören, die Tarifverhandlungen für den Einzelhandel in Nordrhein-Westfalen hätten „ein Ergebnis erreicht, das den Beschäftigten spürbare Entgeltsteigerungen bringt“. Bei einer allgemeinen Inflationsrate von 2,8 Prozent, die aus den genannten Gründen bei den eher in der unteren Hälfte der Lohnskala angesiedelten Handelsbeschäftigten nur bedingt die finanziellen Belastungen des Alltags wiedergibt, ist das „Spürbar“ eine kaum nachzuweisende Größe.

Dieses übertriebene „Für-wahr-Verkaufen“ wurde im bayerischen Großhandel noch überboten. Beim dortigen Tarifabschluss wurde ein ähnliches Ergebnis wie jetzt im Einzelhandel als ein „weiterer Meilenstein“ im „Kampf gegen die drohende Altersarmut“ herausgeputzt. Wer den Beschäftigten ernsthaft solche Einschätzungen aufzutischen versucht, will diese offenbar gezielt „für dumm verkaufen“. Klar ist: Tarifergebnisse sind in aller Regel ein Ausdruck des Kräfteverhältnisses in einer Branche.

Das eine kämpfende Prozent der Beschäftigten im Handel übernimmt also wiederkehrend die Herausforderung und Verantwortung für die regelmäßige Erhöhung von Entgelten und Ausbildungsvergütungen, und das für viele, die immer noch an den „Klapperstorch“ unternehmerischer Großzügigkeit und „Bezahlung nach Leistung“ glauben. Haben sie kein Recht auf eine richtige Einordnung des Erreichten? Oder mit den Worten des italienischen Marxisten Antonio Gramsci: „Man braucht vor der Arbeiterklasse nichts von dem, was sie angeht, zu verstecken, auch wenn es ihr weh tun könnte.“ In der nächsten Tarifrunde lassen sich vielleicht mehr Beschäftigte motivieren und mobilisieren, den Unternehmen stärker „wehzutun“, auch wenn daraus nicht gleich neue „Meilensteine“ werden.

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"Für dumm verkauft?", UZ vom 4. September 2026



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