Die Verfilmung von „Poor Things“

Steampunk mit Zuckerglasur

Irgendwo zwischen George Bernard Shaws für das Musical „My Fair Lady“ (1956) herhaltender Ovid-Adaption „Pygmalion“ (1913) und Mary Shelleys „Frankenstein or The Modern Prometheus“ (1818) findet sich der Roman „Poor Things“ des schottischen Sozialisten und Verfechters der Unabhängigkeit von London Alasdair Gray (1934 – 2019) aus dem Jahre 1992. Nun hat der griechische Regisseur Giorgos Lanthimos (u. a. „The Lobster“, 2015) das Buch zur Filmvorlage genommen.

Um Vorlagen geht es darin auch: Emma Stone spielt mit all der Kraft, die in ihren Augenbrauen ruht, das ansehnliche Monster, das, ehe es menschengemachte Kreatur wird, zu Anfang des Films stirbt. Als Victoria Blessington springt sie von der Tower Bridge in die Themse. Der wenig konventionelle und putzige Hybridtiere zusammenbauende Arzt Godwin Baxter (Willem Dafoe) nimmt es arg christlich mit der Selbstmörderin und zieht den Leichnam aus dem Wasser, ehe er neben dem Friedhof und ohne geistliche Begleitung verscharrt werden kann. Victorias beschädigtes Gehirn ersetzt der von seinem Vater Misshandelte durch das Zerebrum des Fötus, mit dem sie zum Zeitpunkt ihres Ablebens schwanger ging. Physisch errettet und geistig geboren ist nun die auch namentlich als Schöne bezeichnete Bella, die ihren Schöpfer frei von Anbetung und so profan, wie Spitznamen eben sind, „God“ nennt. Er selbst, so altruistisch er sein mag, stellt die notwendig hässliche Seite der Wissenschaft aus. Fast überflüssig, dass man Willem Dafoe noch eine Maske aufzieht, aber so kommt das Christliche noch mehr zum Tragen, denn vier Hautlappen zieren seine oft ausgestellte Schokoladenseite so, dass ein Jesuskreuz gut erkennbar ist.

An überdeutlichen Zeichen wie diesem ist „Poor Things“, der an den ersten „Frankenstein“-Verfilmungen aus den 1930ern anlehnend in Grautönen einsteigt, nicht arm.

Was Rechte wähnen, wenn sie davon hören, dass man im Schulunterricht nichtheterosexuelle Lebensweisen als Teil der Realität vorstellen möchte, wird hier als frühkindliche Sexualisierung Praxis: Vom entmannten „God“-Vater in der Hinsicht nicht angerührt, entdeckt Bella als Kleinkind im Kopfe nebenbei und am Esstisch sitzend ihren erwachsenen Körper und legt Hand an, dass es Spaß macht. Derweil buhlt der Anwalt Duncan Wedderburn (Mark Ruffalo) um Bella, die sich für ihn und gegen „God“-Intimus und Medizinstudent Max McCandles (Ramy Youssef) und damit gegen Wissenschaft und für Genuss entscheidet.

Filmhistorisch ist das Rückverfrachten von Kindern in Erwachsene nichts Neues; in „Big“ wurde 1988 ein 12-Jähriger (David Moscow) von einem Wahrsageautomaten am Rande eines Jahrmarkts in den Körper seines erwachsenen Selbst (Tom Hanks) gezaubert. Heute, ob der darin dargestellten Romanze, kein unstrittiger Film. Und auch die Emanzipation der sich kindlich-verrutscht ausdrückenden Bella verläuft nicht ohne Sex: Auf einer Kreuzfahrt nach Lissabon – wie jedes optische Element nach etwa einem Drittel des Films in Steampunk mit Zuckerglasur gehalten – erschöpft sie den Gatten im Bett und stellt am Mann an sich eine „Schwäche“ in Sachen Standhaftigkeit fest.

Einen Entwicklungssprung macht Bella, als sie sich mit anderen weiblichen Reisenden assoziiert, auch wenn sie allzumenschlich daran scheitert, den Glücksspielgewinn ihres Ehemanns für wohltätige Zwecke zu spenden; stattdessen landen beide verarmt auf den Straßen von Paris.

Arme Dinger, in der Tat. Der selbstmitleidige Wedderburn zelebriert das Fiasko des sozialen Tiefschlags; Bella muss für beide sorgen. Sie verdingt sich als Prostituierte, lernt das Recht kennen, selbst Entscheidungen zu treffen, findet zu Ideen des Feminismus und Sozialismus und gleichsam zurück zur Wissenschaft.

Eine etwas schnöde Entwicklung, wäre da nicht die Vergangenheit, die Bella zwar nicht, jedoch Victoria Blessington hatte und die Bella nun einholt. Ein Anzeichen dafür, dass es eine wesentliche Differenz zwischen Evolution und Revolution gibt und sich alte Verhältnisse eben nicht einfach nur passiv auswachsen lassen, je später das Leben wird. Manche aber schon: „God“ ist kein Gott, zumindest nicht im Aspekt der Ewigkeit. Er stirbt.


Poor Things
Regie: Giorgos Lanthimos
Unter anderem mit Emma Stone, Mark Ruffalo und Willem Dafoe
Im Kino


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Über den Autor

Ken Merten (seit 1990) stammt aus Sachsen. Er hat in Dresden, Hildesheim und Havanna studiert. Seine Schwerpunkte sind die Literatur der Jetztzeit, Popkultur und Fragen von Klassenkampf und Ästhetik. 2024 erschien sein Debütroman „Ich glaube jetzt, dass das die Lösung ist“ im Berliner XS-Verlag.

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"Steampunk mit Zuckerglasur", UZ vom 26. Januar 2024



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