Zum Wirecard-Skandal

Stamokap wie aus dem Bilderbuch

Nein, niemand aus den herrschenden Klassen hatte natürlich die Absicht, das DKP-Parteiprogramm zu bestätigen. Hinsichtlich des Staates als einem „Feld der Klassenauseinandersetzung“ wird dort dargelegt, dass auf diesem Feld nicht nur Arbeit und Kapital, sondern auch verschiedene Kapitalfraktionen miteinander ringen und balgen. Dies sei keine ständige Wiederholung der immer gleichen Muster, sondern es zeichneten sich in diesen Auseinandersetzungen „Keimformen eines globalen staatsmonopolistischen Regulierungssystems“ ab.

Zu diesem globalen Regulierungssystem gehören die sogenannten „Big Four“, die international tätigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften Deloitte, Ernest and Young (E & Y), KPMG und PricewaterhouseCoopers. Das System funktioniert im Markt der Finanzdienstleistungen, in dem sich Wire­card lange so erfolgreich tummelte, wie auch in anderen Bereichen großer Konzerne grob so: Die Geschäftsberichte der Unternehmen werden nicht von den staatlichen Aufsichtsbehörden direkt im Detail geprüft. Das wird einer der großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften überlassen, die sich diese Prüfarbeit von den zu prüfenden Unternehmen fürstlich bezahlen lassen. Die staatlichen Aufsichtsbehörden – in diesem Fall die „Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht“ (BaFin) – nehmen beides, Geschäftsbericht und Wirtschaftsprüfungs-Testat, zu den Akten und beschränken sich auf Stichproben, wenn ihnen etwas merkwürdig vorkommt.

Nun hat Ende Juli der Finanzausschuss des Deutschen Bundestages eine Sondersitzung zur Pleite von Wirecard abgehalten. Die dauerte dreimal so lange wie geplant. Eine erneute Sondersitzung ist anberaumt. Bei allen Oppositionsparteien wird über einen Untersuchungsausschuss nachgedacht. Klar ist bereits jetzt: Die BaFin hat gepennt. Auf ihre weitgehenden Befugnisse, bis hin zu Hausdurchsuchungen selbst initiativ zur werden, hat sie großzügig verzichtet. Im Haifischbecken des staatsmonopolistischen Kapitalismus riecht es nach Blut: BaFin-Chef Felix Hufeld ist ähnlich angeschlagen wie E & Y, die Gesellschaft, die Wirecard bis zuletzt vorbehaltlos testiert hatte, dass ihre Buchführung tipptopp in Ordnung sei.

Freuen tun sich über das Schauspiel die anderen drei der „Big Four“ und die Haifische jenseits des großen Teichs, die den Absturz des deutschen Möchtegern-Global-Players Wirecard mit stiller Häme genießen werden.

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"Stamokap wie aus dem Bilderbuch", UZ vom 7. August 2020



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