Rund zweihundert hochrangige Bosse, die allesamt einige Milliarden Dollar freier Mittel in den Bilanzen der von ihnen kontrollierten Unternehmen stehen haben, hatte die Bundesregierung Mitte letzter Woche für zwei Tage nach Berlin gebeten, um bei ihnen um Investitionen in die deutsche Industrie zu werben. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) schwärmte anschließend von Zusagen in Höhe von 230 Milliarden Euro, weigerte sich jedoch, diese hübsche Summe aufzuschlüsseln. Aus dem Kanzleramt wurde sogar die Zahl 800 in die Medienlandschaft geraunt, aber nur ein einziger bedeutender Investor nannte eine konkrete Summe: Amazon wolle, so ließ der Konzern verlauten, 16 Milliarden Euro in den Ausbau von Rechenzentren und die Modernisierung seiner Logistikstandorte stecken. Über welchen Zeitraum das geschehen solle, blieb ebenso im Nebel wie die Antwort auf die Frage, wie sicher denn diese Zusage sei. Rechtlich verbindlich ist sie jedenfalls genauso wenig wie die 230 oder gar die 800 Milliarden, für die der Kanzler sieben Ministerinnen und Minister als Standortverkäufer in die Manege beordert hatte – allen voran Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD), der freimütig bekannte: „Ich will Ihr Geld!“ Das war übrigens zum Teil „sein“ Geld beziehungsweise das deutscher Steuerzahler. Denn eine Regierung, die – vor allem für Panzer und Raketen – mehr ausgibt als sie einnimmt, muss sich die Differenz leihen. Die dafür fälligen Zinsen – bedient eben mit Steuermitteln – landen bei weltweiten Finanzkonzernen. Die suchen dann nach profitablen Anlagemöglichkeiten und schauen auch mal gnädig bei solchen Werbeveranstaltungen vorbei.
Nützen tut die kollektive Bettelei wenig. Die amtliche Statistik der Bundesbank weist aus, dass die ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland in den ersten acht Monaten dieses Jahres 43 Milliarden Euro betrugen – ein Jahr vorher waren es im selben Zeitraum 79 Milliarden. Woran das liegt, wird neben der Auto- oder Chemieindustrie in immer neuen Branchen deutlich. So fürchtete beispielsweise die hier beheimatete Industrie für die Erzeugung von Flachglas für den Wohnungsbau oder die Autoindustrie bis vor kurzem keine Konkurrenz. Zum einen lieferte sie beständig gute Qualität, zum anderen lohnten die hohen Transportkosten für die schweren Glasscheiben den Import bislang nicht. Innerhalb von drei Jahren ist die Zahl der hiesigen Produktionsstraßen aber von einem Dutzend auf acht gesunken. Das Glas wird nämlich mit Gas geschmolzen und dank des deutschen Wirtschaftskrieges gegen Russland sind dessen Preise hierzulande derart explodiert, dass die rund 300 sogenannten „Floatinganlagen“ in China nun auch unter Anrechnung der Transportkosten von Ostasien nach Westeuropa die deutschen Anbieter vom Markt verdrängen.
Bettelei ohne strukturelle Maßnahmen kommt gegen solche elementaren ökonomischen Kräfteverschiebungen – politisch von CDU und SPD gewollt – nicht an. Brutaler und erfolgreicher ist daher auch Merz’ Hauptverbündeter jenseits des Atlantik. Für nur 90 Sekunden bat Donald Trump am Wochenende auf einer Wahlveranstaltung in Georgia den Chef von Audi, Gernot Döllner, auf die Bühne, um ihn verkünden zu lassen, dass sein Unternehmen 4 Milliarden US-Dollar in ein neues Werk im dortigen Bundesstaat investieren wolle und dafür schon nächstes Jahr die Bagger rollen würden. Die dort für den US-amerikanischen Markt gebauten Audi-SUVs und andere sogenannte Premiummodelle werden dann eben nicht mehr in Neckarsulm montiert, sondern in Georgia, um Trumps Einfuhrzölle zu vermeiden. Diese Investition wird vom VW-Chef Oliver Blume und seinem Aufsichtsratsvorsitzenden Dieter Pötsch begrüßt. Unter dem Strich zieht sie jedoch 4 Milliarden US-Dollar Investitionsvolumen aus Deutschland ab – entgegen allem Berliner Pomp und den dortigen Luftbuchungen.








