Metall-Tarifrunde: Kampfansage an die Beschäftigten

Ohne Streiks droht heftiger Reallohnverlust

Gerade mal 1,3 Prozent beträgt das karge Angebot der Kapitalseite an die 3,7 Millionen Kolleginnen und Kollegen der Metall- und Elektroindustrie – und das erst ab Juli 2028. Davor soll es 20 Monate ohne tabellenwirksame Erhöhung geben und nur eine Einmalzahlung ab Juli 2027 von 1 Prozent des durchschnittlichen Jahresbruttos. Je nach Tarifgebiet sind das zwischen 555 und rund 800 Euro – natürlich ohne Wirkung in der Tabelle. Und sie soll auch noch automatisch „differenzierbar“ sein. Das heißt, die Zahlung kann von Firmen, die weniger als 2,3 Prozent Nettoumsatzrendite haben, verschoben oder gestrichen werden. Bei einer Laufzeit von 26 Monaten sind dies lediglich 0,6 Prozent mehr pro Jahr, bei einer Inflation von derzeit 3,3 Prozent (September 2026). Das wäre eine heftige Reallohnsenkung. Südwestmetall nennt dies einen „fairen und sehr fein austarierten Vorschlag, der den Inte­ressen beider Seiten gerecht wird“. Die Gewerkschaft lehnt das Angebot ab – mit den Worten „zu spät, zu niedrig, zu lang, zu wenig Zukunft“.

„Das ist kein Beitrag zur Lösung. Das ist eine Kampfansage an die Beschäftigten“, kommentiert Horst Ott, Verhandlungsführer der IG Metall Bayern, dieses Angebot. Caroline Schwanke, die bei BMW in Dingolfing arbeitet, analysiert die Auswirkungen auf die Jugend, die in Bayern 110 Euro mehr fordert: „Die vorgeschlagenen 1,3 Prozent würden einem Azubi in Bayern im ersten Ausbildungsjahr 16,49 Euro bringen. Das reicht vorne und hinten nicht. Das ist keine Wertschätzung, sondern ein Schlag ins Gesicht der Auszubildenden.“

Blickt man zurück auf vergangene Tarifrunden, so sticht das Angebot durch eine extrem niedrige tabellenwirksame Lohnerhöhung hervor. Im Jahr 2024 wurde in der 2. Verhandlungsrunde zum Beispiel für 27 Monate eine zweistufige Erhöhung von insgesamt 3,6 Prozent angeboten – also fast das Dreifache von dem, was dieses Mal auf dem Tisch liegt. 2024 forderte die IG Metall 7 Prozent und 170 Euro für Auszubildende.

Bereits im Jahr 2025 war die Entwicklung der Tariflöhne im Vergleich mit anderen Sektoren eine der schwächsten, wie eine Analyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) zeigt. Dieses Jahr werden bescheidene 5 Prozent bei einer Laufzeit von 12 Monaten gefordert. Arbeitsplätze und Standorte sollen gesichert werden. Außerdem soll es in gut laufenden Unternehmen eine tarifliche Gewinnbeteiligung geben und Beschäftigte mit niedrigen Einkommen und Auszubildende sollen eine soziale Komponente erhalten.

Die Kapitalisten sind jedenfalls im Angriffsmodus: Neben dem unverschämt niedrigen Angebot fordern sie die Ausweitung der automatischen „Differenzierung“. „Differenzierung“ bedeutet, dass ein Betrieb bei Problemen Zahlungen verschieben oder aussetzen kann, wie bereits beim Transformationsgeld. Dies würde den Flächentarif weiter aushöhlen, die Arbeiterbewegung spalten und schwächen. Außerdem sollen eine tarifliche Verpflichtung zu Gesprächen über Krankenstände und Maßnahmen zur Senkung der Krankheitskosten vereinbart werden. Damit soll der Druck auf die Beschäftigten erhöht, die Ausbeutung verschärft und Absicherungen gekippt werden.

Insgesamt eine schwierige Ausgangslage. Überall wird Personal abgebaut, Standorte werden geschlossen oder Schließungen angedroht. Kapital und Regierung greifen betriebliche, tarifliche und soziale Errungenschaften an. Insbesondere der VW-Konzern sticht dabei hervor. Die VW-Stammwerke fallen zwar unter einen eigenen Haustarifvertrag, mit der Kündigung von zehn Tarifverträgen und der Ankündigung, bis zum Jahr 2030 Nullrunden fahren zu wollen, setzt der Konzern jedoch ein deutliches Zeichen, dass in die allgemeine Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie hineinwirkt. In vielen Standortvereinbarungen werden nicht nur Sonderzahlungen abgesenkt, sondern auch Tariferhöhungen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, nur in Teilen bezahlt oder ganz einkassiert.

Dies wirkt sich auf die Mobilisierung aus. Während zum Beispiel in Baden-Württemberg bei den verhandlungsbegleitenden Aktionen in der Tarifrunde 2024 noch 10.000 Metallerinnen und Metaller teilnahmen, waren es dieses Jahr nur noch 3.500. In Bayern nahmen im Jahr 2024 circa 5.000 teil, dieses Jahr waren es nur 3.200. Wichtig ist, die Streikphase in der ersten Novemberwoche zu nutzen, um den Druck auf die Metallkapitalisten zu erhöhen, damit sie von ihrem unverschämten Reallohnsenkungsangebot abrücken müssen. Dies wird nicht mit einigen kurzen Warnstreiks zu erreichen sein. Es braucht mindestens 24-Stunden-Streiks oder gar Erzwingungsstreiks, wenn eine weitere Reallohnsenkung verhindert werden soll.

Im Bezirk Küste konnten die Kolleginnen und Kollegen am Mittwoch, dem 4. November (nach Redaktionsschluss) darüber abstimmen, ob sie für einen 24-Stunden-Streik sind. Das ist ein nachahmenswertes Beispiel. Aus anderen Bezirken ist zu vernehmen, dass es eher bei mehrstündigen Warnstreiks bleiben soll.

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"Ohne Streiks droht heftiger Reallohnverlust", UZ vom 6. November 2026



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