Wenn sie uns 5 Prozent mehr Lohn nicht zahlen wollen, fordern wir eben 10 Prozent: 7 Prozent für alle plus weitere 3 Prozent für Gewerkschaftsmitglieder. Denn wenn die Kapitalisten Tarifflucht begehen, muss ihnen unsere Antwort richtig weh tun. Diese Botschaft der Metallerinnen und Metaller an den Vorstand von Aequita ist unmissverständlich.
Quasi über Nacht hatten Belegschaft und Betriebsrat der Eisengießerei Breyden in Breidenbach im hessischen Lahn-Dill-Bergland erfahren, dass der international agierende Finanzinvestor sich aus der Tarifbindung verabschiedet hatte und einem „Arbeitgeber“-Verband ohne Tarifbindung beigetreten war. Dies, obwohl Aequita noch vor wenigen Wochen erklärt hatte, die Tarifbindung nicht in Frage stellen zu wollen. Am 23. September hatten die Bosse dieses Versprechen gegeben. Zwei Tage zuvor hatten sie jedoch die Tarifflucht bereits still und leise vollzogen. Die lokale IG Metall kommentierte diesen Schritt nicht nur als „einen Frontalangriff auf die Belegschaft, sondern auch als Wortbruch sondergleichen.“
Schon unmittelbar nach der Übernahme des ehemaligen Buderus-Guss-Werks in Breidenbach im Frühjahr 2024 hatte Aequita laut IG Metall in kürzester Zeit „viel Vertrauen in der Belegschaft verspielt“. Das Klima war von Differenzen zwischen Belegschaft und Konzernvertretern bestimmt. Es fing damit an, dass nicht alle von Aequita beim Kauf angekündigten Investitionen im Werk auch getätigt wurden. Dazu kommt eine spürbare Leistungsverdichtung und ein oft sehr rauer und geringschätziger Umgangston, der von den neuen Führungskräften an den Tag gelegt wurde. Dies führte immer wieder zu Unruhe und Differenzen.
Als dann Aequita im Winter 2024 über den Wirtschaftsausschuss einen millionenschweren Verzicht der Belegschaft auf tarifvertragliche Leistungen forderte, stand die Situation schon einmal kurz vor einer Eskalation. Aufgrund massiven Widerstands von Seiten der Belegschaft und des Betriebsrats musste damals der Vorstand zurückrudern und offiziell auf einer Betriebsversammlung verkünden, dass sie den Tarifvertrag nicht in Frage stellen würden. Der Vorstoß im Wirtschaftsausschuss sei ein Fehler gewesen.
Die Ereignisse bei Breyden belegen einmal mehr, dass, wenn ein international agierender Finanzinvestor einen Betrieb übernimmt, dies in der Regel für die Belegschaft nichts Gutes bedeutet. Diese Erfahrung machten ein Jahr zuvor auch die Beschäftigten einer Eisengießerei im 60 Kilometer entfernten Lollar. Dort teilte Aequita zwölf Monate nach der Übernahme mit, das dortige Werk schließen zu wollen. Die Vernichtung von 230 tarifgebundenen Industriearbeitsplätzen war die Folge.
Immer wieder das gleiche Spiel, das man zur Genüge auch von anderen „Heuschrecken“ kennt: Mittelständische Unternehmen und Konzernausgliederungen werden aufgekauft, ausgesaugt und wieder ausgespuckt. Die dann verbliebenen „restrukturierten“ Betriebsteile werden anschließend mit Gewinn weiterverkauft. Auf der Strecke bleiben die Beschäftigten.
Gegen diese Geschäftspraktiken regt sich in Breidenbach Widerstand. Belegschaft, Betriebsrat und IG Metall bereiten sich auf den anstehenden „Häuserkampf“ vor. In der vergangenen Woche wählten die gewerkschaftlich organisierten Kolleginnen und Kollegen in einer Mitgliederversammlung eine Tarifkommission, um in den kommenden Wochen einen Haustarifvertrag einschließlich der beschlossenen Lohnforderungen zu erkämpfen.
In einer Mitteilung der IG Metall heißt es hierzu: „Wenn wir jetzt, anstatt uns zu verstecken und zu betteln, gemeinsam aufrecht stehen und eigene Tarifforderungen aufstellen, dann spürt Aequita, dass sie mit dem Austritt aus dem Verband einen großen Fehler gemacht haben. Wenn wir entschlossen kämpfen, um unsere Forderungen durchzusetzen, dann merkt Aequita, dass es falsch war, die Belegschaft in Breidenbach so zu hintergehen. Dann spürt Aequita, dass sie sich mit den Falschen angelegt hat.“
Eine schmerzhafte Erfahrung, die in der Vergangenheit schon andere Kapitalisten im alten Industriegebiet zwischen Lahn, Dill und Sieg machen mussten.








